Henning Mankell, 1998, Foto: Ekko von Schwichow

Henning Mankell
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1.) - 2.)

Henning Mankell: Schreiben als Akt der Wut
Von Monika Willer in der Westfalenpost, 3.3.2009:

Die Feder ist das mächtigste Werkzeug der Welt. Deshalb stiftet Henning Mankell sein Preisgeld von 11.111 Euro für Alphabetisierungs-Projekte. Der schwedische Schriftsteller ist Montag Abend in Unna mit dem neuen Ripper Award des Krimifestivals Mord am Hellweg ausgezeichnet worden.

Der erste Preisträger des Europäischen Preises für Kriminalliteratur ist ein Weltstar des Romans. Entsprechend eilt Henning Mankell der Ruf voraus, schwierig zu sein. Doch davon ist in Unna keine Spur zu sehen. Aufgeräumt schüttelt der Autor Hände, erzählt freimütig von seiner großen Wut auf die sozialen Missstände der Welt.

Noch immer können viele Kinder nicht lesen

Ein Zorn, der sich aus der Ungerechtigkeit speist. Mankell, der in Schweden und Mosambik lebt, berichtet, was ihn in Rage bringt: Wenn Bewunderer fragen, ob sich seine Bücher in Afrika so gut verkaufen wie in Europa. „In Mosambik ist nur ein Buch wichtig, und das ist die ABC-Fibel”, betont er. „Wir schreiben 2009, und immer noch haben Millionen von Kindern keinen Zugang zum Lesen und Schreiben, das macht mich wirklich böse. Die Leute sagen, das ist eine Kostenfrage. Doch man hat errechnet, dass es soviel kosten würde, alle Kinder in die Schule zu schicken, wie wir in Europa für Tierfutter ausgeben. Ich betrachte es als meine Aufgabe, an diesen Missständen etwas zu ändern. Das geschriebene Wort ist eines der wichtigsten Werkzeuge, um Fortschritt und Freiheit zu erringen.”

Es ist ein Vorurteil, Henning Mankell auf Krimis zu reduzieren. 40 Romane hat er geschrieben, die mittlerweile in 40 Sprachen übersetzt werden, davon sind nur rund 25 Prozent Krimis. Mankell arbeitet auch als Theater-Regisseur. Besonders in Afrika, wo er in Mosambiks Hauptstadt Maputo künstlerischer Leiter einer Bühne ist.

Macbeth ist der beste Krimi

Der Grund dafür rüttelt auf: „75 Prozent unseres Publikums können nicht lesen und schreiben. Für diese Menschen bietet das Theater die einzige Möglichkeit, etwas über das Leben zu erfahren.”

Der Europäische Preis für Kriminalliteratur soll Autoren auszeichnen, die Zeichen setzen. Dazu gehört Mankell auf jeden Fall, dessen Kommissar Wallander der bekannteste seiner Romanhelden ist. Wallander entstand aus dem Wunsch, Rassismus zu thematisieren. Mankell, von einem Afrika-Aufenthalt zurückgekehrt, fand es unerträglich, wie stark die Fremdenfeindlichkeit in Schweden geworden war. „Fremdenfeindlichkeit ist an sich kriminell, deshalb war klar, dass ich einen Krimi schreiben muss, wenn ich über das Thema schreiben will.”

Überhaupt ist das Genre für Mankell nicht so eng gefasst. „Zum Beispiel Medea, wenn das keine Kriminalgeschichte ist. Oder Macbeth, das ist der beste Krimi, der je geschrieben wurde. Wenn man das Verbrechen als Spiegel benutzt, ist das eine hervorragende Methode, um über die heutige Gesellschaft zu erzählen.”

Neuer Wallander

Wallander-Fans dürfen übrigens aufatmen. Die Reihe ist noch nicht beschlossen, ein neuer Roman erscheint nächstes Jahr.

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2.)

Mankell - ein nachdenklicher Plauderer
Von Jürgen Overkott in der Westf. Rundschau, 3.03.2009:

Er gilt als melancholisch, schwierig, ein Grübler: der schwedische Autor Henning Mankell. Gestern, in Unna, strafte der 61-Jährige alle Vorurteile Lügen. Vorfrühling hin, Sonnenschein her - der erste Preisträger des Ripper-Awards erwies sich als ebenso charmanter wie nachdenklicher Plauderer.

Pressekonferenz im besten Hotel am Platz. Der Mann in Schwarz, krawattenlos, mit offenem Hemd, schreitet alle anwesenden Journalisten ab, schüttelt Hände, einen freundlichen Blick für jeden, ein freundliches Nicken. Schließlich schaut der Silberhaarige mit den melancholisch dunklen Augen in die Runde, offen für Fragen. Er versteht Deutsch, antwortet aber lieber auf Englisch.

Nächstes Jahr gibt es einen neuen Wallander

Es geht gleich ums Ganze. Kann Kultur die Welt ändern ?

"Steter Tropfen höhlt den Stein", antwortet Mankell. Zwei Bücher benennt er, die die Welt veränderten. "Der stumme Frühling" von Rachel Carson, sagt Mankell, habe die Diskussion über Umweltschutz überhaupt erst ins Rollen gebracht. Ein anderes Buch habe leider fatale Folgen gehabt: Goethes "Werther" habe eine Selbstmord-Welle unglücklich Verliebter ausgelöst, bedauerlicherweise.

Wie er seine Rolle als Schriftsteller versteht?

Er zieht eine Linie von seinen Krimis zu den Tragödien des antiken Griechenland. "Medea tötet ihre Kinder", sagt Mankell, "wenn das kein Krimi ist, weiß ich´s nicht." Dostojewski mag er, Edgar Allen Poe, vor allem aber Shakespeares "Macbeth" - für Mankell der beste Krimi aller Zeiten. "Krimis", summiert er, "erlauben einen Blick auf die menschliche Natur und auf die menschliche Gesellschaft."

Mankell weiß, wovon er spricht. Er hat viel gesehen. Lange lebte der gebürtige Stockholmer im afrikanischen Mosambik, seiner heimlichen Liebe. Das goldfarbene afrikanische Design seines schwarzen Hemdes spricht stumm Bände.

Afrika. Bei diesem Thema kommt Leben in Mankell. Er gestikuliert, ringt mit den Händen, wirbt um Unterstützung für sein Anliegen. "Es macht mich wütend und traurig", sagt der Schriftsteller, den Oberkörper weit nach vorn gebeugt, "dass in Mosambik 75 Prozent der Menschen weder lesen noch schreiben können." Das Land brauche keine Krimis, ergänzt er, das Land brauche Fibeln. Das ABC, beschwört Mankell seine Zuhörer, sei das Werkzeug, dass die Menschen in der modernen Welt zum Überleben brauchen.

"Ich habe einen Fuß im Sand - und einen im Schnee", bekennt Mankell. Zurück in Schweden erlebt er Rassismus. Er empfindet Fremdenfeindlichkeit als Verbrechen. Als Form der literarischen Verarbeitung drängt sich Mankell der Krimi auf. 1989 entsteht Wallander, Kurt Wallander, ein Fahnder, mit verwundetem Herzen und unzerstörbarer Moral, einsam, übergewichtig und, vom dritten Roman an, zuckerkrank. "Das hat ihn noch populärer gemacht", gesteht Mankell. Dabei huscht ein schelmisches Grinsen über sein Gesicht. Später wird er beiläufig erwähnen, dass Wallander weitermacht. Nächstes Jahr, so viel steht fest, gibt es Band zehn.

Doch zunächst freut sich der Ausgezeichnete über Preis und Preisgeld, 11 111 Euro. Dabei denkt Mankell auch an seine Schützlinge in Afrika. Ein Teil des Geldes geht an sie, kündigt Mankell an. Es soll afrikanischen Kindern helfen, lesen und schreiben zu lernen.

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