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1.) - 2.)
Es geht nicht ohne den
anderen
Friederike Mayröcker und Ernst Jandl
Von Sylvie-Sophie Schindler aus dem Münchner
Merkur, 27.09.2005:
Da ist kein Platz für ihn. Nicht an diesem Ort, ihrer Wohnung. Überall liegen Zettel, kleben selbst an den Wänden, Tausende von Gedanken auf Papier gekritzelt. Man sieht es kaum mehr, das Klavier, auch nicht die Kommode, Stühle und den Schreibtisch. Alles scheint zu versinken unter der Papierflut. Nur die Schreibmaschine, eine kleine Hermes-Baby ist noch nicht bedeckt. Die Wohnung ist, wie Bewohnerin Friederike Mayröcker sagt, "meine Schwitzhütte, mein Närrinnenkasten". Ernst Jandl, der Schriftsteller, der Geliebte, der Seelenverwandte, wird hier nicht wohnen können. Ein Versuch Ende 1956 scheitert. "Man muss getrennt sein, eine halbe Stunde zu Fuß, beziehungsweise fünf Minuten mit dem Taxi", schreibt Ernst Jandl. Das Alleinsein, es ist die unbedingte Voraussetzung für kreatives Schaffen.
"Ich glaube, dass die erste Forderung einer
Künstlerin die völlig unabhängige Lebensform sein muss", sagt Friederike
Mayröcker. Sie entscheidet sich gegen eine Familie, gegen Kinder.
"Künstlerinnen brauchen die vollständige Isolation ohne dass sie für
jemanden da zu sein haben." Die Urlaubstage, die Jandl und Mayröcker seit
ihrem Kennenlernen 1954 gemeinsam verbringen, sind die wenigen Tage, in denen
Mayröcker keine Zeilen zu Papier bringt.
Das Schreiben jenseits der Norm verbindet von Anfang an. Das Paar will nicht
anknüpfen an bisher Dagewesenem, will in Prosa und Lyrik Grenzen
überschreiten, Experimente wagen. Viele Texte entziehen sich einer Einordnung
in Gattungskategorien. Wie etwa Mayröckers "Nada. Nichts" - ein
Theaterstück und doch nicht bühnentauglich. Jandls Sprechgedichte - "schtzngrmm"
- lösen 1957 einen Literaturskandal aus. Beide werden boykottiert, in
Österreich nicht gedruckt. Ihr literarisches Schaffen liegt in dieser Zeit fast
völlig brach; sie gehen an Schulen, unterrichten Deutsch und Englisch.
"Der ungeliebte Beruf ist Verrat an meiner Begabung", schreibt
Friederike Mayröcker verzweifelt. Erst zehn Jahre später fassen die beiden
Schriftsteller in Deutschland literarisch Fuß. Es geht nicht ohne den anderen.
Der andere, das ist der Spiegel. Jandl und Mayröcker tauschen ihre Texte
untereinander aus. Man diskutiert stundenlang. Ist dieses Wort richtig? Fügt
sich jener Rhythmus ein? Jandl ist mit seiner Kritik sehr direkt. Mayröcker
jedoch muss behutsam vorgehen, riskiert sonst seinen Jähzorn oder ihn in tiefe
Depressionen zu stürzen. Die Angst, nichts aufs Papier zu bringen, quält Jandl
ohnehin. Während sie täglich von vier Uhr morgens bis mittags schreibt, leidet
er häufig unter Schreibblockaden: "Da werfe ich schon mal den
Füllfederhalter aufs glotzende Weiß, dass dort wenigstens ein Fleck sei."
Sie ermutigt ihn, drängelt sich niemals vor, sagt: "Ich habe mit meinen
Partnern immer das Gefühl gehabt, ich möchte im Hintergrund stehen, ich mache
es gerne." Ohne Neid erkennt Jandl an: "Friederike schreibt größere
Literatur." In seinem 1980 verfassten Theaterstück "Aus der
Fremde" heißt es über "eine gleichaltrige Kollegin, seine
langjährige Freundin", sie sei "als Künstlerin weit über ihn
hinausgekommen".
Hand- und Herzgefährte
Und doch sind es seine Texte, humorvoll, leicht
zugänglich, die beim breiten Publikum besser ankommen. In den 80er-Jahren, bei
ihren gemeinsamen Lesungen in Frankreich und Italien, erkennen sie, dass sich
ihre Werke, anfangs noch sehr ähnlich, auseinander entwickelt haben und
unterschiedliches Publikum ansprechen. Mayröcker weigert sich fortan, mit Jandl
aufzutreten, gequält von der steten Angst, vom Zuhörer nicht verstanden zu
werden. Trotz aller Furcht oder gerade deswegen - die Zuflucht, das Schreiben,
bleibt. Denn: "Ohne dieses Schreibenkönnen wären wir längst wahnsinnig
geworden."
Ihre Liebe? Ohne Literatur nicht vorstellbar. Noch über den Tod hinaus. Als
Ernst Jandl im Juni 2000 stirbt, hört Mayröcker nicht auf, zu ihm zu sprechen,
widmet ihm ihre Gedanken in dem Buch "Requiem für Ernst Jandl":
"Der Verlust eines so nahen Menschen, eines Hand- und Herzgefährten ist
etwas ganz und gar Erschütterndes, aber vielleicht ist es so, dass man weiter
mit diesem Herz- und Liebesgefährten sprechen und vermutlich Antworten erwarten
darf."
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]
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2.)
Liebeserklärung an Ernst Jandl
Die großartige Begegnung mit der Dichterin Friederike Mayröcker
Von I.R. aus den Nürnberger
Nachrichten vom 29.08.2006:
Eine seltene Bühnen-Begegnung
mit der österreichischen Dichterin Friederike Mayröcker beschloss das 26.
Erlanger Poetenfest. Der Abend zeigte, wie Sprache, Gefühl und Poesie
ineinanderwirken.
Schon der Titel spricht Bände. „1 Häufchen Blume - 1 Häufchen Schuh“
nennt Carmen Tartarotti ihren Film über Friederike Mayröcker. Auf leerer Bühne
zeigte sie Ausschnitte dieses persönlichen Porträts, damit das Publikum einer
zurückgezogenen Lyrikerin näher kommt. Was sicher nicht einfach ist. Denn aus
ihrem Denken, ihrem Wahrnehmen, auch aus der Scheu vor Menschen entsteht Mayröckers
poetisches Flechtwerk samt einem „Strahlenkranz aus Assoziationsmöglichkeiten“,
wie sie im Film sagt.
Große Sogkraft
Es grenzte überhaupt an ein Wunder, dass die 82-Jährige aus Wien kam, um ganz
gegen ihre Art vor großem Auditorium zu lesen. Die Sogkraft war entsprechend:
Im ausverkauften Markgrafentheater herrschte konzentrierte Stille, so, als wolle
man nicht ein einziges Wort versäumen. Von „Bewunderung, Zuneigung und
Respekt“ sprach denn auch Moderatorin Annette Brüggemann, die der Dichterin
freundschaftlich verbunden ist und sie zur Lesung bewegen konnte. Der übliche
Dialog entfiel, und das war auch besser so. Denn die Aura einer Mayröcker, die
da leicht gebeugt und ganz in Schwarz mit ihrer Büchertasche stand, dann
wortlos an den Lesetisch ging und sehr pointiert vortrug, muss durch nichts gestört
werden.
Sie ist ganz für sich, immer noch mit den pechschwarzen langen Haaren, eingehüllt
in ihre Poesie. „Man versteht, weil man empfindet“, zitiert Brüggemann die
Autorin Nathalie
Sarraute. So ergeht es dem Zuhörer mit der Dichterin aus Wien.
„Transparenz und Distanz“ sind ihr wichtig, und doch öffnet sie überraschend
ihr Inneres im Gedenken an den toten Gefährten Ernst Jandl, dem sie in
jahrzehntelanger Lebens- und Arbeitsgemeinschaft verbunden war.
Berührend
„Es zehrte an mir, mit Menschen zusammenzukommen“, bekennt sie in ihrer
Prosa mit dem Titel „Und ich schüttelte einen Liebling“. Friederike Mayröcker
schaut in unsentimentaler, umso berührenderen Altersklarheit auf ihr Leben mit
Jandl zurück („All meine Tränen aus Liebe“), an Silvester 2005 erinnert
sie sich an eine Fotositzung mit Stefan Moses, an das Bild des Freundes: „Dein
Blutstrom fließt in meinen über“.
Die Liebeserklärung vertrug keinen Kommentar. Unter Hochspannung hörte man auf
einfachste Dinge. Einen besseren Ausklang hätte das Poetenfest nicht finden können.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter
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