Ernst Meister, April 1978, Foto: Galerie Gey/U. Zufall (hf0316)Ernst Meister, um 1952 , Foto: privatErnst Meister und die Hiesigen
Eine journalistische Gouache

Von Horst Kniese in Streifzüge, Geschichten und Gedichte Westfälischer Autoren, 2011, Goki-Verlag:

Ernst Meister *1911 - +1979

1957:
Annette von Droste-Hülshoff-Preis
1963: Großer Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen
1976:
Petrarca-Preis
1978:
Rilke-Preis
1979:
Büchner-Preis

Josef Müller-Marein (Paris), einst Kritiker-Star der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, schrieb der Witwe Else Meister zum Tod von Ernst Meister im Jahr 1979:  "Es wird mit Ernst Meister wie mit so manchen anderen Genies gehen: Er wird mehr und mehr in seiner Bedeutung erkannt werden. Aber jetzt schon wissen wir, dass Sie in Ihrer weltoffenen Art notwendig für ihn und damit für sein Werk waren."

Streifzüge, 50 Jahre Autorenkreis Ruhr-Mark, 2011, Goki-VerlagMüller-Marein hatte mit seiner Prognose Recht im Hinblick auf die Literaturwissenschaft. Doch die Diskussion um ihn ist schläfrig geworden. Sein Grab, neben dem von Christian Rohlfs, wird nur noch selten besucht. Selbst die stammelnden Laute der Banausen, die sich spöttelnd an den Rätseln in seiner Lyrik ergötzten, sind verstummt. Es tut Not, anlässlich seines 100. Geburtstages am 3. September 2011 wieder ein Feuer der euphorischen und kritischen Diskussion zu entfachen. Wie anders wäre das möglich als im Kreise von Literaten? Auch die »Hiesigen« sind dabei, die sich natürlich überörtliche Verstärkung suchen. Aber sie haben Abgründe zu überwinden.

Für den Dichter musste es ein emotionaler Höhepunkt seiner triumphalen Karriere gewesen sein: Dieses wärmende Bad in einer Menge intellektueller Geister hatte er wohl nicht erwartet, doch dann sichtbar wie selbstverständlich genossen: in einem für damalige Maßstäbe ansehnlichen Raum, der sich abends von einem Architekturbüro in eine Kunstgalerie zu verwandeln pflegte. Meister wollte eigentlich doch nur einmal seine schwelgerischen informellen Bilder in der Galerie Parnaß/Jährling in Wuppertal ausstellen, in die er viel Gefühl und befreite Gedanken investiert hatte. Natürlich gelang auch das. Der Abend wurde darüber hinaus ein intensiver literarischer Erfolg. Sogar ein Triumph! Am 21. Mai 1957 erschien der etwas nüchterne Bericht. 1) Ernst Meister las natürlich aus eigenen Werken. Überwältigend, fast schockartig explodierte eine kleine geistige »Bombe« mitten im Saal unter den dichgedrängten Zuhörern, die auch Zuschauer wurden, nämlich die Verwandlung des Literaten und Malers in einen Magier der sprechenden Pantomime beobachteten. Sein gesprochenes Wort war die Überrachung des Abends. Hören und Sehen summierten sich zum Genuss.

*

Das wurde für Meister fortan zu einem fast eingeübten Rezept, was da in der Wuppertaler Atelier-Galerie eine spontane Geburt erlebte. Das anregend intellektuelle Spiel mit Brille, Licht und Gestik wirkte wie ein aufregendes Ambiente für die Mathematik der strengen Worte, die dadurch noch spannender wurden. Atemlose Stille begleitete nun alle Auftritte des geborenen Meisters im Doppelsinn. Seine Gesten wurden ebenso bedeutsam wie Sprache. Irgendwie drangen sie in emotionale Schichten vor. Sprache war bei solchen »Meisterereignissen« mit Rätseln verzierte Algebra: in der Schrift Denken, im Mündlichen war es Magie. Ernst Meister konnte volltönend und eindringlich sprechen und brachte ein meist sehr kulturbeflissenes Publikum in euphorische Erregung. Das war Würze, Esprit mit Erfolgsgarantie für seine vielen zukünftigen Auftritte, auch zum Beispiel bei den Burdas vor den versammelten Stars der europäischen Literatur, ein Orkan der Begeisterung. Die stimulierende Faszination sickerte hinein in die Substanz der Trauerbriefe an die Witwe: eine Mischung von Gratulation für den Büchnerpreis und Schmerz über den Verlust.

*

Im Arbeitszimmer kam als anregendes Requisit zu Brille, Licht, Gesten noch die auch damals schon uralte Erika-Schreibmaschine hinzu, wenn er sich bei der Arbeit »zusehen« ließ. Das entsprach einer gewissen Dosis an Vertrautsein. Sein sparsames Lächeln war eine Auszeichnung. In den vielen Lesungen bildeten seine Texte immer wieder kleine umjubelte literarische Explosionen, Appetithäppchen und Schocks zugleich. Wie hier! 2)

lch will weitergehn -
zu Berge fallen,
zu Tale steigen,
ich will weitergehn
Ich besuche ein Grab.
Der Kopf eines Fisches
durchbrach den Hügel;
sein Auge schaute mich an
zwischen Blumen,
mein Herz stand still.
Am Saume des Meers
steht der Tor,
und der Wind flüstert ihm zu:
Das Salz der See
kann nicht dumm werden.
 

Durch das Netz, das nicht fängt,
fielen Wünsche und Wunsch,
und das Schweigen sprach:
Den Bettler der Worte
wird der Himmel nicht schelten.

 

Ich will weitergehn,
zu Berge fallen,
zu Tale steigen.

Ich will weitergehn.

*

Geist zu sein
Oder Staub, es ist
Dasselbe im All.
Ernst Meister

Den Reiz des Reziproken hat Ernst Meister in seiner Poesie häufig ausgekostet. In dem ersten philosophisch grotesken »Meister- Gedicht« wendet er dieses Sprachmittel provokativ an. Er spielt sogar mit der Gunst des Himmels, dabei verstärkt er seine Gedanken durch ebenso diese Umkehr der Begriffe. Im zweiten, das auch auf der Todesanzeige der Ehefrau stand, philosophiert er mit Elementarbegriffen des Sterbens wir Geist und Staub im All. Ein Hauch von Glauben und Zweifel mischt sich bei dieser Gegenüberstellung ins grüblerische Denken. Meister breitet seine Todesfurcht und seine Todessehnsucht aus, experimentiert mit den physischen Substanzen des Todes.

Ende März 1967 3) traf ich ihn in einer Phase des Leidens und verzweifelter Produktion an: "Leicht gebeugt ist die Haltung Ernst Meisters, des 55-Jährigen geblieben. Klar auch der Blick, auch wenn die Augen nur noch verzerrte Konturen, entstellte Farben sehen. Er steht vor gefüllten Bücherregalen, möchte hineingreifen und weiß nicht mehr, wo dieser oder jener Band steht, nicht einmal ,sein Hegel', er könnte selbst mit stärkster Lupe nicht mehr lesen. Die Krankheit kam von heute auf morgen. Heimgekehrt von einer Feier der Landesregierung, als er stundenlang im gleißenden Licht der Fernsehscheinwerfer gesessen hatte, konnte er plötzlich nicht mehr richtig sehen, Krankenhaus, Klinik in Bonn, die vier Wände daheim in der Berliner Straße 74a, derweil die Frau zur Arbeit gehen musste. Keine Bücher mehr, keine Möglichkeit, selbst zu schreiben. Versuche mit einem winzigen Tonbandgerät, Medikamente, Müdigkeit und Auflehnen, Protest aus dem Inneren, dennoch Arbeit. Ernst Meister macht sein Leiden wie seine Gedichte zum Denkprozess ... Der Dichter destilliert unablässig Leiden und Gedanken zur Sprache, so den Begriff vom Karussell der Kultur, das ganz auf den Kreis der Gesunden abgestuft sei. Er protestiert gegen eine Poesie, die auf dem Holzwege sei, wenn sie Wahrheiten vergesse, Hässlichkeiten und Leiden ausklammere ... Gefeilte Worte wie ,wie das Gewebe, aus dem du gemacht bist, heißt denkende Zeit' sind das Destillat der Weisheit aus einem permanent gewordenen seelischen Aufruhr, der immer neue Gedanken hervorbringt. Es klingt wie nüchtern klare Diagnose, aber es ist wahr: Das Leiden hat in Ernst Meister schöpferische Kräfte geweckt."

Hans Schulz-Fielbrandt, der Gründer und erste Vorsitzende des Autorenkreises, der sich um eine Mitgliedschaft Meisters hartnäckig vergeblich bemüht hatte, bedenkt Meister mit der sanftesten Ironie, zu der er fähig war. In seiner »Literarurgeschichte von Hagen und Umgebungs' gibt er eine objektive Analyse, fügt aber hinzu: "Seine Ausstrahlungskraft war nicht groß. Er lockte bei Lesungen immer nur kleine Gruppen von Zuhörern an. Aber unter ihnen vermochte er manchmal wegen seiner Eigenwilligkeit und mit seiner grübelnden sinnlichen Seinslyrik voller Dunkelheit und Abgeschlossenheit Stille und Betroffenheit auszulösen."

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Gernot Burgeleit, sein Nachfolger, der sich als Lyriker der denkenden Sprachkunst Meisters immer wieder geistig verbunden fühlte, lenkte die Haltung des Autorenkreises in modernere Bahnen und seilte sich ab von den mehr eitel konservativen Neigungen mancher Autoren. Zum 20. Todestag Ernst Meisters widmete er in der Sprache seiner eigenen Lyrik einen posthumen Gruß an den Dichter: 5)

Ernst Meister liest

Wartet und schweigt
üb
erm Lesepult,
bringt Sätze hervor,
w
ie im Sagen erdacht,

bringt Sätze hervor,
w
ie im Sagen erdacht,

bringt Sätze hervor,
w
ie im Sagen erdacht,

bebrütet Gedrucktes,
e
ntziffert es schwer,

von der Welt und vom Nichts,
w
o die Fragen hausen,

die Augen des Sehers
s
ind müde geworden.

steht staunend im Kreis
v
on Bewunderern.

Bedenkt seine Verse,
l
iest stockend, verweilt,

Uns aber
b
leibt er im Buch.

Gernot Burgeleit

 

Es sollte wieder nüchtern werden in dieser journalistischen Gouache: Im Jahr 2011 des 100. Geburtstages des Dichters Ernst Meister am 3. September begeht der Autorenkreis Ruhr-Mark sein 50-jähriges Bestehen. Eine Verbindung zwischen beiden Ereignissen zu konstruieren, wäre mehr als mutig, aber dennoch bei gutem Willen eine Möglichkeit. Zwar hat sich der Kreis der Autoren leidenschaftlich um die größte literarische Begabung bei uns bemüht, ihn wenigstens um eine Dosis der Annäherung gebeten, das Genie hat aber stets Nein gesagt. Dennoch gab es ein Minimum von einem geistigen Wechselspiel.

*

Gernot Burgeleit, dessen Lyrik auch einem Ernst Meister einen Hauch von Kommunikation hätte abringen können, wenn nicht da die Scheu des Dichters vor allen »hiesigen Talcntcn« gewesen wäre. Meister ist - das sollte man beachten und achten] - unter den »Hiesigen« immer wieder zum Ausflugsrevier von Grübeleien geworden. Burgeleit bewahrt die sensiblen Absagen von Ernst Meister an den »hiesigen« Autorenkreis Ruhr-Mark sorgfältig im Gedächtnis und auf Papier auf. Der langjährige Vorsitzende zitiert daraus manchmal aus dem Stegreif.

Der Adressat der Absagen im Jahr 1962, Hans Schulz-Fielbrandt, ein leidenschaftlicher Sammler von literarischen Talenten in einer vielgestaltigen Region, litt fortan an einer tiefen Kränkung. Nachfolger Burgeleit hat die Abneigungen gegen das »elitäre Genie« nicht weiter kultiviert, sondern sie nur sorgfältig registriert. Er selbst bewunderte sogar die kunstvolle Form der Absagen. Und hatte wie viele ein heimliches Verständnis. Meister konnte nicht anders. Er machte sogar aus dem negativen Bescheid eine literarische Kostbarkeit, wenn er ironisch lobt: "Sie geben sich viele Mühe mit den schriftstellerisch Hiesigen."

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Heinrich Böll, der wie viele andere Prominente der Witwe Else Meister nach dem Tode Meisters kondolierte, wagte auf dem Krankenbett einen Hauch von Eingrenzung, gegen die sich der prominente Hagener Lyriker immer entsetzt gesträubt hatte: "Es bleibt von ihm das Zeitliche, auch das Zeitgenössische und einiges mehr, auch das, was ich jetzt das Westfälische nenne und das eben deshalb weit über Westfalen hinaus ihn hebt ... " Diese einzige Einengung würde Meister akzeptieren. Bekennender Westfale war er ja auch, denn den Westfälischen Literaturpreis (Droste-Hülshoff-Preis) nahm er dankend an. Ernst Meisters 100. Geburtstag strahlt natürlich über Westfalen hinaus. Bewunderung braucht kein Echo vom Adressaten, aber sie kann die Erinnerung an einen philosophischen Lyriker beleben.

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Manes Sperber zielte ins Globale, als er ihn zum Büchnerpreis beglückwünschte, ohne vom Tode Meisters zu wissen: "Sie sind einer der wenigen Poeten dieser Zeit, dessen Dichtung mich angeht, auf dessen Stimme ich immer wieder lausche." Da wird Meisters Ausstrahlung international! Sperbers Träne versank nicht im Ozean.

Wie soll sich ein Kreis immerhin achtbarer Literaten gegenüber einem toten unnahbaren Geist verhalten? Nicht durch nachträgliche »Einvernahme«: Nur mit dem Eingeständnis, dass Meister die splendid isolarion der Berühmtheit zu Recht gesucht hat. Verehrung ist ein Zustand, der nicht Gegenrespekt erheischt. Zuneigung der lauteren Art bedarf keines Gegengewichtes. Der Autorenkreis sollte Meister mit einem Leseabend von Meister- Texten ehren.

1) Horst Kniese: »Dicbterlesung in Wuppertal", 21. 5. 1957; »Westfälische Rundschau«
2) »Ich will weitergehen« aus »Fermate«, Verlag »Eremiten Presse", Stierstadt/Taunus, 1957; »Geist zu sein ... «, entnommen der Todesanzeige von Ernst Meister, 1979 in der »Westfalenpost«, Hagen
3) Horst Kniese: »Kraft aus dem Martyrium«, 1. 4. 1967, »Westfälische Rundschau, Hagen
4) Hans Scbulz: »Literaturgeschichte in Hagen und Umgebung«, »Heimatbuch Hagen + Mark« 1987, S. 137
5) Gernot Burgeleit. »Ernst Meister liest«, »Heimatbuch Hagen + Mark« 2000, S. 112

Rezension I Buchbestellung I home IV11 LYRIKwelt © Mit freundlicher Genehmigung von Horst Kniese