Federico García Lorca, Büste im Garten des Geburtshauses, Bronze von Eduardo Carretero, Foto:hwg (1105, hf)Vom Himmel ermordet
Spanien scheut die Erinnerung ans Franco-Regime und vergisst so, das Werk von Federico Lorca zu würdigen.
Besprechung von Martin Dahms aus der NRZ vom 29.12.2008:

Eine schmale Landstraße windet sich die Hänge der Sierra de Alfaguara im Norden Granadas entlang. Kalter Wind rauscht in den Kiefern oberhalb der Straße, darunter liegen kraftlos grüne Weiden. Die Wintersonne zieht alle Schatten in die Länge. "Die Landstraße des Todes", sagt Francisco Vigueras. Er hält seinen Wagen am Straßenrand, an dem verhängnisvollen Ort, an dem Federico García Lorca die letzte Nacht seines Lebens verbrachte, bevor er in den Morgenstunden des 18. oder 19. August 1936 erschossen wurde. Erschossen und verscharrt an den Hängen der Sierra de Alfaguara, an der Landstraße des Todes.

Wer keinen Führer wie den Granadiner Journalisten Francisco Vigueras hat, findet den Ort nicht. Kein Schild weist den Weg, der ein steiler Trampelpfad ist, zu den Resten der Colonia hinab. Die Colonia war ein Sommerferienheim für Kinder, bis es die rechten Militärs, die sich in Granada am 20. Juli 1936 an die Macht geputscht hatten, zum geheimen Gefängnis umfunktionierten.

Ein Gedicht in Stein gemeißelt

Die Colonia war das Vorzimmer des Todes, sagt Francisco Vigueras. Tausende gingen hindurch. Einer von ihnen war García Lorca, gerade 38 Jahre alt geworden und schon damals ein weltbekannter Dichter und Theaterautor. In der Colonia sprach er sein letztes Gebet. Dann wurde er gemeinsam mit drei anderen Männern abgeholt und erschossen.

Nur ein ummauertes Wasserbecken ist von der Colonia übrig und eine steinerne Platte in die ein Lorca-Gedicht eingehauen ist: "Vuelta del Paseo". Es beginnt und endet mit den Worten "Asesinado por el cielo" - vom Himmel ermordet.

Das andalusische Kulturministerium hat die Platte einmauern lassen, als Hommage an den Dichter, die ergreifen, aber nicht weh tun soll, weil die Wahrheit schmerzlicher ist: Eine Gruppe rechter Militärs, zu dessen Anführer sich General Francisco Franco aufschwang, versuchte 1936 Spaniens Zweite Republik zu stürzen und überzog das Land mit einem blutigen Krieg. Franco gewann 1939, um Spanien bis zu seinem Tod 1975 als Diktator zu regieren. Die Franco-Leute ermordeten mehr als 100 000 politische Gegner, allein in der Provinz Granada habe der Franco-Terror 12 500 Opfer gefordert, schätzt Vigueras. Daran soll nichts erinnern. Vergessen hat Methode.

Federico García Lorca, Büste im Garten des Geburtshauses, Bronze von Eduardo Carretero, Foto:hwg (1105, hf)Granada verehrt Lorca, aber die Spuren seines Todes sind verwischt. In der Huerta de San Vicente, dem Sommerhaus der Familie García Lorca zeigt der freundliche Führer stolz jedes Detail: Das Originalgeschirr der Familie, die von der Mutter handgefertigte Überdecke auf Lorcas Bett. Dass Lorca den letzten Sommer dort verbrachte, sagt der Führer nicht.

García Lorca verließ die Huerta de San Vicente am 9. August 1936 aus Angst um sein Leben. Er wusste, dass er als Kritiker der Granadiner Bürgerklasse und als Homosexueller verhasst war. Er kam im Haus der Familie eines befreundeten Schriftstellers, Luis Rosales, unter. Am 16. August entschied sich Lorcas Schicksal: Der ultrarechte ehemalige Parlamentsabgeordnete Ramón Ruiz Alonso nahm den Dichter im Hause Rosales in der Calle Ángulo 1 fest. Lorca wurde an den nahen Sitz des Zivilgouverneurs geführt und wahrscheinlich am nächsten Tag in die Colonia in der Sierra de Alfaguara überstellt.

Im Palast des Zivilgouverneurs befindet sich heute die juristische Fakultät der Universität Granada. Der Hof ist vom Stimmengewirr der Studenten erfüllt. Keine Plakette, kein Hinweisschild hilft der Erinnerung. Genauso wenig am Haus in der Calle Ángulo 1. Heute ist es ein Restaurant. Seine Betreiber fanden wohl nichts dabei, als sie es "Rincón de Lorca", Lorcas Winkel, nannten.

"Es gibt diesen Komplex, man solle keine alten Wunden aufreißen", sagt Francisco Vigueras. "Über alle Verbrechen ist eine Schicht des Schweigens und Vergessens gezogen worden." Der 54-jährige Vigueras schweigt nicht. Einer seiner Großonkel gehört zu den Franco-Opfern. Mit Gleichgesinnten hat er vor acht Jahren einen Geschichtsverein in Granada gegründet, den Verein für die Wiedererlangung des historischen Gedächtnisses. Unter dem Schlagwort "Memoria Histórica" erinnern in ganz Spanien Vereine an Verbrechen des Franquismus.

Am frühen Morgen des 18. oder 19. August wurde Lorca in die Nähe des Dorfes Alfacar gebracht. Seine Mörder erschossen ihn am Rande der Landstraße, gemeinsam mit dem Lehrer Dióscoro Galindo und den Anarchisten Francisco Galadí und Joaquín Arcollas Cabezas, zwei Stierkämpfern. Dort liegen sie begraben, vermutlich. Keiner hat nachgeschaut.

Des Richters Rückzieher

Francisco Vigueras fährt über die Landstraße den selben Weg, den Lorca, Galindo, Galadí und Cabezas nehmen mussten. Kurz vor Alfacar taucht ein Schild auf: "Parque Federico García Lorca". Vigueras hält an. Kieswege führen durch die Landschaft, dann ein Steinquader. Hier sollen Lorca und die anderen drei vergraben worden sein. Auf dem Steinquader steht: "In Erinnerung an Federico García Lorca und alle Opfer des Bürgerkriegs". Sonst nichts. Lorca war kein Opfer des Bürgerkriegs. Er ist ein Opfer des Franco-Regimes.

Im September haben Angehörige an Spaniens Nationalem Gerichtshof die Exhumierung der Überreste ihrer Großväter beantragt. Ende Oktober gab Richter Garzón dem Antrag statt. Zwei Wochen später machte er einen Rückzieher und übertrug die Zuständigkeit für die Ausgrabung der Franco-Opfer an die Provinzgerichte.

"Jetzt ist alles gestoppt", sagt Francisco Vigueras verbittert. "Möglich, dass das Gericht in Granada den Fall zu den Akten legt." Am liebsten würde er selbst mit Schaufel und Spitzhacke das mutmaßliche Lorca-Grab aufbuddeln. Er wird es nicht tun, ist aber enttäuscht. Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero, der die Vereine "Memoria Histórica" unterstützen wollte, sperrt sich dagegen, die Verschwundenen der Franco-Zeit auf Staatsinitiative suchen zu lassen - "aus Angst, Stimmen zu verlieren", sagt Vigueras. (NRZ)

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]

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