Ein Foto von Mila von Jörg Matheis, 2008, BeckFlugschaukatastrophe
„Ramstein hat ins Mark getroffen“
Von FOCUS-Online-Autor Andreas Laux, 27.8.2008:

Eigentlich wollte Jörg Matheis nur einen Roman über seine Heimat schreiben, er wurde 1970 in Altenglan in der Pfalz geboren. Beim Schreiben musste er feststellen, dass er dabei um die Katastrophe von Ramstein im August 1988 nicht herum kam. Sein fiktiver Roman über die Dreiecksbeziehung zweier Brüder und einer Frau wurde zu einem Ramstein-Buch. Heute lebt Matheis in Ingelheim. Seine Erzählungen wurden mehrfach ausgezeichnet. „Ein Foto von Mila“ ist sein erster Roman.

FOCUS Online: Wo waren Sie am 28. August 1988?

Jörg Matheis: Ich war zu Hause in Altenglan, knappe 17 Kilometer entfernt von Ramstein. Beim Flugtag selbst war ich nicht. Ich habe von diesen Schauen nichts gehalten, von dem Militarismus, der dahinter steckt. Eine ganz persönliche Verbindung zu dem Unglück habe ich also nicht. Aber über das Kollektivgedächtnis der Region, in der ich groß geworden bin.

FOCUS Online: Bis zu der Katastrophe war an Flugschautagen aber fast die ganze Region auf den Beinen.

Matheis: Absolut. 350 000 Zuschauer waren an dem Tag des Unglücks auf dem Flugplatz. Auch für die in Deutschland andernorts stationierten Amerikaner war das immer ein Riesending. Flugzeugfans kamen aus den entlegensten Gegenden angereist, über Hunderte Kilometer, auch aus dem Ausland. Das war schon sehr bunt und wirklich sehr groß aufgezogen.

FOCUS Online: Hat es eine Rolle gespielt, dass man an diesen Tagen bei einer Besatzungsmacht hinter sonst verschlossene Türen blicken konnte?

Matheis: Die Amerikaner sind an den Flugtagen aus ihrer Ghetto-Situation getreten und haben sich als geöffnet dargestellt. Sie wollten zeigen, was sie an Fröhlichkeit zu bieten haben. Das hat gelockt. Ja, viele hat es gereizt, mal hinter die Zäune schauen zu können.

FOCUS Online: Aber es gab auch Widerstände gegen die Flugschauen.

Matheis: Erst vor kurzem habe ich von einem besonders irrwitzigen und tragischen Fall erfahren: Eine Frau verlor bei der Ramstein-Katastrophe ihre Tochter. Die war mit dem von der Mutter getrennt lebenden Vater zu der Schau gegangen und starb, während ihre Mutter draußen vor den Toren stand und gegen das Spektakel demonstrierte. Es gab verschiedene Gruppen, die durch die Friedensbewegung beeinflusst waren und sich schon vor dem Crash vehement gegen die Flugtage gewandt haben und gegen die Ästhetisierung von kriegerischem Gerät, die da stattfand. Selbst in der hohen Politik gab es schon vorher Diskussionen darüber, ob man die Flugschauen verbieten soll. Zu einem wirklichen Nein konnte man sich aber nie durchringen, auch weil man den US-Amerikanern nie zu nahe treten wollte. Die waren und sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in der Region.

FOCUS Online: Wurde das Unglück den Amerikanern angelastet?

Matheis: Viele hatten sich ja für die Show begeistert. Den Amerikanern im Nachhinein grundsätzlich vorzuwerfen, diese Flugtage veranstaltet zu haben, das funktionierte also nicht. Am Tag selbst wurden aber zahlreiche Fehler gemacht: Keinerlei Sicherheitsabstände, es wurde ein unglaubliches Chaos angerichtet. Weil nicht genug Sanitätswagen da waren, hat man Menschen auf Sattelschleppern weggefahren. Das hat man den Amerikanern vorgeworfen. Dass sie das Risiko völlig unterschätzt haben, die irrwitzige Blauäugigkeit, mit der mit Technik hantiert wurde und diese völlig unzureichende Vorbereitung auf den Ernstfall.

FOCUS Online: Wie war die Beziehung zwischen Einheimischen und amerikanischen Soldaten vor dem Unglück?

Matheis: Die Amerikaner sind als Soldaten aufgetreten, als solche sind sie ja auch hergekommen.

Und eine Soldateska hat natürlich die Order, sich nicht allzu sehr auf das einzulassen, was sie vorfindet. Es hat daher immer eine klare Trennung gegeben zwischen den Einheimischen und Amerikanern, die ja in aller Regel immer nur auf Zeit da waren. Natürlich gab es Amerikaner, die blieben. Aber dieser Apparat als solches blieb doch immer ein Fremdkörper.

FOCUS Online: In Ihrem Buch fällt der Satz „Ramstein geht uns alle an“. Gibt es dieses kollektive Bewusstsein wirklich?

Matheis: Ramstein hat die Region ins Mark getroffen. Ich habe das ein bisschen an mir selbst erfahren, als ich das Buch geschrieben habe. Denn ich hatte nicht vor, einen Ramstein-Roman zu schreiben. Ich habe angefangen mit diesem Dreiecksverhältnis zwischen zwei Brüdern und einer Frau. Und das Ganze sollte eben in meiner Heimat spielen. Während ich also mit diesen drei Figuren hantiere, wird die Hauptperson Mila plötzlich ein Opfer dieser Flugtagskatastrophe. Da ist mir bewusst geworden, dass das Unglück meine Sicht auf meine Heimat stark beeinflusst. Wenn man hier auf die amerikanischen Truppen zu sprechen kommt, schwingt Ramstein im Hintergrund immer mit.

FOCUS Online: Die Katastrophe bleibt also unmittelbar mit der Präsenz der Amerikaner verknüpft?

Matheis: Das ist nicht auseinander zu dividieren. Diese Gegend kann man sich ohne die Präsenz der Amerikaner nur sehr schwer vorstellen. Im Kino laufen Hollywoodfilme im englischen Original, weil so viele amerikanische Soldaten hier stationiert sind. Solche Kleinigkeiten prägen das Bewusstsein. Ramstein war ein Punkt, in dem das Zusammenleben auf eine ganz bestimmte, unerträgliche Spitze getrieben wurde.

FOCUS Online: Gab es auch deutsch-amerikanische Unterschiede im Gedenken an die Katastrophe?

Matheis: Eigentlich haben die Amerikaner den offeneren Umgang mit dem Unglück gepflegt. Das ist vielleicht auch eine Mentalitätsfrage. Den Amerikanern, die kein Problem mit Pathos haben, liegt es eher, mit so etwas umzugehen, glaube ich. Die Amerikaner haben etwa von Anfang an jährlich eine Gedenkveranstaltung gemacht. Zu der Eröffnung einer kleinen Sonderausstellung im Ramsteiner Heimatmuseum hat die Airbase einen hohen Vertreter entsandt, der offenbar sehr emotional und in den Augen der anwesenden Opfer sehr wohltuend gesprochen hat. Auf deutscher Seite war man viel zurückhaltender. Diese Ausstellung im Heimatmuseum hat fast 20 Jahre auf sich warten lassen. Für ein Mahnmal, das in Ramstein errichtet wurde, mussten die Opfer und Angehörigen acht Jahre gegen den Widerstand der Gemeinde ankämpfen.

FOCUS Online: Was steckt dahinter?

Matheis: Wie immer, wenn in einem Dorf ein Unglück passiert, dann heißt es: Das Dorf ist mehr als dieses Unglück. Die Angst war da, dass Ramstein auf dieses Unglück reduziert wird. Aber es ist eine Tatsache: Ramstein wird mit dem Unglück identifiziert. Man muss lernen, damit umzugehen.

FOCUS Online: In Ihrem Buch werden auch die Verschwörungstheorien thematisiert, die um das Unglück in Ramstein kreisen. Sind die tatsächlich ein Thema?

Matheis: Die im Buch geschilderte Verschwörungstheorie ist bis auf einen Schlenker zum Schluss eigentlich voll aus dem Leben gegriffen. Die Verbindung zwischen Ramstein und dem Flugzeugabschuss in Ustica wird von vielen vermutet. Mir scheint das zu weit hergeholt. Ich glaube, die Menschen sehen darin eine Hilfe, das Unglück zu verstehen. Man steht ja davor und fragt sich: Warum konnte so etwas passieren. Warum musste so etwas passieren? Es ist für den ein oder anderen einfacher, sich sagen zu können, da steckten Mächte dahinter, die sich das ausgedacht haben.

FOCUS Online: Eine Selbsttherapie also?

Matheis: Ich denke, dass ist sehr menschlich, dass man bei solchen Katastrophen nach einem Schuldigen sucht. Von Menschen gemachte Katastrophen wie Ramstein drücken ja nichts anderes als einen Kontrollverlust aus – des Menschen über die Technik. Die Unsicherheit, die daraus entsteht, bekämpft man, indem man sagt: Jemand hat gewollt, dass das schiefgeht. Dann kann man wieder der eigenen Kraft vertrauen, die Dinge zu beherrschen. Das ist ja das Irrwitzige. Die Menschen erkennen nicht an, dass irgendwann etwas schiefgehen muss, wenn man Technik züchtet, die einen so nah an die Grenzen bringt, sondern sie sagen: Jemand hat an der Schraube gedreht, eigentlich haben wir alles in der Hand. Dann machen sie weiter wie bisher. Und das selbst mit militärischer Technik, die ja gerade gemacht ist, um zu töten.

FOCUS Online: In „Ein Foto von Mila“ zeichnet sich eine der Figuren durch ihre besondere Hilflosigkeit im Umgang mit dem Flugschauopfer Mila aus. Ist das ein reales Phänomen?

Matheis: Man ist als jemand, der nicht dabei war, von dieser Erfahrung, Gott sei Dank, so derart ausgeschlossen, dass man eigentlich nicht einmal in ein Gespräch mit den Opfern treten kann, geschweige denn ihnen helfen. Deswegen waren die Selbsthilfegruppen, die nachher entstanden, auch so extrem wichtig für die Hinterbliebenen und die Opfer. Da kamen Leute zusammen, die wussten voneinander, was sie empfinden. Man kann über solche traumatischen Erlebnisse wohl zunächst nur mit Menschen reden, von denen man weiß, dass sie dieselben Erfahrungen gemacht haben. Dann kann man sich gehen lassen und Vertrauen fassen.

FOCUS Online: New York hat sich nach den Anschlägen vom 11. September sehr rasch als wiederauferstanden gefeiert. Glauben Sie, es macht einen Unterschied, ob eine Katastrophe eine Metropole oder die Provinz heimsucht?

Matheis: Gerade, wenn man diese beiden Katastrophen vergleicht, fällt der fundamentale Gegensatz auf. Das Selbstbewusstsein, wie es dem New Yorker vielleicht zu eigen ist, gibt es hier nicht. Das kommt ja auch in Form des verzweifelten Tourismusberaters Frieder in dem Buch vor. Schöne Dinge, die einen auszeichnen, werden in der Pfalz nicht nach außen getragen, sondern man fragt sich, wer sich dafür interessieren sollte. Die Katastrophe schlug in eine Region ein, in der eine Kultur des Understatements herrschte.

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