Das Aufbegehren als Motiv
"Die Gruppe 61": Detlef Marwig
Von Josef Krug in der Westf. Rundschau, 17.01.2011:

Die Dortmunder „Gruppe 61“ bestand fünf Jahre, als sich ein Einzelgänger brieflich um Aufnahme bewarb. „Berufsschriftsteller, wenngleich auch ich außerstande bin, allein davon zu leben“, schrieb Detlef Marwig an den Mitbegründer der Gruppe, Fritz Hüser.

Marwig, damals 35 Jahre alt, lebte in Gelsenkirchen, seiner Geburtsstadt. Bei Kriegsbeginn war er ein Kind gewesen. „Schlechter Schüler, aber erfolgreicher Schwarzhändler, Kohlenklau und Trümmerbuddler“ in der Nachkriegszeit.

Die Oberschule verließ er ohne Abschluss, die Lehre als Verkäufer brach er ab; dem folgte zu Hause der Rauswurf. Mit zwanzig Jahren, 1951, ging er auf die „Walz“, schlug sich als Verkäufer, Fabrik- und Montagearbeiter, Vertreter, Straßenbahnschaffner, ja sogar als Elefantenpfleger im Zirkus durch.

Das Unstete, das Aufbegehren und sich doch wieder Dreinfinden-Müssen zieht sich als Motiv durch die Erzählungen, an denen er bereits in diesen Jahren schrieb. Freiheit besteht für seine „Helden“ darin, jederzeit weggehen und woanders neu beginnen zu können, wobei dieses Woanders für sie als Arbeiter wieder nur das Alte ist, dem sie gerade entronnen sind.

Ende der 50er Jahre begann Marwig ein „etwas geregelteres Leben“ als freier Journalist - Lokalreporter in Gelsenkirchen - und Schriftsteller. Tageszeitungen, Gewerkschaftsblätter druckten seine Erzählungen.

Darin rückt Marwig der Lebens- und Arbeitswelt des Ruhrgebiets zu Leibe. In knappen Sätzen, mit wenigen Worten macht er im Stil amerikanischer Shortstories die Situationen deutlich, Personen und Handlungen lebendig. Gut nachvollziehbar, dass Marwig da zur „Gruppe 61“ fand.

Die Mitgliedschaft brachte ihm Schriftsteller-Kontakte, Lesungen, Veröffentlichungen in Anthologien der Gruppe in renommierten Verlagen - Luchterhand in der BRD, Aufbau-Verlag in der DDR. Erfahren im Umgang mit Elefanten, wagte sich Marwig nun auch literarisch an ein großes Tier. 1977 erschien sein Roman „Freiheit kleingeschrieben“.

„Freiheit kleingeschrieben“

Es sind die Mitt-60er Jahre, die er darin gestaltet. Die „Pille“ ist noch nicht verbreitet, es gilt der „Kuppelei-Paragraf“, der die Vermieter zu Tugendwächtern bestimmt. Ein Liebespaar - er auf Montage, sie Fabrikarbeiterin - hat nicht „aufgepasst“; ein Kind ist unterwegs; und auf einmal funktioniert die vermeintliche Freiheit, weggehen zu können, nicht mehr; alle Versuche auszubrechen, sich aufzulehnen scheitern, reduzieren sich auf Fluchten in den Alkohol. „Ich hab’ nie gedacht, dass Fesseln so aussehen, so niedlich“, sagt der Mann, sein Kind betrachtend.

Marwig starb 1990; „Freiheit kleingeschrieben“ blieb sein einziger Roman. Im Buchhandel ist er nicht mehr erhältlich, so wenig wie alles andere von ihm. Marwig muss man in Antiquariaten und Archiven suchen. Seine Stimme stellt die Wirtschaftswunderjahre wieder frisch vor uns hin, erzählt uns von den Schattenseiten, die wir glaubten, hinter uns gelassen zu haben.

Aber sie gehen uns immer noch an.

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