Robert McLiam Wilson, 1996, Foto: Ekko von Schwichow

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Die Mehrheit ist cool
Der Schriftsteller Robert McLiam Wilson über Rassismus, Religionskämpfe und die neuen Jugendkulturen in Nordirland
Das Gespräch führte Elke Schmitter in Die Zeit, 1998:

Robert McLiam Wilson ist mit zwei Romanen in Deutschland bekannt geworden: mit "Ripley Bogle" (1989) und mit "Eureka Street, Belfast" (1997), einer Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs in Nordirland. Dieses jüngste Buch des 34jährigen katholischen Schriftstellers, der aus einer proletarischen Familie stammt und in Cambridge Literatur studierte und lehrte, ist inzwischen in fast alle europäischen Sprachen übersetzt. Das Gespräch, das Elke Schmitter in Belfast führte, fand einen Tag nach dem Brandanschlag von Ballymoney statt, bei dem drei katholische Kinder getötet wurden.

die zeit: Was ist nach dem Mord von Ballymoney anders geworden?

zeit: Werden sich die religiösen Gegensätze nie einebnen?

McLiam Wilson: Es gibt da eine Verschiebung. In den Siebzigern standen sich aufgebrachte Katholiken und tiefernste, seriöse Protestanten gegenüber. Heute scheint es umgekehrt. Die Protestanten haben etliche Privilegien verloren, ihr wirtschaftlicher Vorsprung ist dahin, und Tony Blair hat sie verlassen.

zeit: Also eine neue Art von Verzweiflung?

McLiam Wilson: Das ist richtig, allerdings muß man zweierlei dazu bedenken. Erstens: Glauben Sie niemals einem Iren. Wir lügen alle. Wir haben die Sprache der Civil Rights Movements geklaut, aus Amerika wie aus Südafrika. Wir sprechen von Apartheid, aber wir leben in einem Land, in dem wir alle wählen dürfen, alle. Die Katholiken haben den Dreh besonders gut raus, die tatsächlichen Diskriminierungen in eine Sprache zu kleiden, die irgendwie progressiv und links erscheint.

zeit: Das gilt für die Katholiken.

zeit: Warum zerfällt diese Ideologie gerade jetzt?

McLiam Wilson: Nun, als die Industrie hier langsam, aber sicher zugrunde ging, da mußten auch die protestantischen Arbeitslosen einsehen, daß sie im Grunde arme Schweine sind. Und plötzlich sind sie mit Leuten wie mir konfrontiert: Kinder aus dem katholischen Arbeitermilieu, für die Bildung die einzige Erfolgschance war. Die Protestanten hatten Ehrgeiz lange nicht nötig; sie waren ja relativ privilegiert und sicher, vor allem aber empfanden sie sich so.

zeit: Es ist also Zeit für eine linke Partei, eine sozialistische Ökumene?

McLiam Wilson: Absolut. In ganz Europa hatte es die Mittelklasse nicht so gut wie hier: Es gab ja keinen Klassenkampf. In diesem relativ armen, gering entwickelten Land hatte die Bourgeoisie ein leichtes Leben, und tatsächlich kann man in Irland auch relativ billig einigermaßen komfortabel existieren. Vor allem aber erspart der Religionskrieg eine Menge politischen Ärger.

zeit: Welche Rolle spielt die Amtskirche?

McLiam Wilson: Nun, für viele junge Leute keine mehr: Das ist hier nicht anders als in Berlin oder Paris. Die Religion bestimmt normalerweise, wo man wohnt; das ist nicht wenig, aber für viele auch schon alles. Die Kirche als Institution unterläuft die liberalen Gesetze, wann immer sie kann. Es ist zum Beispiel verboten, nach der Religion zu fragen, wenn an einer katholischen Schule ein Lehrer eingestellt wird. Also bittet man um Leumundszeugnisse, davon eines "von einem Pater Ihres Vertrauens" - und schon ist die Sache klar. Andererseits funktioniert die Religion als ein Muster, ein Symbol der Auseinandersetzung. Wir sind ein Volk von Rassisten, das sich der religiösen Sprache bedient, um kulturelle und ökonomische Auseinandersetzungen zu führen. Natürlich wirft das Probleme auf: Wir sind alle weiß, wir sprechen dieselbe Sprache, wir fahren im selben Bus durch die Stadt. Und auch wenn manche Protestanten der Ansicht sind, sie könnten einen Katholiken auf drei Meilen riechen, gelingt das doch nicht immer.

zeit: Eine totale Überlagerung?

McLiam Wilson: Sogar in den Kirchen selber. Als die Protestanten nach Irland kamen, waren sie radikal in ihrem Willen, die restriktive, tyrannische Macht der katholischen Kirche zu brechen, sie waren progressiv. Man darf sie nur nicht daran erinnern. Trotzdem gibt es heute in beiden Kirchen eine Menge Leute, die weit fortschrittlicher sind als ihre politischen Führer. Und viele von ihnen gehören zu der großen Zahl von Nordiren, denen es schlicht egal ist, ob sie zu England gehören oder zur irischen Republik. Die Telephonhäuschen werden anders gestrichen, die Post sieht anders aus, und mehr ändert sich für sie nicht. Das betrifft vor allem die jungen Leute.

zeit: Die früher vor allem auswanderten.

zeit: Und ebenfalls archaisch ist?

McLiam Wilson: Vollkommen. Deswegen glaube ich, daß die kulturellen Bewegungen im Moment viel wichtiger sind als die Auseinandersetzungen, die in der verkrusteten politischen Rhetorik Ausdruck finden. Yuppies kommen und gehen, die demographische Struktur der Stadt ändert sich. Vor zehn Jahren hätte ich keinen Fuß in diese Straße gesetzt, und jetzt wohne ich hier, und ich bin nicht der einzige Katholik. Es gibt Hunderte von Chinesen und Hindus in Belfast, eine Menge Europäer studieren hier. Etwa siebzig Prozent, meine ich, leben völlig normal, essen Baguette, schauen Comedy-Serien im Fernsehen, lesen gute Zeitungen - und sind viel aufgeweckter und auch nüchterner als ihre Politiker. Frauen machen Karriere, bevölkern die Unis - was hier vor zwanzig Jahren ganz undenkbar war -, und der Umgangston zwischen den Geschlechtern hat sich geändert. Es ist nicht mehr comme il faut, sexistische Bemerkungen zu machen.

zeit: Nordirland holt sein 68 nach?

McLiam Wilson: Genau. Vor dreißig Jahren, als es überall in Europa cool war, nur ja nicht zu tun, was die Eltern tun, konnte hier nicht die Rede davon sein. Die Gesellschaft war statisch und vollkommen befangen in ihren religiös-rassistischen Mustern. Die Frauenbewegung zum Beispiel hatte keine Chance, weil sie aus dem republikanischen Lager kam, für eine Protestantin also indiskutabel. Als ich jung war und Punk, war ich noch die Ausnahme. Auch heute besaufen sich junge Männer wie ihre Väter und liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei wie immer schon - aber jetzt sind sie die Ausnahme. Die Mehrheit ist cool, nimmt Ecstasy und geht zu Rave-Parties. Ecstasy ist eine andere Droge als Alkohol, es macht nicht aggressiv. Diese jungen Leute wissen nicht einmal, ob ihre Bekannten auf der Party katholisch sind oder Protestanten, das Thema ist praktisch erledigt.

zeit: Ist das ein Phänomen der Mittelschicht?

McLiam Wilson: Nein, das gerade ist das überraschende: Jugendliche aus sehr reichem Elternhaus haben nicht die geringsten Schwierigkeiten mit Kids aus protestantischen Familien; diese Jugendkultur kommt ohne diese Markierungen aus, sie funktioniert ohne diese britische Krankheit: Alkohol, Gewalt und Frauenhaß.

zeit: Aber die Alten machen die Politik.

McLiam Wilson: Ja, aber das sind Rückzugsgefechte. Natürlich bricht für die alten Oranier eine Welt zusammen, langsam, in Schritten. Tony Blair betreibt ja eine Art Auflösung des Vereinigten Königreiches - siehe Schottland, siehe Wales. Irgendwann wird auch Nordirland eine Region Europas sein und England eine andere: Worauf sich Loyalisten und Unionisten beziehen können, ist nicht mehr da, und damit schwindet ihr Kosmos. Außerdem ändert sich die Bevölkerungsstruktur; die Katholiken sind keine Minderheit mehr in Ulster, und bald werden sie die Mehrheit sein, weil sie immer noch mehr Kinder bekommen.

zeit: Politik aber hat es mit Gegenwart zu tun.

McLiam Wilson: Ja, aber nicht diese alten Leute sind das Problem, sondern die politische Gewalt als immer noch probates Mittel. In einer Demokratie sollte man vor der Aufgabe stehen, die Mehrheit zu überzeugen. Doch hier gibt es eine Mehrheit für den Frieden - und paradoxerweise muß diese die Minderheit überzeugen: die Bombenwerfer und alle, die damit weitermachen.

zeit: Sind die Formen der Gewalt dieselben?

McLiam Wilson: Nicht ursprünglich. Die politische Gewalt der Katholiken hatte immer ein Aroma von Anarchie, von Revolution, von Trotz gegen den Staat. Die Protestanten übten Gewalt aus in dem Bewußtsein, daß sie der Staat seien, daß es ihr gutes Recht sei.

zeit: Das scheint schließlich auch die Differenz zwischen katholischen "Unruhen" und dem Marsch der Orangisten zu sein. Die Parade ist eine geordnete Form des Protests; man tritt mit Selbstbewußtsein in der Öffentlichkeit auf, bildet einen würdigen Spielmannszug, beharrt auf der Straßenverkehrsordnung: Wir wollen durch die Garvaghy Road, weil es das gute Recht der Protestanten ist, auch diese Straße zu benutzen.

McLiam Wilson: Das stimmt vollkommen. Deshalb ist der Sturm auf die Barrikaden in Drumcree ein sicheres Indiz dafür, daß die Protestanten das Gefühl verloren haben, der Staat sei mit ihnen loyal, weil sie ihn repräsentieren - und daß ihnen die Sache aus dem Ruder läuft. Wir können es abwarten.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.zeit.de]

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