Ernst Meister, April 1978, Foto: Galerie Gey/U. Zufall (hf0316)Ernst Meister:Eine Würdigung
Er gehört zu den bedeutendsten Dichtern der Nachkriegszeit. Die Literaturwelt feiert am 3. September den 100. Geburtstag des Lyrikers und bildenden Künstlers Ernst Meister (1911 - 1979). Im Interview mit unserer Zeitung würdigt Dr. Walter Gödden, Leiter des Referats Literatur beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe und Geschäftsführer der Literaturkommission für Westfalen, die Bedeutung des Hageners.
Von Monika Willer in der Westfalenpost, 19.8.2011:

Frage: Welche Bedeutung hat Ernst Meister für die deutsche Nachkriegsliteratur?

Walter Gödden: Ernst Meister ist ein Großer der Literatur, eine eigenständige Stimme. Die Zahl seiner Fürsprecher ist prominent – ich nenne hier nur Namen wie Hans Bender, Walter Höllerer, Walter Jens oder Sarah Kirsch. Die bedeutenden Preise, die Meister erhalten hat, sprechen für sich, angefangen vom Droste-Preis über den Petrarca-Preis bis zum Büchner-Preis.

Frage: Meisters Karriere entwickelte sich mit Widerhaken: Können Sie entscheidende biographische Stationen schildern?

Walter Gödden: Meister wuchs in Hagen-Haspe auf und besuchte dort das Gymnasium. Anschließend begann er auf Drängen seines Vaters das Studium der evangelischen Theologie, wechselte aber bald zur Philosophie und Literatur. Dann kam der Krieg und Meister wurde Soldat. Versuche, das Studium mit der Promotion abzuschließen, scheiterten. Ebenso Meisters Versuche, in der Fabrik seines Vaters einem „normalen“ Brotberuf nachzugehen. So lebte Meister seit den 1950er Jahren in Hagen als freischaffender Künstler in einfachen Verhältnissen. Inzwischen verheiratet und mehrfacher Familienvater, litt er notorisch unter Geldmangel. Schon damals war es schwer, von der Literatur zu leben. Seine Gedichtbände, die in rascher Folge erschienen, waren finanziell wenig einträglich.

Frage: Gab es Wendepunkte?

Walter Gödden: Ein Wendepunkt war sicherlich die Auszeichnung Meisters mit dem Droste-Preis 1957. Er trat damit aus der engen regionalen Sphäre heraus. Auf den Droste-Preis folgten weitere literarische Ehrungen, zunächst regional, dann aber auch überregional. Zu Meisters Bekanntenkreis zählten bald so namhafte Autoren wie Paul Celan oder Heinrich Böll. Neue Perspektiven taten sich auf. Meister wechselte von der kleinen Eremiten-Presse zum großen Limes-Verlag. 1962 schrieb Walter Jens über Meister in der Zeit: „Es gibt nicht viele Verkannte in unserem Land; aber einige gibt es, und einer von ihnen ist der Lyriker Meister.“ Solche Statements halfen mit, Meister in der größeren Literaturszene Deutschlands zu etablieren.

Frage: Welche Themen pflegte Ernst Meister?

Walter Gödden: Es gibt Themen, die sich wie ein roter Faden durch sein Werk ziehen. Hierzu gehört die Auseinandersetzung mit der Existenz an sich. Auch die Beschäftigung mit antiker Mythologie und dem Glauben sind für längere Schaffensperioden charakteristisch. Meisters späte Gedichte umkreisen in immer konzentrierterer Form das Thema Tod. 1979 schrieb ihm der Philosoph E.M. Cioran: „Selten hat sich ein Dichter so weit in den Tod hineingewagt wie Sie. Das ist Ihr Sieg.

Frage: Meister hat die Stadt Hagen nie verlassen. Welche Beziehung hatte er zu seiner Heimat?

Walter Gödden: Meister ist gern gereist, vor allem in den Süden, beispielsweise nach Ibiza und nach Südfrankreich. Mehrfach hielt er sich in Séguret in der Provence auf. Sein Lebensmittelpunkt aber blieb Hagen. Hierüber gibt es ein schönes Selbstzeugnis aus dem Jahre 1968, einen Essay mit dem Titel „Ein Hagener aus Haspe“. Meister geht darin ausführlich auf sein privates Lebensumfeld ein, das er heiter und liebevoll beschreibt. Er schätzte offensichtlich sein „gemütliches“ Westfalen und stand mit seiner Umwelt auf bestem Fuße. Bereits 1949 hatte er Karl Löwith geschrieben, die Stadt Hagen sei zwar „dürftig im Umgang“, es ließe sich hier aber dennoch gut leben. Es wäre aber gänzlich verfehlt, Meister regional vereinnahmen zu wollen. Sein Schaffen war eher, wie es einmal hieß, im Weltraum zu Hause. Mit einem landsmannschaftlichen Westfalenbewusstsein hatte das nichts zu tun.

Frage: Welche Weggefährten waren wichtig für ihn?

Walter Gödden: In seiner frühen Phase dürfte Meister das Lob Klaus Manns über seine Gedichte viel bedeutet haben. Für Meisters geistige Entwicklung war sein Lehrer Karl Löwith wegweisend, der wegen seines jüdischen Glaubens emigrieren musste. Dann wären natürlich seine vielen Dichterkolleginnen und Kollegen zu nennen, mit denen Meister im Dialog stand, wobei ich vor allem den Namen Nicolas Born nennen möchte. Für ihn war Meister so etwas wie ein Übervater. Meister betreute Borns literarische Anfänge und wurde später, als Born selbst ein bekannter Autor war, von diesem gefördert.

Frage: Im Zusammenhang mit dem Schmallenberger Dichterstreit spielt Meister eine zentrale Rolle. Um was ging es bei diesem berühmten Dichterstreit?

Walter Gödden: Das Schmallenberger Dichtertreffen 1956 bedeutete einen Wendepunkt in der westfälischen Literatur. Damals begehrte eine junge Autorengeneration um Hans Dieter Schwarze und Paul Schallück gegen die seinerzeit gefeierten westfälischen Heimatdichter auf, die vielfach NS-belastet waren. Die Jüngeren forderten den Anschluss an die moderne Dichtung und hatten dabei die „Gruppe 47“ im Hinterkopf. Es kam zu einem Eklat und jahrelangen Diskussionen über das „Westfälische in der Literatur“ und literarisches Heimatbewusstsein. Meister hielt sich aus diesen wütenden Kontroversen heraus, er verkörperte aber mit seinen abstrakten und teilweise hermetischen Gedichten ein neues literarisches Formbewusstsein. Für die jungen Rebellen war Meister so etwas wie eine Galionsfigur. Man kann also sagen, dass mit Ernst Meister die Moderne Einzug in die westfälische Literatur hielt. Und am Rande: In Schmallenberg las Meister erstmals vor großem Publikum – es hatten sich über 1000 Besucher in der Schützenhalle versammelt. Seine Lesung fand große Aufmerksamkeit, Meister wurde als Dichter bestaunt und gefeiert.

Frage: Wird sein Erbe heute noch gepflegt?

Walter Gödden: Es ist zweifellos stiller geworden um Ernst Meister. Aber es gibt einen festen Kreis von Verehrern, beispielsweise in der Ernst-Meister-Gesellschaft. Meisters Werke sind auf dem Buchmarkt präsent, und anlässlich seines 100. Geburtstags soll eine neue Werkausgabe im renommierten Wallstein-Verlag erscheinen. In den vergangenen Jahren erschienen Hör-CDs und eine Annäherung an Ernst Meister in Form eines Videofilms. Eine Arbeitsstelle an der Universität Aachen arbeitet den Nachlass auf, der vom Westfälischen Literaturarchiv in Münster vorbildlich betreut wird. Man kann also nicht sagen, dass Meister von der Forschung vergessen oder vernachlässigt wird. Das Jubiläum kann auf solche Fundamente aufbauen. Im Vorfeld der neuen Werkausgabe erschien beispielsweise eine Ernst-Meister-Chronik. Das sind alles vielversprechende Ansätze, das Andenken an diesen bedeutenden Dichter lebendig zu halten. Das geschieht übrigens auch durch den Ernst Meister Preis für Lyrik, den die Stadt Hagen seit 1981 verleiht.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der WESTFALENPOST]

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