Ernst Meister, April 1978, Foto: Galerie Gey/U. Zufall (hf0316)Der Blick durch die Brille des Existentialisten
Zum Tode Ernst Meisters

Von Hubertus Heiser in der Westfalenpost vom 18.06.1979:

Ernst Meister, ein Lyriker von Weltruf ist tot. Sein bedeutender Gedichtband "Wandloser Raum" war gerade auf dem Buchmarkt, und die Nachricht von der Verleihung des Georg-Büchner-Preises erreichte den Hagener Schriftsteller, Hörspielautor, Maler, Schauspielverfasser und vielfachen Preisträger nur wenige Stunden vor seinem Ableben.

Am Autorentreffen in Münster konnte das PEN-Zentrumsmitglied nicht mehr teilnehmen, und die Öffentlichkeit sah den philosophischen Schöpfer ungezählter Denk-Gedichte zuletzt auf dem Bildschirm im Mai in dem "Versuch einer Annäherung" des WDR.

Meisters Lebenswerk läßt sich nur schwer rubrizieren: Der inhaltliche und formale Reichtum seiner Poesie läßt sich kaum auf einen Nenner bringen. Natur, Landschaft, abstrakte Gedanklichkeit, Großstadt, Mystik, Rationalität oder Absurdität sind Kategorien, die bei Meisters Lyrik bestenfalls für einen Teil ihrer Motive und Elemente zutreffen.

Seine Dichtung war und ist eine intellektuelle Poesie in Gestalt einer meditativen, gedanklich motivierten Lyrik, die in ungeschminkter und unverzierter Sprachform nach den Grundformen und -bedingungen menschlicher Existenz in der, wie Meister es sah, "kosmischen Preisgegebenheit" fragt.

Wandloser Raum von Ernst Meister, 1979, LuchterhandMeister war ein Prophet des Willens zum Ganzen im ständigen Zwiespalt des Daseins mit dem "uns und alles umgebenden und alle Horizonte aufzehrenden unendlichen Raum" (Wandloser Raum). Seine literarische Arbeit war von Beginn an eine Rebellion gegen das "So-Sein" der Welt und damit ein Ansturm gegen die letzte irdische Grenze.

Die Thematisierung der menschlichen Existenz, hängend im Koordinatensystem von Zeit und Raum und pausenlos nach dem Sinn fragend, war Selbstbegründung und Vergewisserung der Gedichte Meisters. In der radikalen Erfragung dessen, was ist und was das heißen soll, "ich bin" und "ich bin, weil ich bin", gelang es in Meisters Gedichten, die Wirklichkeit zu übersteigen. Und gerade hierin liegt seine revolutionäre Qualität.

Als 1932 der erste Gedichtband des damals 21jähringen Ernst Meister erschien, horchte die Literaturwelt auf. Da war das Wort wie ein Kristall, über das Meister einmal sagte: "Ein Gedicht ist ein Ereignis, das durch sich selbst in der Direktheit seiner Existenz wirken muß.".

Es stellte sich ein literarischer Erfolg ein, wie er nur wenigen Lyrikern zu Lebzeiten zuteil wurde: 1957 Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis, 1962 Literatur-Preis der Stadt Hagen, 1963 großer Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen, 1976 Petrarca-Preis, 1978 Rilke-Preis, 1979 Büchner-Preis. Die Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt) wollte Ernst Meister den Preis zum Büchner-Geburtstag am 17.Oktober überreichen.

Die Literaturwelt verlor einen ungewöhnlichen Menschen, des Oeuvre neben Gedichtbänden wie "Ausstellung", "Im Zeitspalt" oder "Wandloser Raum" auch Schauspiele "Ein Haus für meine Kinder" (1966 am Staatstheater Wiesbaden uraufgeführt) und Aquarellminiaturen wie Gouachen umfaßte, die eigentlich alle eine kontinuierliche Fortsetzung seines existentiellen Zeitthemas darstellten.

Meister blickte durch die Brille des Existentialisten, wahrscheinlich auch Atheisten, und addierte letztlich eine Todesrechnung voll bedrückender Klarheit. Den Tod nämlich begriff Ernst Meister als die radikale Tilgung der Existenz, eine Erkenntnis, die dem Lyriker das Verstehen der Welt überhaupt erst ermöglichte.

Der große Lyriker, der am 3. September 1911 in Hagen-Haspe geboren wurde und Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte studiert hatte, sagte zum Thema "Tod" vor wenigen Wochen: "Sterben heißt, sich von der Seite der Erfahrung auf die der Leere drehen", denn "Geist u sein oder Staub, das ist dasselbe im All".

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der WESTFALENPOST]

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