Frank McCourt, 2006, Foto: Ekko von Schwichow

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1.) - 2.)

Frank McCourt und sein Leben in zwei Akten
Nachruf von Britta Heidemann in der WAZ vom 21.7.2009:

Der Schriftsteller Frank McCourt ist tot. Er war der Meister des grotesk-komischen. McCourt schaffte es, Unglück und Tragik stets in Lacher zu verwandeln. Denn: „Natürlich hatte ich eine unglückliche Kindheit; eine glückliche Kindheit lohnt sich ja kaum."

Warum nur musste damals unter all' den bitteren, berührenden Szenen dieses groteske Bild zurückbleiben: wie der kleine Frank einen Schweinskopf durch die Straßen Limericks trägt. Die mittellose Familie McCourt wird daraus ihr Weihnachtsmahl kochen, Fleisch immerhin!, aber Frank – schämt sich.

"Natürlich hatte ich eine unglückliche Kindheit"

Vielleicht passt es aber auch: dieses Grotesk-Komische des Bildes inmitten all der Verzweiflung. Passt zu einem, der Erlittenes mit Humor zu schildern wusste, mit unerschütterlichem Glauben an sich selbst: Pulitzer-Preisträger Frank McCourt. Im Alter von 78 Jahren ist er nun an den Folgen von Hautkrebs und einer Hirnhautentzündung gestorben. Er hinterlässt seine 24 Jahre jüngere Frau Ellen, seine Tochter Maggie aus erster Ehe, zudem drei Enkel, die er unterstützte – als Familienältester fühlte er sich in der Pflicht für die weit verzweigte Sippe. Armut eint.

Armut? Eine Untertreibung. Ein in Hartz- und Prekariatsdebatte kleingeredetes Wort. Unzureichend für dies: Als der am 19. August 1930 in New York geborene Frank McCourt vier Jahre alt ist, kehrt die Familie nach Irland zurück. Der Alkolismus des Vaters lässt die prekäre Lage ins Katastrophale geraten. Drei von sieben Geschwistern sterben. Mit 13 beendet Frank die Schule und müht sich ab in dem Versuch, die Familie zu ernähren. Mit 19 Jahren geht er zurück nach New York.

„Natürlich hatte ich eine unglückliche Kindheit; eine glückliche Kindheit lohnt sich ja kaum. Schlimmer als die normale unglückliche Kindheit ist die unglückliche irische Kindheit, und noch schlimmer ist die unglückliche irische katholische Kindheit.” Mit diesem sanften, melodischen, selbstironischen Ton beginnt „Die Asche meiner Mutter”. Wie kann aus elementarer Verzweiflung ein solcher Klang entstehen? Zum einen, durch den Abstand der Jahre: McCourt war pensionierter Lehrer in New York, als er mit diesen ersten Zeilen für sich selbst eine Tür aufstieß. Zum anderen durch eine Haltung, die geprägt ist von Melancholie und Witz und Warmherzigkeit und Schärfe.

Dringlichkeit hinter dem Prozess des Schreibens

Nach dem Debüt erschienen zwei Fortsetzungen: „Ein rundherum tolles Land”, in dem er von seiner Außenseiterrolle im New York der 50er-Jahre erzählt. Jahre, in denen er lernte. Gefolgt von Jahren, in denen er lehrte: In „Tag und Nacht und auch im Sommer” plaudert McCourt, der Lehrer.

Seinen Witz bewahrte McCourt, die Kraft des Erstlings aber erreichte er nicht mehr. Was weniger daran liegt, dass die Literatur des Elends (Misery Literature” oder, abfälliger, „Mis Lit”) die Sensationsgier der Massen besser befriedigt denn die Erinnerungen eines Lehrkörpers. Sondern eher an der Dringlichkeit, die hinter dem Prozess des Schreibens steht. Die Willensstärke eines Heranwachsenden, der nichts hat außer sich selbst, beeindruckte seine Leserschaft nachhaltig.

Dass ihm das Trauma des frühen Überlebenskampfes zu spätem Ruhm verhalf, es mag nur gerecht erscheinen. Für McCourt selbst war es ein Augenzwinkern des Schicksals. Es gäbe keinen zweiten Akt im Leben eines Amerikaners, hat F. Scott Fitzgerald einmal gesagt. McCourt sah sich als Antithese: „Ich glaube, ich habe bewiesen, dass er falsch lag.”

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Frank McCourt, 2006, Foto: Ekko von Schwichow

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2.)

„Sonst wäre ich weinend gestorben“
Mit Frank McCourt ist ein Autor gestorben, der sich mit einer tief bewegenden, autobiografischen Geschichte, „Die Asche meiner Mutter“, in die Herzen der Leser geschrieben hat.
Besprechung von Nada Weigelt im Münchner Merkur, 21.7.2009:

Millionen Menschen waren von Frank McCourts Erinnerungen an seine bitterarme Kindheit in Irland gerührt. Sein 1996 erschienenes Buch „Die Asche meiner Mutter“ stand jahrelang auf den Bestsellerlisten, wurde in 40 Sprachen übersetzt und hat sich inzwischen mehr als sechs Millionen Mal verkauft. Der US-amerikanische Autor wurde für sein Erstlingswerk mit Auszeichnungen überhäuft, 1997 erhielt er den begehrten Pulitzer-Preis. McCourt war nun wegen eines besonders bösartigen Hautkrebses behandelt worden. Eine Hirnhautentzündung kam dazu. Zuletzt konnte er kaum mehr sehen und hören. Am Sonntag ist der in New York lebende Autor mit 78 Jahren gestorben.

„Wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke, frage ich mich, wie ich überhaupt überlebt habe“, schrieb er gleich im zweiten Absatz seiner Memoiren. Tatsächlich ist es ein schier unvorstellbares Elend, das der kleine Frankie erlebt. In New York geboren, kehren seine irischstämmigen Eltern während der US-Depression in das heimische Limerick zurück, als der Bub vier ist. Doch dort wird alles nur noch schlimmer. Der Vater versäuft immer wieder den kärglichen Lohn und verlässt die Familie schließlich ganz. Die Mutter, eine gebrochene Frau, schafft es kaum, ihre Kinder zu ernähren. Innerhalb von nur gut einem Jahr sterben drei der sechs Geschwister.

Frank träumt zwischen seinen Bettelgängen, den Schlägen der Lehrer und den Nächten in der nassen Wohnung von einem Leben in den USA, notfalls hinter Gittern: „Im Gefängnis hat es jeder warm und bekommt dreimal am Tag was zu essen.“

Als McCourt die Geschichte aufschreibt, ist er 65 Jahre alt, ein pensionierter Lehrer in New York. 30 Jahre lang hat er versucht, Kindern die Schönheit der englischen Sprache beizubringen, 33 000 Schüler gingen durch seine Klassen. Ein erster Versuch, seine düstere Jugenderinnerung zu Papier zu bringen, scheitert in den 70er-Jahren nach 125 Seiten. „Ich kämpfte noch darum, meine Stimme zu finden“, erzählte er später. Doch beim zweiten Anlauf bricht sich die Geschichte wie in einem Fieberwahn Bahn: „Ich habe die Bedeutung meines eigenen unbedeutenden Lebens verstanden.“

Für weiteren Ruhm sorgt 1999 die Verfilmung des Buches durch den britischen Regisseur Alan Parker mit Stars wie Robert Carlyle und Emily Watson. Trotz seines beispiellosen Erfolgs ist der „Spätzünder“, wie er sich selbst nannte, immer bescheiden geblieben – ein witziger, selbstironischer und manchmal melancholischer Mann, erzählen Besucher. Er lebte mit seiner 24 Jahre jüngeren Frau Ellen abwechselnd in einer mit Büchern vollgestopften Wohnung in Manhattan und einem Wochenendhaus in Connecticut. Zu seiner Tochter Maggie aus erster Ehe hielt er nach den bitteren Erfahrungen mit seinem eigenen Vater engen Kontakt. Lange Jahre war McCourt zudem begeisterter Marathonläufer.

1999 erschien das zweite Buch über das Wunderkind, „Ein rundherum tolles Land“. Er erzählt darin von seinen Anfangsjahren in New York. Durch Knochenarbeit in Irland hatte er sich bis zu seinem 19. Geburtstag so viel Geld verdient, dass er sich die ersehnte Überfahrt in die USA leisten kann. Er hält sich mit Jobs als Putzmann, Fleischverlader und Pfleger von Kanarienvögeln über Wasser, bis die US-Armee ihn zum Militärdienst nach Bayern schickt – „meine schönste Zeit“. Zurück in den USA ermöglicht die Army ihm ein Studium für Englische Literatur. Er wird Lehrer und Experte für kreatives Schreiben.

Seit 1987 arbeitete er als freier Autor. Zusammen mit seinem Bruder Malachy trat er zudem in der Bühnenshow „A Couple of Blaguards“ (Ein Gaunerduo) auf. Auch seine fast 30 Jahre als Lehrer verarbeitet McCourt noch einmal in einem Buch, „Tag und Nacht und auch im Sommer“ (2005). Bei den Lesern fanden die Fortsetzungen Anklang. Nach Meinung der Kritik konnte weder die zweite noch die dritte Folge mit dem emotionalen Zauber des Erstlings mithalten. Und auch dem Autor selbst lagen seine Kindheitserinnerungen immer besonders am Herzen. „Ich musste dieses Buch einfach schreiben“, sagte er einmal, „sonst wäre ich weinend gestorben.“

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