Henning Mankell, 1998, Foto: Ekko von Schwichow

Henning Mankell
Foto: Ekko von Schwichow

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Glückssucher? So ein Bullshit!
Als Krimi-Autor ist der 59-jährige Henning Mankell weltberühmt, als Dramatiker kannte man ihn bislang bei uns kaum. Nicht bis zur "Lampedusa"-Aufführung bei den Ruhrfestspielen. 
Jens Dirksen
(NRZ vom 17.5.2007) fragte ihn: Wozu das Theater, Herr Mankell?

NRZ: Im Mittelpunkt Ihres Stücks steht eine junge gläubige Muslimin, die kein Kopftuch trägt und Frauen liebt - warum?
Mankell: Was für einen Menschen sieht man nie auf dem Theater? Eine junge islamische intellektuelle Frau! Ich wollte sie zeigen, weil es sie gibt. Weil sie vorkommt auf der Welt.

NRZ: Letztlich dreht sich Ihr Stück allerdings um die Einwanderung von Menschen nach Europa, die unterschiedliche Gründe haben kann...
Mankell: Wie nennt man die Flüchtlinge auch? Glückssucher! So ein Bullshit! Ich kenne niemanden, der quasi übers Meer schwimmt, ohne dass ihn etwas dazu zwingt.

NRZ: Deshalb heißt das Stück "Lampedusa", obwohl es in einem nordeuropäischen Fernsehstudio spielt.
Mankell: Ja, weil das Zentrum von Europa zurzeit nicht in Brüssel liegt, nicht in London, Paris oder Berlin. Sondern dort, auf dieser Insel, an deren Strand jeden Tag, an dem die Sonne aufgeht, Leichen von Flüchtlingen liegen. Was hier passiert, ist eine zentrale Frage der Humanität, der europäischen Humanität.

NRZ: Aber warum stellen Sie ein Thema aufs Theater, das beinahe täglicher Nachrichtenstoff ist?
Mankell: Weil die Menschen allzu schnell vergessen, dass Europa ein Kontinent ist, der aus Ein- und Auswanderung besteht, ja aus Ein- und Auswanderung geradezu entstanden ist! Genau das ist die Geschichte dieses Kontinents.

NRZ: Aber haben sie nicht die Sorge, dass mit steigenden Einwandererzahlen auch der Rassismus in Europa stärker wird?
Mankell: Nein, ich glaube, da haben wir das Schlimmste hinter uns. Die jungen Menschen von heute finden es selbstverständlich, mit Schwarzen umzugehen. Halb weiße, halb schwarze Paare gibt es heute schon auf dem Schulhof, das lässt mich für die Zukunft hoffen.

NRZ: Und warum haben Sie zu diesem Thema nicht einen Roman geschrieben?
Mankell: Das war ein Theaterstoff. Außerdem habe ich das Gefühl, dass sich das europäische Theater zu viel mit den psychischen Problemen der Mittelschicht herumschlägt.

NRZ: Warum macht der Romancier Mankell überhaupt Theater?
Mankell: Als ich 20 war, bin ich zu einem Intendanten gegangen und habe gesagt: Lass mich ein Stück machen. Nein, hat er gesagt, komm in zehn Jahren wieder. Nein, habe ich gesagt: jetzt! Gib mir zwei Schauspieler und einen Raum für drei Wochen zum Proben. - Ich musste die Schauspieler selbst bezahlen, sie verpflegen. Nach drei Wochen hat sich der Intendant angeguckt, was ich gemacht habe und hat gesagt: Das ist gut! Das ist der Grund, warum ich hier im Theater bin. Und - ich bin nicht sehr alt, aber so allmählich habe ich das Gefühl, dass ich auch nicht mehr so ganz jung bin. Und das Wichtigste, was Menschen in meinem Alter tun können, ist: Lehrer sein. (NRZ)

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]

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