Swimmy
& Frederick: Die Fabeln der Kindheit
Als
sich „Das kleine Blau und das kleine Gelb“ bei ihrem ersehnten
Wiedersehen umarmen, stellen sie erstaunt fest: Zusammen werden sie das kleine
Grün. So schön kann Farbenlehre sein! Der Mann, der diesen Bilderbuch-Klassiker
1959 schrieb und illustrierte, war Leo Lionni. Der Sohn holländischer Eltern
wäre am 5. Mai 100 Jahre alt geworden.
Es blieb nicht bei seiner ersten Geschichte, die er mit Papierfetzen einer Farbanzeige erdachte. Da war der Grafikdesigner bereits knapp 50 und wollte eigentlich nur seine Enkelkinder während einer Zugreise beschäftigen. Kurz zuvor hatte er seinen Job als Art-Director beim amerikanischen Wirtschaftsmagazin „Fortune“ geschmissen. Lange Zeit hatte er die ökonomische Verantwortung für seine Familie getragen, Volkswirtschaft statt Kunst studiert. Doch seinen Wunsch, als freier Künstler zu arbeiten, wollte er nun endlich verwirklichen. Dabei blieb er als Maler oder Bildhauer in Deutschland nicht derart in Erinnerung wie als Schöpfer von vielen bezaubernden Tieren, die dabei so menschlich sind.
Swimmy schenkte er 1963 das Leben. Ein schwarzer Fisch, der durch seine Farbe aus dem roten Schwarm heraussticht. Ein Außenseiter, der so schlau ist, schließlich ein Teil der Gemeinschaft zu werden: Er formiert den Schwarm zu einem Riesenfisch, wird selbst zu dessen wachsamen Auge, und ermöglicht so allen einen Ausflug in die gefährlichen Tiefen des Ozeans.
Für dieses Bilderbuch, das James Krüss übersetzte, erhielt Leo Lionni den Deutschen Jugendliteraturpreis. Swimmy und auch die anderen rund 30 Lionni-Fabeln sind Klassiker, die man nicht nur aus nostalgischen Gründen mag. Leo Lionni starb zwar im Alter von 89 Jahren in Italien. Doch seine weise Art, Werte zu vermitteln, überlebt ihn. Seine Figuren bestehen die Abenteuer durch ihre Intelligenz, indem sie Güte oder Ausdauer zeigen, oder weil sie eine andere Sicht einnehmen. Wie zum Beispiel in dem Buch „Das größte Haus der Welt“.
Es war viele Jahre lang vergriffen. Doch nun zum 100. Geburtstag des Autors steht es wieder in den Regalen der Buchhandlungen. Die Geschichte von der kleinen Schnecke, die sich wünscht, das größte Haus der Welt zu besitzen. Doch der Vater, eine sehr schlaue Schnecke, sagt: „Manche Dinge sind besser, wenn sie klein sind.“ Und dann erzählt er der kleinen Schnecke von einer, deren Haus wuchs und wuchs – bis sie sich nicht mehr fortbewegen konnte.
Die Vorlagen für seine Figuren brachte Lionni aus seiner Kindheit mit. Als Junge hat er gern mal eine Schnecke oder eine Maus oder einen Frosch mit nach Hause gebracht. „Einmal öffnete meine Mutter im Frühjahr einen meiner Schränke und hunderte Schmetterlinge flatterten ins Zimmer“, schrieb Lionni in einem Vorwort. Seine Verneigung vor der schützenswerten Natur ist auch in seinen Büchern zu erkennen. So entdeckt die Schnecke auf einmal die Schönheit der kleinen Dinge: „Da sind bunt gescheckte Pilze und hohe Stängel, von denen kleine Blumen winken.“
So lenkt Lionni den Blick der Kinder, gibt ihnen die Möglichkeit, sich in der Welt zu orientieren und Vorurteile abzubauen. Dabei flößt er ihnen Selbstbewusstsein ein, wie bei „Pezzettino“, was aus dem Italienischen übersetzt „Stückchen“ heißt. Dieses Stückchen meint, es sei nicht vollständig, es müsse doch ein Etwas von einem Ganzen sein. Am Ende merkt es, dass es genau richtig ist, so wie es ist.
Auch
Lionnis Illustrationen sind den Kindern nahe. Seine Technik kennen sie aus dem
Kindergarten: Collagen, Wasserfarben oder Stempeldruck. Diese Art der Gestaltung
inspirierte auch einen anderen Autor, der Leo Lionni als Mentor sah: „Lange
bevor ich es selbst erkannte, sah Leo Lionni in mir einen Bilderbuch-Künstler“.
Das sagte Eric Carle, der Erfinder eines weiteren Bilderbuchklassikers: „Die
kleine Raupe Nimmersatt“.
Dass man auch Hunger auf Kultur haben kann, vermittelte Leonie durch Frederick, eine seiner bekanntesten Gestalten, in der viel von seiner Persönlichkeit steckt. Das Buch gibt es nun erstmals zusammen mit der Hörspielfassung von Frederik Vahle: Während andere Mäuse nur an den Weizen für den Winter denken, sammelt Frederick Wörter. Was sie zunächst gar nicht verstehen, belohnen die Mäuse später mit Beifall: „Frederick, du bist ja ein Dichter.“ Frederick wurde rot, verbeugte sich und sagte bescheiden: „Ich weiß es – ihr lieben Mäusegesichter.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]
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