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1.) - 3.)
Amerika trauert um einen zornigen Amerikaner
Aufklärer und Wüterich, Patriot und
Nestbeschmutzer: Der Schriftsteller Norman
Mailer starb im Alter von 84 Jahren.
Von Jörg
Bartel in der NRZ vom 11.11.2007:
Es war eines der letzten Interviews, das Norman
Mailer im Spätsommer mit uns führte.
"Der alte Mann am Meer" war unser Artikel übertitelt, der einen
hellwachen, aber gebrechlichen und altersmilden Mann präsentierte, der einmal
ein Kämpfer, ein Kraftkerl gewesen war, vielleicht tatsächlich der legitime
Erbe Hemingways, als
den ihn vor allem manche Amerikaner gerne sahen. Sein krankes Herz hatte ihm große
Nöte bereitet, Luft zu bekommen, sogar auf der zugigen Veranda seiner Villa am
Meer auf Cape Cod. Am Samstag hat der "zornige alte Mann" der
amerikanischen Literatur, der Bestsellerautor und zweifache Pulitzer-Preisträger
im Mount Sinai-Krankenhaus aufgehört zu atmen. Norman Kingsley Mailer wurde 84
Jahre alt.
Norman Mailer war ein Wunder der Vielseitigkeit. Er schrieb bildhaft, wuchtig, auch grob zupackend, er veröffentlichte Romane, die eigentlich Reportagen und Biografien (etwa über Marilyn Monroe), die Fiktion waren. Er schrieb über Jesus aus Jesu Sicht, über den angeblichen Kennedy-Mörder Harvey Lee Oswald, Picasso und Muhammad Ali. Sein jüngstes Werk "Das Schloss im Wald", in dem der Sohn einer jüdischen Emigrantenfamilie das Wesen und Werden Adolf Hitlers zu entschlüsseln sucht, steht erst seit wenigen Monaten in den Regalen. Seinen Ruhm aber begründete eines der packendsten illusionslosesten Bücher, die es aus amerikanischer Sicht über den Zweiten Weltkrieg gibt: "Die Nackten und die Toten". Er war gerade 25 Jahre alt, als er seine eigenen Erlebnisse, die schlimmsten seines Lebens, an der Pazifik-Front zu Papier und in Romanform brachte.
Von da an galt er als Radikaler, als Enfant terrible - ein Vollblutamerikaner, der ein helles, mitunter schmerzlich grelles Licht auf das amerikanische Selbstbild, warf und wie besessen davon war, die amerikanischen Träumer aus ihren patriotischen REM-Phase aufzuwecken, aufzuschrecken. "Die Nackten und die Toten", die später erfolgreich verfilmt werden sollten, brachten den Newcomer aus dem Stand auf Platz 1 der Bestsellerliste der "New York Times".
Bescheidenheit, Sanftmut und Besonnenheit waren seine Stärke nicht. Er war kein Pazifist, auch wenn er Bushs Irakkrieg bis zuletzt als dumm, falsch und beschämend geißelte. Er liebte das Boxen, was Ausdruck in seinem Reportage-Buch über den historischen Kampf zwischen Foreman und Ali sowie in der Filmdokumentation "When We Were Kings" fand. Mailer, studierter Ingenieur mit Harvard-Diplom, neigte zu Wutausbrüchen. Einer davon kulminierte in einer Messerattacke auf eine seiner sechs Ehefrauen - ein Ausraster, den er sich nie verzieh und vor kurzem erst in die Debatte um Günter Grass warf: Die Messerstiche seien so etwas wie seine SS-Episode gewesen: lange her, aber noch immer nicht aufgearbeitet, ein Schandfleck, über den ein Schriftsteller erst schreiben dürfe, wenn er statt einer Entschuldigung eine Erklärung dafür gefunden habe, und zwar eine bessere als "ich war außer mir". Im Alter hat der ewig Zornige, der Ex-Marxist nach eigenem Bekunden zum christlichen Glauben zurückgefunden. Aber auch da beanspruchte er eine eigene Theologie. Gut möglich, dass er noch auf dem Totenbett darüber spekulierte, wie Gott und Teufel sich um ihn streiten würden. (NRZ)
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]
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2.)
Von
den Nackten zu den Toten
Einer
der sprachgewaltigsten und vielseitigsten Schriftsteller Amerikas ist tot: Norman
Mailer starb am Samstag im Alter von 84 Jahren an akutem Nierenversagen in
New York.
Von Gisela Ostwald
und Nada Weigelt im Münchner Merkur,
11.11.2007:
Schon im Jahr 2003 hatte Mailer die USA in seinem Buch „Heiliger Krieg: Amerikas Kreuzzug” als arrogante Supermacht mit faschistischen Tendenzen dargestellt und George W. Bush als einen von imperialistischen Verschwörern ferngesteuerten Ex-Trinker. Dagegen sprang er dem deutschen Literaturnobelpreisträger Günter Grass zur Seite, als dieser bei einem Besuch in New York im Sommer dieses Jahres zu seiner kurzen Mitgliedschaft als Jugendlicher in der Waffen-SS gefragt wurde. Klein und grau und schon sehr gebrechlich saß Mailer da mit auf dem Podium. Er konnte kaum mehr sehen und nur schwer hören, aber warf sich mit einem leidenschaftlichen Bekenntnis für den Kollegen in die Bresche.
Vor fast 60 Jahren hatte der damals gerade 25-jährige Mailer mit „Die Nackten und die Toten” den wohl bedeutendsten Roman über den Zweiten Weltkrieg geschrieben. Das Buch begründete seinen literarischen Ruhm weltweit. Seitdem beschäftigte sich der Autor immer wieder mit der Sinnlosigkeit von Kriegen und mit der tiefen Kluft zwischen dem Anspruch des „American Dream” auf individuelle Freiheit und der oft bitteren sozialen Wirklichkeit. Mailers Werke decken eine Themenbreite ab, die nicht nur in den USA ihresgleichen sucht: Von der Apokalypse über Boxen, Dialektik, Drogen, Existenzialismus, Faschismus, Friedensbewegung, Furcht, Gewalt, Gott und den Teufel, Krebs und Krieg, Marilyn Monroe, Obszönität und Orgien, Paranoia und Politik, Revolution, das Sein und den Sex, Technologie und Totalitarismus bis hin zur Zeit. Doch nie wieder wurde ihm der Beifall zuteil, den er für seinen Erstling geerntet hatte.
Mailer schrieb Reportagen und große Essays, die längst Literaturgeschichte sind. „Supermann kommt in den Supermarkt” gehört dazu, sein Bericht über den demokratischen Parteikonvent in Los Angeles, bei dem John F. Kennedy zum Kandidaten für das Weiße Haus gekürt wurde. In „Heere aus der Nacht” (1968) schilderte er einen Friedensmarsch in Washington und wurde dafür 1969 mit seinem ersten Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Den zweiten erhielt er 1980 für sein Buch „Gnadenlos - Das Lied vom Henker” über das Schicksal des 1977 hingerichteten Doppelmörders Gary Gilmore.
Am 31. Januar 1923 als Sohn einer aus Litauen eingewanderten jüdischen Familie in New Jersey geboren, wuchs Mailer in Brooklyn auf. Er studierte Flugzeugbau an der Harvard Universität und lernte in Schriftstellerkursen, „wie man es nicht machen soll”. Bevor er seine Ausbildung an der Pariser Sorbonne beenden konnte, musste er als GI auf die Philippinen und nach Japan - die letzten beiden Kriegsjahre. Mailer heiratete sechs Mal, hatte neun Kinder, das jüngste mit dem Fotomodell Norris Church. Seiner zweiten Frau Adele Morales - die ein Buch über ihr Ehe-Martyrium füllte - stach er 1960, schwer betrunken, ein Messer in den Bauch und drehte es herum. Dank ihrer Weigerung, mit der Staatsanwaltschaft zu kooperieren, kam Mailer mit einer Bewährungsstrafe davon.
1967 wurde Mailer wegen seiner Rolle bei Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg eingesperrt. Zwei Jahre später versuchte er, mit einer Wahlkampagne unter dem Motto „Wählt die Schurken” vergeblich, Bürgermeister von New York zu werden. Seine Kandidatur mobilisierte die amerikanische Frauenbewegung gegen ihn. Sie beschimpfte den Schriftsteller als „größtes und reaktionärstes Schwein”. Mailer rächte sich später mit der Auflistung all seiner Obsessionen. Sein Monolog „Gefangen im Sexus” in der elitären Zeitschrift „Harper‘s Bazaar” sorgte für einen Riesenaufruhr. Ähnliche Aufmerksamkeit erwarb er mit der „Autobiografie” Jesu Christi, die er 1997 in der Ich-Form veröffentlichte.
In Deutschland erschien zuletzt sein Roman „Das Schloss im Wald” über die inzestuöse Familie und die Kindheit von Adolf Hitler. Und Norman Mailer, der Unermüdliche, träumte von einer Fortsetzung . . .
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3.)
Der "Machoprinz der US-Literatur"
ist tot
Der bedeutende, provozierende, ebenso
streitbare wie streitlustige US-Autor, Politaktivist und Filmemacher, prägte
die Literatur in den vergangenen 60 Jahren wie kaum ein anderer
Besprechung von Sebastian Fasthuber in Der Standard, Wien
vom 12.11.2007:
Norman Mailer, einer der letzten großen alten Männer der US-Literatur, ist tot. Der Autor von Romanen und semi-dokumentarischen Werken wie Die Nackten und die Toten (1948) oder Heere aus der Nacht (1968), der auch als Drehbuchautor, Regisseur und Politaktivist in Erscheinung trat, war ebenso streitbar wie streitlustig. Er galt gleichzeitig als "literarisches Gewissen" seiner Nation und als schwer auszurechnender Provokateur.
Der "Machoprinz der US-Literatur", wie ihn die New York Times in ihrem Nachruf nennt, wurde 1923 als Sohn eines Einwanderers aus Südafrika und einer jüdischen Amerikanerin in New Jersey geboren. Bald darauf übersiedelte die Familie nach New York, wo Mailer den Großteil seines Lebens verbrachte. Nach einem Studium der Luftfahrttechnik in Harvard kämpfte er im Zweiten Weltkrieg auf den Philippinen.
Gewalt und Sexualität
Gleich sein literarischer Erstling machte ihn berühmt. In dem Roman Die Nackten und die Toten verarbeitete er eigene Fronterfahrungen und erinnerte seine Nation drei Jahre nach Kriegsende an das beinahe schon verdrängte Grauen aus dem Asien-Krieg. Und er wies bereits auf den Zusammenhang zwischen Gewalt und Sexualität hin, über all die Jahre eines der prägenden Themen in seinem Werk.
Für die Zeitgenossen waren Schilderungen wie folgende ein Schock: "Als ein weiteres Schrapnell platzte, schrie er wie ein Kind: ,Aufhören, aufhören!' Zitternd lag er noch fast eine Minute da, nachdem der Beschuss vorüber war. Seine Schenkel fühlten sich warm und feucht an, und zuerst dachte er, er sei verwundet (...) Er tastete mit der Hand nach hinten, und mit Ekel und Humor zugleich stellte er fest, dass sich sein Darm entleert hatte."
Neben Catch-22 von Joseph Heller und Schlachthof 5 von Kurt Vonnegut zählt der Roman immer noch zu den bedeutendsten US-Büchern über den Zweiten Weltkrieg. Mailers Karriere wurde von dem frühen Erfolg jedoch einige Zeit überschattet. Die nächsten Romane misslangen, ihr Verfasser suchte im Alkohol und in desaströsen Beziehungen Zuflucht, seine zweite Ehefrau soll er 1960 während einer hochprozentigen Auseinandersetzung beinahe erstochen haben.
Auf der Suche nach neuen Schreibweisen landete Mailer schließlich beim literarischen Journalismus. Mit Heere aus der Nacht (Untertitel: "Geschichte als Roman. Der Roman als Geschichte") trug der Mitbegründer der New Yorker Wochenzeitung The Village Voice maßgeblich zur Entwicklung des New Journalism bzw. der New Fiction bei.
In dem Buch, einem Exerzitium in Selbstbiografie, wird aus zwei Perspektiven Mailers betrunkener Auftritt bei einer Versammlung vor dem Marsch auf das Pentagon im Oktober 1967 geschildert. Einer literarischen, persönlich gefärbten Schilderung steht eine wissenschaftlich-historische gegenüber.
In dieser Zeit entstanden einige von Mailers besten Texten, darunter Der Alptraum (1965), Am Beispiel einer Bärenjagd (1967; im Original: Why Are We In Vietnam?) oder Auf dem Mond ein Feuer (1970). Anhand eines Bärenjagd-Ausfluges nach Alaska zeigte Mailer, warum Vertreter der jungen Generation dazu verdammt waren, dieselben Wege der Gewalt wie ihre Väter zu beschreiten und sich freiwillig nach Vietnam melden.
Die Apollo-Raumfahrtmissionen, um die Auf dem Mond ein Feuer kreist wie Melvilles Moby Dick um den weißen Wal, wiederum deutete der Autor als ein von Menschen vollbrachtes Wunder. Es habe den Menschen letztlich aber seiner Fähigkeit beraubt, über Wunder staunen zu können. Die Technologisierung des Lebens hinterließe am Ende nur Leere.
Der Schrecken des 20. Jahrhunderts bestand für den Existenzialisten "in der Größe eines jeden neuen Ereignisses" und "im Mangel an produziertem Nachhall", was jedes noch so großes Ereignis bedeutungslos mache. Die USA beschrieb Mailer denn auch als "ein leeres Land voller Wunder".
Boxkämpfe
Von sich reden machte er nicht zuletzt auch durch seine öffentlichen Auftritte. Über den historischen Boxkampf "Rumble in the Jungle" zwischen George Foreman und Muhammad Ali 1974 in Kinshasa schrieb er nicht nur das Buch Der Kampf (1975), er kommentierte diesen zusammen mit George Plimpton auch in dem Dokumentarfilm When We Were Kings (1994). Als passionierter Faustkämpfer forderte er mitunter selbst Profi-Boxer heraus.
Mal war Mailer Sprachrohr der Friedensbewegung und ließ sich für seine Überzeugungen auch verhaften, dann wieder trat er als erbitterter Feind der Frauenbewegung auf. Als Linkskonservativer kandidierte er für das Amt des New Yorker Bürgermeisters. Seinem Erzfeind Gore Vidal versetzte er einen Kopfstoß, nachdem dieser ihn in einem Text angegriffen hatte. Es ließe sich behaupten: Zwischen Literatur und Leben gab es für Mailer keine Trennung. Am Ende zählte aber immer das Schreiben mehr.
Übergangserscheinung
Als Autor war Mailer dabei im Grunde eine Übergangserscheinung. Er wies stilistisch und in seinem energischen Selbstbild zurück auf Vorbilder wie John Dos Passos oder Ernest Hemingway. Er suchte andererseits mit dem Essay Der weiße Neger (1957) Anschluss an die Beatniks und Hipster, drehte Ende der 60er-Jahre an Warhol gemahnende Filme und inszenierte sich selbst als Medienfigur. Er strebte in seinem Schaffen nach dem sprichwörtlichen großen amerikanischen Roman und hatte dieses Gespenst formal doch längst überwunden.
Auch in späteren Jahren folgten immer wieder aufsehenerregende Bücher: akribische Biografien wie Marilyn (1973) oder Oswalds Geschichte (1995) über Lee Harvey Oswald, das Anti-Bush-Buch Heiliger Krieg, Amerikas Kreuzzug (2003) - und natürlich Romane, der von Mailer später verfilmte Harte Männer tanzen nicht (1984), die CIA-Chronik Das Epos der geheimen Mächte (1991) und Das Jesus-Evangelium (1997).
Zuletzt erschien der Roman Das Schloss im Wald (2007), eine Vater-Sohn-Studie über Alois Schicklgruber und Adolf Hitler, die die Wurzeln des Bösen zu greifen versucht, dabei auch den Leibhaftigen auftreten lässt und in ihrer Ambitioniertheit nicht als greises Alterswerk abgetan werden kann. Das Buch ist weniger Anklage als ein Versuch zu verstehen. Seinen Kollegen Günter Grass verteidigte Mailer noch im Juni in New York bei einem Treffen: Er wäre wohl ebenfalls zur Waffen-SS gegangen, wenn er in einer vergleichbaren Situation wie Grass gewesen wäre.
Am Samstag verstarb Norman Mailer im Alter von 84 Jahren in New York an Nierenversagen. Er hinterlässt rund 40 Bücher und neun Kinder aus sechs Ehen. Nach Kurt Vonnegut der nächste tragische Verlust für die US-Literatur in diesem Jahr. Autoren wie Mailer werden heute nicht mehr gemacht.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]
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