Selma Meerbaum-Eisinger, Foto:HoCa (hf0708)Ich bin in Sehnsucht eingehüllt von Selma Meerbau-Eisinger, 2005, HoCa, Hörbuch, gelesen von Iris BerbenGedicht der Woche
So rein, so hell, so bedroht
Von Hans Jansen in der WAZ, vom 14.1.2006:

Selma Meerbaum-Eisinger war ein jüdisches Mädchen aus Czernowitz in der Bukowina. Deutsche nahmen ihr die Freiheit und das Leben. Sie starb am 16. Dezember 1942 mit 18 Jahren in einem Arbeitslager. Die Sprache, ihr geliebtes Deutsch, hatten ihr die Mörder nicht nehmen können. Ein Jahr vor ihrer Deportation schrieb sie: „Du weißt du, wie der Regen weint? Und wie ich geh’, erschrocken bleich, und nicht weiß, wohin zu fliehn?“

Was übriggeblieben ist von ihr und auf wundersame Weise von Leidensgenossen gerettet wurde, sind 57 Gedichte. In ihnen versucht sie, eine grausame Wirklichkeit in Poesie zu verwandeln. Sie fasst in Verse, was 2000 Kilometer weiter westlich Anne Frank in ihrem Tagebuch dokumentierte – unsagbares Leid und unauslöschliche Sehnsucht nach Leben: „Ich möchte kämpfen und lieben und hassen und möchte den Himmel mit Händen fassen.“

Die besten ihrer Verse sind ein Stück Weltliteratur. Doch die Welt nahm sie nicht zur Kenntnis – bis der Publizist Jürgen Serke bei Recherchen für sein Buch „Die verbrannten Dichter“ in Israel auf den verschollenen „Nachlass“ der Selma Meerbaum-Eisinger stieß und ihn 1980 unter dem Titel „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ bei Hoffmann und Campe herausgab. Neben der Neuauflage gibt es im selben Verlag ein Hörbuch mit Iris Berben.

Selma, einer Cousine des großen Lyrikers Paul Celan, schrieb ihre Gedichte mit Bleistift in ein Album, das sie buchstäblich in letzter Minute einer Schulkameradin zuspielen konnte. Es sind poetische Stillleben darunter von fragiler Schönheit, schwebend zwischen Tag und Traum. Und immer wieder Gedichte einer unerfüllten Liebe, gewidmet dem um ein Jahr älteren Freund, der auf der Flucht nach Palästina ums Leben kam.

Unser Beispiel variiert, ganz ohne Sentimentalität, die alte Form des Wiegenlieds. Es ist ein Gedicht, das man, wie Hilde Domin sagte, „weinend vor Aufregung liest: so rein, so schön, so hell und so bedroht“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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