Ambivalenter Seufzer
Jetzt wird er selbst schon "Sixty-Four":
Paul McCartney
Von Zoran Gojic aus dem Münchner
Merkur, 17.06.2006:
Das hatte er nicht kommen sehen. Als Paul McCartney, seinerzeit gerade 24, das Lied "When I'm Sixty-Four" für das mythische Beatles-Album "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" aufnahm, war das eigentlich nur eine Art schrulliger Geburtstagsgruß an seinen Vater, der damals gerade 64 geworden war. Aber inmitten der revolutionären Klangexperimente der Platte entwickelte sich das eingängige Liedchen schnell zu einem der beliebtesten Schlager der Band.
Die Melodie hatte McCartney schon als Teenager
komponiert, und der Text wurde damals, zur Blüte der Hippie-Zeit, als Satire
auf provinzielle Spießigkeit interpretiert. Im Vaudeville-Stil arrangiert,
erweist sich das Lied im Nachhinein als ambivalenter Seufzer.
Die Sehnsucht nach dem Sonntagsausflug
Denn McCartney, im Grunde ein sentimentaler nordenglischer Macho, brachte darin
- bewusst oder nicht - seine Sehnsucht nach romantischer Idylle mit der einen
einzigen großen Liebe zum Ausdruck.
Und tatsächlich lernte McCartney just bei einer Werbeaktion zu "Sgt.
Pepper's Lonely Hearts Club Band" 1967 seine Traumfrau Linda Eastman kennen
und lebte bis zu ihrem Krebstod 1998 so, wie er es in "When I'm Sixty-Four"
beschrieben hatte - als typisch britisches Familienoberhaupt mit Nachmittagstee,
Kindern im Garten und Sonntagsausflug.
Nun wird er an diesem Sonntag - es ist sein 64. Geburtstag - von allen Seiten
mit seinem alten Hit konfrontiert werden, und es wird kein schöner Tag für ihn
sein. Seine zweite Ehe mit dem ehemaligen Foto-Model Heather Mills ist gerade
spektakulär gescheitert. Und Sir James Paul McCartney, mit Abstand
erfolgreichster und wohlhabendster Pop-Musiker aller Zeiten, wird wehmütig an
bessere Zeiten zurück denken, als er nicht ein Denkmal, sondern Trendsetter der
Musikgeschichte war.
Ab 1962 hatte McCartney mit den Beatles die Welt nachhaltig verändert. Auf
allen Kontinenten sind die Songs der Beatles Allgemeingut geworden - eine Art
internationale Volksmusik. Gemeinsam mit seinem kongenialen Lieblingsfeind John
Lennon und alleine hatte McCartney als Komponist mehr Hits als jeder andere. Er
darf als größter Verfasser populärer Musik überhaupt gelten. Nicht zuletzt,
weil er sich prinzipiell nicht unterkriegen lässt. Sein hemdsärmeliger
Optimismus war ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Beatles, und auch
jetzt wird er nach all den privaten Tiefschlägen das tun, was er tun muss:
lächeln und sich an die Arbeit machen. Und insgeheim von dem bürgerlichen
Glück im stillen Winkel träumen, von dem er als junger Mann in "When I'm
Sixty-Four" gesungen hatte.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0606 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Münchner Merkur