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| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
Der
Marx-Brother
Poetik-Dozent
Robert
Menasse predigt die Welterrettung
Von Christoph
Schröder in der Frankfurter
Rundschau, 13.5.2005:
"Ich bin Gott." Von Woche zu Woche, von
Vorlesung zu Vorlesung, steigerte Robert Menasse das Bekenntnis, mit dem er
seine Frankfurter Poetik-Dozentur eröffnete. Am Ende war er also ganz oben
angekommen - der Schriftsteller als Schöpfer der ganzen Welt. Wie diese Welt
verfasst ist, wie es gerade um sie steht, das haben wir in den vergangenen fünf
Wochen erklärt bekommen. Es steht schlecht um sie.
"Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung", so tosend wie
der Titel kam auch die gesamte Reihe daher, keine leisen Töne, keine
Nachdenklichkeit und keine Zweifel, schon gar keine Zweifel an sich selbst. Die
zerstörte Welt sollte erfahren, wie sie sich selbst retten kann, die Anleitung
dazu wurde ihr nun an die Hand gegeben. Was soll, was muss eine Poetik-Dozentur
leisten? Allein schon der Rahmen erfordert die Erfüllung gewisser Erwartungen:
Ein gefüllter Hörsaal erwartet Pointen. Das ist die eine Seite. Dass der Hörsaal
jede Pointe dankbar aufnimmt und beklatscht, sei sie auch noch so fadenscheinig
und wohlfeil, noch so kalkuliert, noch so populistisch - auch das ist nicht neu,
aber selten wurde es so deutlich wie hier. Man hörte und sah. Und ab und zu war
man peinlich berührt.
Robert Menasse hat keine Poetik-Dozentur gehalten, auch wenn er ganz am Ende
versuchte, den Bogen zu schlagen, indem er behauptete: "Ich habe Ihnen
einen Roman vorgetragen, und die Hauptfigur waren Sie." Das ist unwahr. Er
hat ein Traktat vorgetragen, und die Hauptfigur war er. Wenn ein Schriftsteller
die Welt beschreibt, in der er zu leben glaubt, sagt das noch nichts über seine
Poetik, auch wenn er fordert, diese Welt mit Hilfe der Literatur zu verändern.
Menasse geißelte das "System", das eine Unzeit hervorgebracht habe,
ein System, das dafür gesorgt habe, dass es keine Opfer mehr gebe, sondern nur
noch solche, "die nicht mehr tough genug sind, sich durchzusetzen". Er
rühmte Karl Marx als einen der bedeutendsten Autoren der deutschen
Literaturgeschichte, weil dieser mit dem Kapital einen großen bürgerlichen
Entwicklungsroman verfasst habe. Er hielt ein "Plädoyer für die
Gewalt" (so der Titel der vierten Vorlesung), in dem er den Terror des 11.
September als "unsere Rettung im dialektischen Sinne" bezeichnete und
die Terroristen als "Ideal einer individuellen Entfaltung". Und er
bekam Beifall dafür.
Doch der Begriff des Engagements, dem Robert Menasse zu einer Renaissance
verhelfen wollte, blieb undefiniert. Denn dies ist keine Neudefinition:
"Engagement ist das Dynamit, das Sie als Leser liefern, ohne zu wissen,
dass die Lunte brennt." Man sehnte sich danach, dass Robert Menasse über
das linkspopulistische, geschichtsphilosophisch unterfütterte Wortgeklingel
hinaus gekommen wäre, dass er nicht Sätze gesagt hätte wie "Das
Gegenteil von Bildung ist Ausbildung", dass er nicht noch einmal die
Unterschiede zwischen dem 11.9.1973 in Chile und dem 11.9.2001 in New York erklärt
hätte, dass er nicht Roland Koch oder Henry Kissinger an den Pranger gestellt hätte
- kurz: man hätte sich von einer in den Umhang der Poetik-Dozentur gewandeten
Kapitalismuskritik etwas anderes erwartet. Etwas, das man noch nicht wusste.
"Was", so fragte Menasse in seiner letzten Vorlesung (unter der
programmatischen Überschrift "Die Rettung des Lebens durch die Zerstörung
der Welt") "ist das für eine Welt, in der es eines Dichters bedarf,
um auf solche Zustände hinzuweisen?" Eine Welt, in der Menschen anderen
Menschen gelegentlich Böses antun. Es ist keine bessere, keine schlechtere Welt
als jemals zuvor. Um das zur Kenntnis zu nehmen, brauchen wir keinen Dichter.
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