Robert Menasse, 1997, Foto: Ekko von Schwichow

Robert Menasse
Foto: Ekko von Schwichow

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Der Marx-Brother
Poetik-Dozent Robert Menasse predigt die Welterrettung
Von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 13.5.2005:

"Ich bin Gott." Von Woche zu Woche, von Vorlesung zu Vorlesung, steigerte Robert Menasse das Bekenntnis, mit dem er seine Frankfurter Poetik-Dozentur eröffnete. Am Ende war er also ganz oben angekommen - der Schriftsteller als Schöpfer der ganzen Welt. Wie diese Welt verfasst ist, wie es gerade um sie steht, das haben wir in den vergangenen fünf Wochen erklärt bekommen. Es steht schlecht um sie.

"Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung", so tosend wie der Titel kam auch die gesamte Reihe daher, keine leisen Töne, keine Nachdenklichkeit und keine Zweifel, schon gar keine Zweifel an sich selbst. Die zerstörte Welt sollte erfahren, wie sie sich selbst retten kann, die Anleitung dazu wurde ihr nun an die Hand gegeben. Was soll, was muss eine Poetik-Dozentur leisten? Allein schon der Rahmen erfordert die Erfüllung gewisser Erwartungen: Ein gefüllter Hörsaal erwartet Pointen. Das ist die eine Seite. Dass der Hörsaal jede Pointe dankbar aufnimmt und beklatscht, sei sie auch noch so fadenscheinig und wohlfeil, noch so kalkuliert, noch so populistisch - auch das ist nicht neu, aber selten wurde es so deutlich wie hier. Man hörte und sah. Und ab und zu war man peinlich berührt.

Robert Menasse hat keine Poetik-Dozentur gehalten, auch wenn er ganz am Ende versuchte, den Bogen zu schlagen, indem er behauptete: "Ich habe Ihnen einen Roman vorgetragen, und die Hauptfigur waren Sie." Das ist unwahr. Er hat ein Traktat vorgetragen, und die Hauptfigur war er. Wenn ein Schriftsteller die Welt beschreibt, in der er zu leben glaubt, sagt das noch nichts über seine Poetik, auch wenn er fordert, diese Welt mit Hilfe der Literatur zu verändern.

Menasse geißelte das "System", das eine Unzeit hervorgebracht habe, ein System, das dafür gesorgt habe, dass es keine Opfer mehr gebe, sondern nur noch solche, "die nicht mehr tough genug sind, sich durchzusetzen". Er rühmte Karl Marx als einen der bedeutendsten Autoren der deutschen Literaturgeschichte, weil dieser mit dem Kapital einen großen bürgerlichen Entwicklungsroman verfasst habe. Er hielt ein "Plädoyer für die Gewalt" (so der Titel der vierten Vorlesung), in dem er den Terror des 11. September als "unsere Rettung im dialektischen Sinne" bezeichnete und die Terroristen als "Ideal einer individuellen Entfaltung". Und er bekam Beifall dafür.

Doch der Begriff des Engagements, dem Robert Menasse zu einer Renaissance verhelfen wollte, blieb undefiniert. Denn dies ist keine Neudefinition: "Engagement ist das Dynamit, das Sie als Leser liefern, ohne zu wissen, dass die Lunte brennt." Man sehnte sich danach, dass Robert Menasse über das linkspopulistische, geschichtsphilosophisch unterfütterte Wortgeklingel hinaus gekommen wäre, dass er nicht Sätze gesagt hätte wie "Das Gegenteil von Bildung ist Ausbildung", dass er nicht noch einmal die Unterschiede zwischen dem 11.9.1973 in Chile und dem 11.9.2001 in New York erklärt hätte, dass er nicht Roland Koch oder Henry Kissinger an den Pranger gestellt hätte - kurz: man hätte sich von einer in den Umhang der Poetik-Dozentur gewandeten Kapitalismuskritik etwas anderes erwartet. Etwas, das man noch nicht wusste.

"Was", so fragte Menasse in seiner letzten Vorlesung (unter der programmatischen Überschrift "Die Rettung des Lebens durch die Zerstörung der Welt") "ist das für eine Welt, in der es eines Dichters bedarf, um auf solche Zustände hinzuweisen?" Eine Welt, in der Menschen anderen Menschen gelegentlich Böses antun. Es ist keine bessere, keine schlechtere Welt als jemals zuvor. Um das zur Kenntnis zu nehmen, brauchen wir keinen Dichter.

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