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| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
Das
Leichte und das Schwere.
Interview mit der Schriftstellerin Eva
Menasse über ihren Debüt-Roman "Vienna".
Von Harald Loch aus
den Nürnberger Nachrichten
vom 17.03.2005:
In ihrem Debüt-Roman „Vienna“
entwirft Eva Menasse mit den Geschichten einer jüdischen Wiener Familie das
Panorama einer Epoche. Der umfangreiche Roman stieß bei der Literaturkritik auf
eine durchaus gemischte Resonanz. Die Autorin, 1970 in Wien geboren, arbeitete
in ihrer Heimatstadt als Kultur-Korrespondentin, seit 2003 lebt sie in Berlin.
Eva Menasse liest aus ihrem Roman am 7. April (20 Uhr) im Literatur-Archiv
Sulzbach-Rosenberg. Unser Mitarbeiter traf sie in Berlin.
Sie haben für „Vienna“ die aufregende, sehr farbige Geschichte Ihrer
gemischt jüdischen und österreichisch-deutschen Familie als Schatz gehoben.
Ihr Roman ist für den Leipziger Literaturpreis vorgeschlagen. Wollen Sie bei
der schönen Literatur bleiben oder zum Journalismus oder der Zeitgeschichte zurückkehren?
Eva Menasse: Ich habe beim Schreiben von „Vienna“ etwas bemerkt, was ich
vorher nicht so genau wusste: ich erfinde gern. Ich habe da gewissermaßen Blut
geleckt und daher große Lust, weiter erzählende Prosa zu schreiben. Ich denke
allerdings an etwas Kürzeres als Nächstes. Und dafür habe ich schon ein paar
Ideen. Nach so einem langen Roman wie „Vienna“ muss ich erst einmal Luft
holen.
Bei „Vienna“ war es so: ich habe die Grundkonstellation, die ich in meiner
Familie vorgefunden habe, ziemlich unverändert übernommen. Auch viele markante
Zitate und exotische Biografien sind authentisch und stammen aus vielen
Interviews, die ich mit meiner Familie und anderen Zeitzeugen gemacht habe. Zum
Beispiel die Figur der Cilly Haas: Sie klagt noch posthum ihren im KZ ermordeten
Ehemann dafür an, dass er an ihrer Deportation schuld sei. So etwas kann man
nicht erfinden, und ich glaube, man darf es auch nicht. Aber das, was aus dem
Buch einen Roman macht, besteht aus meinen Einfällen, aus den Szenen, den
Dialogen - und die sind alle erfunden. Innerhalb dieses Rahmens bleibt doch viel
Raum für erzählende Fiktion.
Was haben Sie dazu erfunden?
Menasse: Im Roman gibt es zwei ziemlich unterschiedliche Cousins -
ich habe
aber nur einen. Er sagte mir, nachdem er „Vienna“ gelesen hatte, dass er
sozusagen eine Doppelrolle in meinem Roman spiele. Natürlich gibt es auch den
Verein „Mischlinge 2000“ nicht. Ich benutze diese Erfindung, um die
Diskussion über die Frage, wer ein richtiger Jude sei, ein wenig auf die
Schippe zu nehmen. Für viele Menschen, vor allem solche mit jüdischen Vätern,
die auf Grund der Tradition nicht automatisch als Juden anerkannt werden, aber
auch für nicht religiös erzogene Juden, sind das quälende Fragen.
Seit zwei Jahren leben Sie jetzt in Berlin. Vermissen Sie Österreich, oder
besser gesagt Wien, nicht manchmal?
Menasse: Eigentlich nicht. Ich finde Berlin von Tag zu Tag besser, seit ich
gemerkt habe, dass der unglaublich ruppige Ton der Menschen hier nur eine
Einladung zur Kommunikation ist. Außerdem ist Berlin so herrlich groß und im
Vergleich mit Wien so beunruhigend anarchisch. Nur im Frühling fehlen mir die
Wanderungen in den Voralpen südlich von Wien. Wissen Sie, das ist eine typische
Doderer-Landschaft. Doderer
ist neben Joseph Roth und
Vladimir Nabokov einer der
Dichter, von dem ich die Gesamtausgabe besitze. Mein Mann und ich haben seit
kurzem ein Häuschen am See in der Nähe von Fürstenwalde und uns also für die
nächsten Jahre hier eingerichtet.
Sie bringen in „Vienna“ ja viel Witz und Humor unter, mischen das Leichte,
Anekdotische, durch Wien Flanierende mit dem mörderischen Hintergrundgeschehen,
das manchmal nur angedeutet ist. Entspricht die Mischung Ihrem Naturell oder
verfolgen Sie damit eine Absicht?
Menasse: Wir haben doch alle die Bilder und die Fakten des Holocaust im Kopf.
Die ständige Wiederholung schwächt längst eher ab, als dass sie etwas klar
macht. Ich vertraue der Wirkung des Weglassens, genauer: ich drücke mich eben
auch durch das aus, was wir alle wissen, was ich bewusst so unterspiele, bis es
weh tut. Wir sind überflutet von Bildern der Gewalt. Die Aufgabe der Literatur
— wie des Films — muss gerade darin bestehen, andere Formen der Eindrücklichkeit
zu finden. In diesem Sinne ist die möglichst unauffällige Mischung des
Leichten mit dem Schweren natürlich ganz bewusst und Absicht — aber es
scheint mir auch mein Naturell ermöglicht zu haben, diesen Weg zu finden.
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