Trauer um Wallander-Schöpfer und Afrika-Freund
Nachruf auf den Menschen-Liebhaber Henning Mankell. Der Bestsellerautor und Theatermacher Henning Mankell ist tot. Der innige Afrika- und Menschen-Liebhaber starb am Montag an seiner Krebserkrankung. Ein Nachruf auf einen großartigen Schweden.
Von Simone Dattenberger im Münchner Merkur, 05.10.2015:

„Ich kann keinen Punkt setzen, weder durch einen tödlichen Ausgang, noch durch eine vollständige Genesung. Ich befinde mich mitten im Prozess. Ein endgültiges Fazit gibt es nicht.“ Diese Sätze von Henning Mankell zitierte die Autorin erst vor ein paar Tagen bei der Besprechung von „Treibsand – Was es heißt ein Mensch zu sein“ (Zsolnay Verlag). Und nun, nach so kurzer Zeit, muss sie feststellen: Ein endgültiges Fazit gibt es. Der schwedische Bestsellerautor und Theatermacher, der innige Afrika- und Menschen-Liebhaber starb am Montag in Göteborg an seiner Krebserkrankung. Er wurde 67 Jahre alt. Mankell hinterlässt seine Frau Eva Bergman, eine Tochter Ingmar Bergmans, einen Sohn – und eine gigantische Zahl an Lesern.

Die weltweite Auflage seiner Werke liegt bei über 40 Millionen Exemplaren, 15 Millionen allein in Deutschland. Die Bücher wurden in 40 Sprachen übersetzt. Vor allem die Kriminalromane um den Kommissar Kurt Wallander aus Ystad machten Mankell berühmt.

1998 bei einem Gespräch mit dem damaligen Hanser-Verleger (Zsolnay gehört zu der Gruppe) wollte die Schreiberin, nach einem Geschenkwunsch gefragt, ganz unprofessionell ein Buch, das man sozusagen süchtig in einem Zug durchlesen möchte. Michael Krüger zog „Die fünfte Frau“ aus dem Regal. Und in der Tat konnte man sich der Faszination von Leid und Grauen, also einer Welt aus den Fugen, und dem stetigen polizeilichen Versuch, die Welt wieder zurück in diese Fugen zu pressen, nicht entziehen. Auch nicht als geübter Rezensent. Mit diesem Krimi, der ein Seelen-Entsetzen aufriss, begann wohl Mankells sensationeller Erfolg in Deutschland. Der erste Roman in dieser Reihe war „Mörder ohne Gesicht“, der letzte „Feind im Schatten“, in dem Wallander sich seiner Alzheimer-Erkrankung geschlagen geben muss. Die Trauer der Leser um ihren Kommissar linderte Mankell immer wieder mit dem Versprechen, dass Wallanders Tochter vielleicht weiter ermittelt. Dazu wird es nun nicht mehr kommen.

Treibsand von Henning Mankell, 2015, ZsolnayObwohl der schwedische Schriftsteller die grausamste Seite des Menschen schilderte, spürte der Leser in jedem seiner Werke die tiefe, ja liebevolle Hinwendung zum Menschen - zu jedem Einzelnen. Das ist nicht bloß Respekt, das ist eine immer wache Aufmerksamkeit für den anderen und eben eine von Grund auf vertrauensvolle Zugewandtheit. Ein Wunder ist das, eine Begnadung, denn der kleine Henning musste härteste Zurückweisung erfahren. Seine Mutter verließ ihn und seinen Vater, einen Richter. In „Treibsand“ erwähnt er die Tatsache, auch eine Begegnung sehr viel später.  Beschäftigt sich  allerdings  nicht weiter damit („Ich war vor allem verwundert.“). Gab es keinen Schmerz? Oder war der so vergraben, dass er darüber nicht viel schreiben wollte oder mochte?

Er erzählt ohnehin fragmentarisch von sich, uneitel und gewissermaßen nur als Exempel der Gattung Mensch. Ihm ist es auffallend wichtig, sich zwar als Individuum zu erleben (Im Kind blitzt das Bewusstsein auf: „Ich bin ich und kein anderer.“), gleichzeitig aber  als  eingebettet  in  die Familie. Diese umfasst alle Menschen - überall und zu allen Zeiten. Der Leser bemerkt schnell in dem Gedanken-Buch „Treibsand“, das das Düstere dieses Titels bald hinter sich lässt, dass Henning Mankell darin Trost fand. Da er nicht religiös war, nicht an ein Leben nach dem Tod glauben konnte, gab ihm das umfassende Menschsein Sinn im Sein und Nicht-Sein. Dass all dies nicht intellektuell dahingeredet war, beweist seine Vita.

Hennig, der als Bursch’ die Schule schmiss, um sich in Paris durchzuschlagen, kam nach diversen Jobs und der Handelsmarine, nach energiegeladener Selbst-Ausbildung durch Lektüremassen und Reisen zum Theater und Schreiben. Und nach Afrika. Hamlet war ein afrikanischer Prinz und Lysistrate eine emanzipierte Mosambikanerin im Bürgerkrieg. Bestsellerautor, das war die eine Hälfte seines Leben, wahrscheinlich wichtiger war ihm das des Teatro-Avenida-Leiters in Maputo (Hauptstadt von Mosambik). Ihn wühlte die künstlerische und magische Kraft der dortigen Kulturen auf und die Not von Aids bis Ausbeutung („Der Chronist der Winde“, „Erinnerung an einen schmutzigen Engel“, „Die rote Antilope“). Wie Mankell überhaupt seine Stimme erhob gegen Umweltverbrechen, Frauen-Ausbeutung, modernen Imperialismus, Gewalt gegen Flüchtlinge oder Waffenhandel.

Natürlich lieben wir Wallander. Das Besondere an Henning Mankell ist freilich, dass er viel mehr zu bieten hat – und dass er es als etablierter Schriftsteller immer wieder gewagt hat, Kunst-Risiken einzugehen. Manches Mal hat es dabei ästhetisch gewackelt, wollte er einfach zu viel auf einmal, meist indes begeisterte er mit farbigen Schilderungen von seltsamen Geschehnissen, von Bildern voll surrealer Poesie und von komplexen historischen Verflechtungen, in denen sich die Menschheit verfangen hat. Sie, nämlich „unsere eigene Familie, ist unendlich“ - in ihr wird Henning Mankell weiterleben.