Treu
oder lesbar?
Diskussion um Moby-Dick-Übersetzungen
Von
Dorothea Dieckmann
am 8.12.2004 im Deutschlandfunk:
Welcher Moby Dick? Vor drei Jahren hat der
Hanser-Verlag eine viel gelobte Neuausgabe des berühmten Romans von Herman
Melville vorgelegt: die sechste deutsche Version dieses phantastischen
Bastards aus Abenteuerroman, neubarocker Allegorie und "Great American
Novel". Ein zehn Jahre währender, quälender Editionskrimi fand mit der
deutschen Fassung durch Matthias Jendis ein Ende. Ursprünglich hatte man im
Jahr 1991 einen anderen Übersetzer beauftragt: Friedhelm Rathjen, bekannt durch
seine sperrigen Neuübersetzungen von Mark
Twain, Robert S.
Stevenson oder James
Joyce. Die Übersetzung war fertig, da warf nach endlosen Verzögerungen und
Neuverhandlungen das erste Herausgebertrio das Handtuch. Friedhelm Rathjen
erinnert sich:
Das Problem der Geschichte war an einer bestimmten Stelle
dann, dass ein Herausgeber für diese Ausgabe gefunden wurde, der nicht wirklich
konform ging mit meiner Übersetzung ... Daraufhin wurde dann beschlossen, dass
meine Übersetzung überarbeitet werden sollte, was ja nichts Schlimmes ist ...
Doch der neue Herausgeber, der Kasseler Amerikanist Daniel Göske, und der mit
der Überarbeitung beauftragte Matthias Jendis konnten sich mit dem Übersetzer
nicht auf eine für beide Seiten gültige Version verständigen.
Es gab ein Zusammentreffen der Herren Göske und Jendis mit
mir, wo wir auf der Grundlage vorher ausgetauschter Argumente uns auf eine
Kompromisslinie geeinigt haben; dummerweise erkannte ich diese Kompromisslinie
in der Fassung, die mir am Ende vorgelegt wurde, überhaupt nicht wieder. Und es
war damit auch keine Fassung, der ich meinen Namen geben konnte.
Als im Herbst 2001 die Übersetzung von Matthias Jendis erschien, präsentierte
gleichzeitig Norbert Wehr, einer der früheren Betreuer der Hanserschen
Melville-Ausgabe, in seiner Zeitschrift "Schreibheft" Teile der
ursprünglichen Übersetzung und einen Aufsatz, in dem Rathjen seine Grundsätze
darlegte. In der Kontroverse, die sich daraufhin entzündete, wurde Rathjen
einerseits für seine Erfindungskraft gelobt, andererseits für sein sklavisches
Kleben am Original getadelt.
Ja, man hat mir ja sogar vorgeworfen, es war wohl als
Vorwurf gemeint, ich sei der sturste Übersetzer Deutschlands; ich nehm' das
aber ruhig als Kompliment auf. Ich bin an diese Übersetzung rangegangen und war
stur in dem Sinne, alles aus dem Text herauszuholen, was mir möglich war. Dazu
ist aber etwas anderes erforderlich als Sturheit, nämlich eine gewaltige
Flexibilität, Flexibilität wohlgemerkt nicht im Umgang mit dem Originaltext,
Flexibilität im Umgang mit der deutschen Sprache. Ich tu der deutschen Sprache
dann auch schon mal weh, das ist klar. Aber das hat Melville mit seiner
englischen Sprache (ja wohl) auch gemacht.
"Niemand wird es wagen können und wollen, über kurz oder lang mit einem
weiteren Übersetzungsversuch auf den Markt zu kommen", bedauerte damals
die Basler Zeitung. Diese Voraussage wird nun Lügen gestraft: Der
Zweitausendeins Verlag hat mit Norbert Wehr als Herausgeber die siebte
Übersetzung vorgelegt - in einem stolzen, mit Rockwell Kents Illustrationen von
1931 versehenen, drei Kilo schweren Prachtband.
Da ist sie nun, die deutsche Fassung dieses von Melville als "Entwurf eines
Entwurfs" bezeichneten, zugleich archaischen und modernen Werks, eine
Fassung, die in jeder Zeile die Brüche und Eigentümlichkeiten von Stil,
Syntax, Lexik, Interpunktion und, nicht zuletzt, Klang nachzubilden sucht. So
tönt nun der fürchterliche Kapitän Ahab in Rathjens Text und Stimme:
Aye, aye! und ich wird ihn ums Gute Hoffnung jagen und ums
Hoorn und um den norwegischen Mahlstrom und um die Flammen der Verdammnis, eh
ich ihn fahren lasse. Und das ist's, wofür ihr angemustert habt, Männer! jenen
weißen Wal zu jagen auf beiden Seiten vom Land und über alle Seiten der Erde,
bis dass er schwarzes Blut spritzt und die Finne von sich streckt. Was sagt ihr,
Männer, wollt ihr die Hände dreinschlagen, was? Ich denk, ihr schaut tapfer
aus.
"Ich denk, ihr schaut tapfer aus", das ist die direkte Nachbildung des
englischen "I think ye do look brave", das in der Jendis-Übersetzung
mit abgeschwächter, hochsprachlicher Eleganz lautet: "Ihr scheint mir Mut
zu haben." Unzählig sind die Beispiele solcher Zähmung des
widerständigen Originaltextes in der mittlerweile etablierten
Hanser-Übersetzung, deren Textnähe die der Vorgänger zwar weit übertrifft,
dennoch aber deutlich den Kriterien der so genannten leichten Lesbarkeit folgt.
Für Rathjen bedeutet dies eine unzulässige Glättung der Textoberfläche:
Der Ahab spricht in vielen Kapiteln, wie man sich so einen
Seebären vorstellt, sehr rauhbauzig und kurz und knapp, und plötzlich im
nächsten Moment setzt er zu grandiosen shakespeareartigen Monologen an. Dann
wieder kommt seine Quäker-Herkunft zum Tragen, und er spricht in
altertümlichen Wendungen voller "thee" und "thou", wie es
im Original dann heißt. Das passt eigentlich alles nicht zusammen. Aber es
gehört zusammen in diesem Buch, und muss deswegen in dieser Vielfalt natürlich
in der Übersetzung berücksichtigt werden.
So ein Bruch in der Figurenrede geschieht in der zitierten Szene, in der Ahab
seine Männer auf die Jagd einschwört. Als Ahab die Skepsis seines Steuermanns
Starbuck bemerkt, wechselt die kurz angebundene Kraftsprache in eben dies
salbungsvolle Quäker-Englisch, in dem es nicht "you", sondern "thou"
heißt und die altertümliche Anredeform "wilt" statt "will"
und "art" statt "are" verwendet wird:
But what's this long face about, Mr. Starbuck; wilt thou
not chase the white wale? art not game for Moby Dick?
Von diesem harten Wechsel ist bei Jendis nichts zu bemerken. "Doch was soll
das lange Gesicht, Mr. Starbuck?", heißt es da. "Willst du den
weißen Wal nicht jagen? Fehlt's dir an Mut für Moby Dick?" Rathjen
dagegen:
Aber was ziehest du für ein langes Gesicht, Mr. Starbuck;
wollest den weißen Wal nicht jagen? keinen Mumm für Moby Dick?
Die Maxime, die Zielsprache der Quellsprache weitestgehend anzuverwandeln, gilt
in der heutigen deutschsprachigen Übersetzungspraxis als radikal. Wenn die
Ideale weniger prinzipienfester Übersetzer Behutsamkeit und Ausgewogenheit
sind, so lautet Rathjens Leitbegriff: "getreu." Im alten Streit
zwischen Integrieren und Distanzieren, Einbürgerung oder Verfremdung
entscheidet sich Rathjen im Zweifelsfall immer dafür, die Strukturen des
Originals sicht- und hörbar zu erhalten, ja die Eigentümlichkeiten kräftig zu
unterstreichen. Daher die Poesie seines Moby Dick, die Manierismen und
experimentellen Extreme von Rathjens Deutsch. Nach einhelliger Meinung ist aber
gerade dies eine Eigenschaft des Melvilleschen Englisch.
Der Melville packt alles, was ihm irgendwie in den Kopf
kam, in dieses Buch hinein, sortiert das immer wieder neu, aber die besten
Sortiermechanismen können dieses Buch nicht davor bewahren, dass es ein sehr
schönes Chaos ergibt, in dem man schwelgen kann oder muss, wenn man was davon
haben will ... Wenn man so einen Roman abliefert, wird einem das normalerweise
jeder Lektor um die Ohren hauen.
Dies Schicksal würde der Hanser-Übersetzung niemals widerfahren; darin kommt
sie dem Leser entgegen, und darin liegt ihre Problematik. Nach der Lektüre der
ersten Auszüge von Rathjens ungehobelter Eindeutschung sprach der große
Anglist Dieter E. Zimmer, Herausgeber einer neuen Nabokov-Übersetzung,
sein Machtwort. Rathjen, so schrieb er,
... unternimmt es, das Befremdende an der Sprache des
Moby-Dick in ein ebenso befremdendes, verkorkstes Deutsch zu überführen.
Tatsächlich ist vieles im englischen Moby-Dick gewollt und ungewollt
befremdlich. Aber so radikal befremdlich, wie Rathjen meint und wie sich seine
Übersetzung nun liest, ist Melville keineswegs. Der unübersehbare
Hauptunterschied zwischen beiden Fassungen besteht jedoch darin, dass die von
Jendis in der Tat gut lesbar ist, die von Rathjen nur mit etlicher Mühe.
Vor kurzem hat derselbe Dieter E. Zimmer einen Aufsatz von Vladimir
Nabokov übersetzt, in dem sich der große englisch schreibende Russe zu
eben diesem Problem äußert:
Lesbar, dass ich nicht lache! Der Schnitzer eines
Schuljungen ist ein geringerer Hohn auf das alte Meisterwerk als dessen
kommerzielle Umdeutung oder Poetisierung. ... Sobald es der Übersetzer darauf
angelegt hat, den "Geist" - und nicht den Wortsinn - wiederzugeben,
beginnt sein Verrat an diesem Autor. Die unbeholfenste wörtliche Übersetzung
ist tausendmal nützlicher als die hübscheste Paraphrase.
Und wer immer noch den Verdacht hegt, die neue Moby-Dick-Übersetzung des
Zweitausendeins Verlages sei hässlich und holprig, der tauche in den herrlich
schmierigen, glitschigen Klang, den das Walfett bei Melville und Rathjen
annimmt, wenn es die Matrosen vom klumpigen Zustand in eine balsamische
Flüssigkeit zerdrücken.
Squeeze! squeeze! squeeze! all the morning long; I squeezed
that sperm till I myself almost melted into it; I squeezed that sperm till a
strange sort of insanity came over me ...
Drücken! Drücken! Drücken! den ganzen Morgen lang; ich drückte jenen Walrat,
bis ich selbst beinah darein verschmolz; ich drückte jenen Walrat, bis eine
seltsame Art von Irrsinn mich überkam ... Lasst uns uns selbst allumfassend in
die Milch und den wahren Walrat der Menschliebe zerdrücken.
Leseprobe I Buchbestellung 0105 LYRIKwelt © D.D. I Deutschlandradio