FlugschaukatastropheEigentlich wollte Jörg Matheis nur einen Roman über seine Heimat schreiben, er wurde 1970 in Altenglan in der Pfalz geboren. Beim Schreiben musste er feststellen, dass er dabei um die Katastrophe von Ramstein im August 1988 nicht herum kam. Sein fiktiver Roman über die Dreiecksbeziehung zweier Brüder und einer Frau wurde zu einem Ramstein-Buch. Heute lebt Matheis in Ingelheim. Seine Erzählungen wurden mehrfach ausgezeichnet. „Ein Foto von Mila“ ist sein erster Roman.
FOCUS Online: Wo waren Sie am 28. August 1988?FOCUS Online: Aber es gab auch Widerstände gegen die
Flugschauen.
Matheis: Erst vor kurzem habe ich von einem besonders irrwitzigen und tragischen
Fall erfahren: Eine Frau verlor bei der Ramstein-Katastrophe ihre Tochter. Die
war mit dem von der Mutter getrennt lebenden Vater zu der Schau gegangen und
starb, während ihre Mutter draußen vor den Toren stand und gegen das Spektakel
demonstrierte. Es gab verschiedene Gruppen, die durch die Friedensbewegung
beeinflusst waren und sich schon vor dem Crash vehement gegen die Flugtage
gewandt haben und gegen die Ästhetisierung von kriegerischem Gerät, die da
stattfand. Selbst in der hohen Politik gab es schon vorher Diskussionen darüber,
ob man die Flugschauen verbieten soll. Zu einem wirklichen Nein konnte man sich
aber nie durchringen, auch weil man den US-Amerikanern nie zu nahe treten
wollte. Die waren und sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in der Region.
FOCUS Online: Wurde das Unglück den Amerikanern angelastet?
Matheis: Viele hatten sich ja für die Show begeistert. Den Amerikanern im
Nachhinein grundsätzlich vorzuwerfen, diese Flugtage veranstaltet zu haben, das
funktionierte also nicht. Am Tag selbst wurden aber zahlreiche Fehler gemacht:
Keinerlei Sicherheitsabstände, es wurde ein unglaubliches Chaos angerichtet.
Weil nicht genug Sanitätswagen da waren, hat man Menschen auf Sattelschleppern
weggefahren. Das hat man den Amerikanern vorgeworfen. Dass sie das Risiko völlig
unterschätzt haben, die irrwitzige Blauäugigkeit, mit der mit Technik hantiert
wurde und diese völlig unzureichende Vorbereitung auf den Ernstfall.
Und eine Soldateska hat natürlich die Order, sich nicht allzu sehr auf das einzulassen, was sie vorfindet. Es hat daher immer eine klare Trennung gegeben zwischen den Einheimischen und Amerikanern, die ja in aller Regel immer nur auf Zeit da waren. Natürlich gab es Amerikaner, die blieben. Aber dieser Apparat als solches blieb doch immer ein Fremdkörper.
FOCUS Online: In Ihrem Buch fällt der Satz „Ramstein geht uns alle an“. Gibt es dieses kollektive Bewusstsein wirklich?FOCUS Online: Gab es auch deutsch-amerikanische
Unterschiede im Gedenken an die Katastrophe?
Matheis: Eigentlich haben die Amerikaner den offeneren Umgang mit dem Unglück
gepflegt. Das ist vielleicht auch eine Mentalitätsfrage. Den Amerikanern, die
kein Problem mit Pathos haben, liegt es eher, mit so etwas umzugehen, glaube
ich. Die Amerikaner haben etwa von Anfang an jährlich eine Gedenkveranstaltung
gemacht. Zu der Eröffnung einer kleinen Sonderausstellung im Ramsteiner
Heimatmuseum hat die Airbase einen hohen Vertreter entsandt, der offenbar sehr
emotional und in den Augen der anwesenden Opfer sehr wohltuend gesprochen hat.
Auf deutscher Seite war man viel zurückhaltender. Diese Ausstellung im
Heimatmuseum hat fast 20 Jahre auf sich warten lassen. Für ein Mahnmal, das in
Ramstein errichtet wurde, mussten die Opfer und Angehörigen acht Jahre gegen den
Widerstand der Gemeinde ankämpfen.
FOCUS Online: Was steckt dahinter?
Matheis: Wie immer, wenn in einem Dorf ein Unglück passiert, dann heißt es: Das
Dorf ist mehr als dieses Unglück. Die Angst war da, dass Ramstein auf dieses
Unglück reduziert wird. Aber es ist eine Tatsache: Ramstein wird mit dem Unglück
identifiziert. Man muss lernen, damit umzugehen.
Matheis: Man ist als jemand, der
nicht dabei war, von dieser Erfahrung, Gott sei Dank, so derart ausgeschlossen,
dass man eigentlich nicht einmal in ein Gespräch mit den Opfern treten kann,
geschweige denn ihnen helfen. Deswegen waren die Selbsthilfegruppen, die nachher
entstanden, auch so extrem wichtig für die Hinterbliebenen und die Opfer. Da
kamen Leute zusammen, die wussten voneinander, was sie empfinden. Man kann über
solche traumatischen Erlebnisse wohl zunächst nur mit Menschen reden, von denen
man weiß, dass sie dieselben Erfahrungen gemacht haben. Dann kann man sich gehen
lassen und Vertrauen fassen.
FOCUS Online: New York hat sich nach den Anschlägen vom 11. September sehr rasch
als wiederauferstanden gefeiert. Glauben Sie, es macht einen Unterschied, ob
eine Katastrophe eine Metropole oder die Provinz heimsucht?
Matheis: Gerade, wenn man diese beiden Katastrophen vergleicht, fällt der
fundamentale Gegensatz auf. Das Selbstbewusstsein, wie es dem New Yorker
vielleicht zu eigen ist, gibt es hier nicht. Das kommt ja auch in Form des
verzweifelten Tourismusberaters Frieder in dem Buch vor. Schöne Dinge, die einen
auszeichnen, werden in der Pfalz nicht nach außen getragen, sondern man fragt
sich, wer sich dafür interessieren sollte. Die Katastrophe schlug in eine Region
ein, in der eine Kultur des Understatements herrschte.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.focus.de]
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