Robert Mächler.
Philosoph aus dem Keller
Von Fredi Lerch aus den Wochenzeitung vom 08/01:

Er gilt als «Don Quijote im Schweizer Geistesleben» - Robert Mächler ist ein ähnlich Unenträtselter wie Robert Walser, sein Bruder im Geiste. 
Robert Mächler? Ist das nicht dieser Sonderling aus dem Aargauischen, der seinerzeit die erste Robert-Walser-Biografie geschrieben hat? Ja, auch. Robert Mächler war ein Unzeitgemässer, ein Philosoph ausser Rang und Traktanden, der nun, vier Jahre nach seinem Tod, vergessen wäre, hätte er nicht vorgesorgt. 1995 initiierte er die «Robert Mächler Stiftung», deren Zweck es ist, einerseits die wichtigsten Teile seines schriftstellerischen Werkes öffentlich zugänglich zu machen, andererseits jene mit Preisen zu fördern, die in seinem Sinn glaubens- und kirchenkritisch oder ethisch-humanistisch wirken. Unterdessen ist diese Stiftung aktiv geworden. Ende November 1999 sind an Jürg Jegges Stiftung «Märtplatz» (siehe WoZ Nr. 27/00) und an den kirchenkritischen Uräus-Verlag in Danzig erstmals Preise verliehen worden. Und die drei Stiftungsratsmitglieder Werner Morlang, Karlheinz Deschner und Gabriele Röwer haben je ein Buch mit Texten aus dem Nachlass herausgebracht. 

«Das vernichtende Gefühl»

Die Biografie von Mächler ist schnell erzählt: Er ist 1909 geboren und in Baden aufgewachsen, früher Tod des Vaters, mit fünfzehn folgt er der Mutter ins Tessin. In dieser Zeit erlebt er «beim Anblick des Menschengewimmels» im Bahnhof Luzern «mit entsetzlichem Grauen die anscheinende Sinnlosigkeit des Lebens». Noch habe er den Begriff des Nihilismus kaum gekannt, aber ein Gefühl davon erhalten, «das mich zu vernichten drohte». In der Folge gerät er in eine grosse psychische Lebenskrise: Er versinkt in einen Strudel von religiösen Wahnvorstellungen und wird psychiatrisch interniert. Mit knapp zwanzig kommt er wieder auf die Beine, holt die Matur nach und besucht die Lehramtsschule an der Universität Bern. 1935 bricht er diese Ausbildung ab und beginnt journalistisch zu arbeiten, bis 1941 für den «Bund», danach bis 1960 als fester Mitarbeiter für das «Badener Tagblatt». Ende der fünfziger Jahre macht ihn ererbtes Geld unabhängig. Er übersiedelt 1961 nach Unterentfelden und lebt seither in einem kärglich möblierten Kellergeschoss. Hier findet er, was er gesucht hat: die weitgehend ablenkungsfreie Konzentration auf seine schriftstellerische Arbeit. Telefon, Radio oder Fernsehen hat er zeitlebens nicht gebraucht. 

1966 veröffentlicht Mächler im Kossodo-Verlag «Das Leben Robert Walsers. Eine dokumentarische Biographie» (1976 von Suhrkamp neu herausgebracht). «Mit Recht» gelte sie «bis heute als Standardwerk», schreibt Werner Morlang - als Mitherausgeber der «Mikrogramme» einer der besten Walser-Kenner überhaupt. Morlang hat nun Mächlers bisher nur zum Teil veröffentlichte Walser-Aufsätze unter dem Titel «Robert Walser der Unenträtselte» herausgegeben und mit einem Vorwort versehen. Darin weist er bemerkenswerte biografische Parallelen zwischen Mächler und Walser nach, deren wichtigste die «psychiatrische Hypothek» sei. Aber auch das «Muster angepasster Normalität», das Walser später in der Heil- und Pflegeanstalt Herisau abgegeben hat, findet Morlang in Mächlers «Mimikry des journalistischen Kleinbürgers» wieder. Weiteres kommt hinzu: «Beide haben aus ähnlichen Gründen auf die Ehe verzichtet. Ihre eigenbrötlerischen Bedürfnisse, sexuellen Hemmungen, ein obsessives Dichter- und Denkertum sowie materielle Misslichkeiten schienen eine Partnerin auszuschliessen.» Die Aufsatzsammlung belegt, dass sich Mächlers Auseinandersetzung mit Walser nicht auf die Zeit um die Veröffentlichung der Biografie beschränkt hat. Kontinuierlich hat er bis 1993 in Zeitungsbeiträgen immer von neuem Leben und Werk dieses Bruders im Geiste zu enträtseln versucht. 

Zeitlebens ist Mächler ein zwischen Wissen und Glauben hin- und hergerissener Mensch gewesen: «Aus intellektueller Redlichkeit mag ich nicht behaupten, es gebe Gott. Aus verschiedenen andern Gründen würde ich noch weniger zu behaupten wagen, es gebe ihn nicht.» Mächler hat sich nach der traumatischen Erfahrung des nihilistischen Horror Vacui und einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Christentum einem «sinnenfreundlichen Agnostizismus» zugewendet, dem in späteren Jahren die Utopie wichtiger wurde als die Eschatologie: die Weltverbesserung wichtiger als das Reich Gottes. «Zwischen Kniefall und Verdammung» nennt Karlheinz Deschner die Sammlung von Schriften aus dem Nachlass, die Mächler als einen Kritiker der christlichen Religion und Kirchengeschichte zeigen, der sich gegen jede «religiöse Wahrheitsbehauptung» wendet: «Das unaufhörliche behauptungsmässige Gerede von dem, was niemand wissen kann, verdirbt die Geistesluft überhaupt.» Seine Kritik gipfelt in der Aussage: «Das Weltalter der Religionen ist das Weltalter der sozialen Ungerechtigkeiten und der Kriege.» 

Religions- und Gesellschaftskritik

Folgerichtig hat sich Mächler seit seinem Austritt aus der Kirche 1963 zunehmend der Gesellschaftskritik und einem ethischen Utopismus zugewendet, für den der Terminus der «Vernünftigung» zentral ist: «Besondere Verbesserungen sind gut, aber zu retten ist die Menschheit nur durch allgemeine Vernünftigung.» Mächler ist überzeugt, dass nur eine durch und durch vernünftigte Welt eine sinnerfüllte Welt sein kann. Umgekehrt könne eine sinnerfüllte Welt nicht ohne «transzendenten Sinngrund» gedacht werden, denn «aus einem Uranfang ohne Sinnbestimmung, aus einem sinnlosen Atomgewimmel kann schwerlich etwas dauerhaft Sinnvolles entstehen». Diese Konstruktion hat Mächler zu einem gläubigen Agnostiker gemacht. 

Gabriele Röwer hat in einem umfangreichen Band mit Aufsätzen, Essays und Rezensionen einen Querschnitt durch diese ethisch-utopischen Schriften zusammengestellt, die durchwegs durch Scharfsinn und luzide Sprachkunst überzeugen. Was befremdet, sind Mächlers Weltverbesserungsvisionen und -ambitionen, die die Politik zwar nicht ausschliessen, aber durch ihre strikte Praxislosigkeit ins Apolitische umdeuten. Auch wenn Röwer in einer grossen biografischen Skizze versucht, Mächlers Sendungsbewusstsein aus seiner Lebensgeschichte erklärbar zu machen, gibt es in diesem Buch Passagen, die das Fragezeichen im Buchtitel «Robert Mächler - ein Don Quijote im Schweizer Geistesleben?» überflüssig erscheinen lassen. 

Übers Ganze des in den drei Bänden vorgelegten Werkausschnitts von Robert Mächler ist vielleicht am eindrücklichsten seine unbedingte selbstkritische Redlichkeit. Noch wenige Stunden vor dem Tod, berichtet Röwer, habe er «den metaphysischen Sinnglauben auf die Probe gestellt» gesehen und sich gefragt: «Und wenn da gar nichts wäre hinter den Wolken?»

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