Rosel Linner, 1967, Foto: privat/Hermann Henkel (hf0708)

Rosel Linner im Gespräch mit Hermann Henkel, 1968, Foto: privat/Hermann Henkel (0708)

Rosel Linner im Gespräch mit Hermann Henkel

„Jede hat ihre Geschichte zu erzählen“
Rosel Linner: Verse voller Charme und Scharfsinn
Besprechung von Andrea Schneider aus Westfälische Rundschau, 8.06.2006:

„Sei nicht wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und rein. Du kannst ruhig wie die Rose ein bisschen stachelig sein.“

Scham und Bescheidenheit sind vorbei – jedenfalls wenn man den drei Frauen vertraut, die Gleichstellungsbeauftragte Anke Skupin am Dienstag im Rahmen der Reihe „Weibsbilder – Gusto und Genuss gestern und heute“ in der Rohrmeisterei interviewte. Ilka Heiner, Redaktionsleiterin der Westfälischen Rundschau in Schwerte, sowie Hille Schulze Zumhülsen und Anne Hildebrand vom Arbeitskreis Schwerter Frauengeschichte(n) warben für ein neues Selbstbewusstsein der Frauen.

Mehr noch: Sie forderten ein „Jahrhundert der Frauen“. Wie formulierte es Ilka Heiner so treffend? „Mir wird ganz schlecht, wenn ich an die Leistungen der Geschichte machenden Männer denke. Immer nur Kriege und aktuell auch noch atomare Bedrohungen. Das muss doch auch anders gehen.“

Der Weinsbilder-Abend bot die Vision einer weiblichen Zukunft und war gleichzeitig eine Zeitreise in die Schwerter Vergangenheit. Denn die Gleichstellungsstelle hatte den Abend den schreibenden Frauen gewidmet. Eine, die allzu früh verstorben war, erwachte durch die Stimme von Isabell Storkmann zu neuem Leben. Die Schauspielerin rezitierte Gedichte von Rosel Linner, 1955 bis 1973 Redakteurin der Schwerter Zeitung. Mit Charme, Scharfsinn und  viel Empathie hatte die einstige Grande Dame des Schwerter Journalismus ihre Stadt, ihren Beruf und immer auch ihr Leben und ihre Erfahrungen in Versform zu Papier gebracht. Eine Frau wie aus dem Bilderbuch – changierend zwischen großem Anlehnungsbedürfnis und dem Bewusstsein, auch in ihrer Zeit, als Frauenbewegung in Deutschland oft noch mit dem Pendeln zwischen Kindern, Küche und Kirche verwechselt wurde, ein autonomes und ihre Umwelt prägendes Leben führen zu können. Dass Isabell Storkmann die Linnerschen Gedichte rezitieren konnte, ist aber keiner Frau, sondern einem Mann zu verdanken: Hermann Henkel, Rosel Linners einstiger Kollege aus Schwerter Zeiten, hat deren Verse gesammelt und wird sich nach dem Erfolg des Abends wohl überlegen müssen, ob er sie als Büchlein herausgeben sollte.

Doch zurück zu den schreibenden Frauen der Gegenwart: Zwischen Spargelmousse, Roulade von Semmeln und Rucola und Holunderblütenparfait, zubereitet vom Team um Rohrmeisterei-Küchenchef Manfred Kobinger, wuchs die Erkenntnis, dass Frauen sich endlich trauen sollten, Frauen sind auf dem Vormarsch – darin waren sich Ilka Heiner, Hille Schulze Zumhülsen und Anne Hildebrand einig. Immer mehr Frauen haben die einstige Männerdomäne Journalismus für sich entdeckt und erobert, wusste die WR-Redaktionsleiterin aus ihrem beruflichen Alltag zu erzählen. Aber über Frauen und deren Leistungen zu berichten, erfordere häufig immer noch eine gute Portion Überzeugungs- und Überredungskunst. Anne Hildebrand musste schmunzeln: Bei ihren Recherchen über Schwerter Frauengeschichte(n) „sind wir oft auf Frauen getroffen, die sich zwar geschmeichelt fühlten, aber immer eine andere kannten, die eigentlich viel besser für solch eine Geschichte geeignet war“.

Ilka Heiner legte den Frauen nahe, Netzwerke zu schaffen. Sich selbst und ihre Redaktion bot sie dabei als Verbündete und Podium an: „Jede ist wichtig, jede hat ihre Geschichte zu erzählen.“

Mehr Selbstbewusstsein, lautete das Plädoyer der schreibenden Schwerterinnen: „Frauen sollten den Mut finden, sich auch einmal nach vorne zu drängeln.“ Also weg mit den Zeiten, in denen sich das gar nicht so schwache Geschlecht „nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein“ zu geben hatte. Anne Hildebrand lacht: „Wir haben bei unseren Recherchen eine schöne Alternative gefunden.“ Siehe oben.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.westfaelische-rundschau.de]

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