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| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
"Der Dackel war
der Retter"
Interview
mit Sibylle Lewitscharoff von
Christoph Schröder
in der
Frankfurter Rundschau,
13.3.2009:
In Ihrem Roman "Apostoloff" fährt eine Frau mit ihrer
Schwester und einem Fremdenführer durch Bulgarien. Es ist ein erbärmliches,
hässliches, verheertes Land. Ist das eine realistische Darstellung? Oder ist das
auch den Affekten der Erzählerin geschuldet?Es ist eine Mischung aus beidem. Die Affekte der Beobachterin sind übersteigert und künstlich auf die Spitze getrieben. Andererseits: Wenn ein reisendes und beobachtendes Auge den Routen im Roman folgen würde, würde es auf erbarmungswürdige Verhältnisse stoßen; auf Menschen, die in verzweifelter Lage sind. Im Roman ist das nicht journalistisch gewichtet und durch Fakten fundiert - die Erzählerin schaut sich einfach um und zieht daraus ihre erbitterten Schlussfolgerungen.
Ein zweiter Handlungsort ist der Stuttgarter Vorort Degerloch. Dort ist in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine kleine Community von Bulgaren entstanden, der Sie selbst auch entstammen. Das wirkt äußerst skurril. Wie kam diese Gemeinschaft zustande?
Es war eine sehr kleine Gruppe; deswegen war sie auch noch
exotischer als eine große Vereinigung von Immigranten. Dort trennen sich schnell
die sozialen Schichten voneinander ab, während in Degerloch alle immer eng
beieinander waren. Die Bulgaren hat es aus ganz unterschiedlichen Motiven nach
Stuttgart verschlagen. Bulgarien war ja im Zweiten Weltkrieg ein Verbündeter der
Deutschen. Als die Russen dann dort einmarschierten, haben sie die Bulgaren an
vorderster Front verheizt. Es gibt die Geschichte eines bulgarischen Deserteurs,
der vor der heranrückenden Front immer weiter Richtung Österreich geflohen ist,
bis er schließlich in Stuttgart landete.
Der Vater der Roman-Erzählerin war ein Arzt, der sich umgebracht hat, als die
beiden Töchter noch Kinder waren. Auch Ihr Vater war Arzt…
Ja, er war der einzige Akademiker in der Bulgaren-Community. Ansonsten war das
ein sehr gemischtes Volk: Es gab Kaufleute, Menschen, die einen Gemüsestand
betrieben, den Besitzer eines Autosalons und auch den Besitzer des größten
Bordells von Stuttgart.
Der Motor von "Apostoloff" ist die Sprache, eine von Groll, Zorn und Wut
vorangetriebene Suada; eine Wut auf den Vater, der die Kinder durch seinen
Freitod im Stich gelassen hat. Ist das eine reine Abrechnung, sondern, auf der
Kehrseite, auch eine verspätete Liebeserklärung?
Das ist es sehr wohl. Und auch das, was Sie als Wut und Groll bezeichnen, ist in
Wahrheit nichts Anderes als enttäuschte Liebe. Das wird in den Passagen
deutlich, die auf ein durch und durch verängstigtes Kind blicken. Man fühlt sich
als Kind sofort in der Pflicht; man bezieht das alles auf sich: Die Eltern sind
unglücklich, und das Kind denkt, es sei die Ursache dafür. Und im Nachhinein ist
dieses Gefühl weder korrigierbar noch zu enträtseln.
Es gibt in "Apostoloff" einen Familiendackel, der eine nicht unbedeutende
Rolle spielt. Mir scheint, als sei er sei nicht bloß ein Accessoire, das die
bürgerliche Lebensweise der Familie illustriert, sondern vielmehr ein Gefäß, in
das die Liebe hinein gelegt wird, die man dem Vater nicht mehr geben kann.
Ganz sicher. In diesen verworrenen und melancholischen Verhältnissen war der
Dackel ein lebendiger Beistand. Man weiß ja, wie unglaublich subtil sich Hunde
auf Menschen einstellen können. In einer solchen Situation wird so ein kleiner
Hund riesengroß, ein Unterpfand des Trostes. Den Dackel gab es wirklich, und an
dem werde ich mein Leben lang hängen. Der Dackel war der Retter.
Ich habe den Eindruck, dass in "Apostoloff" eine Erzählstimme spricht, die in
einem therapeutischen Sinne noch relativ unanalysiert ist und die ihren Furor an
Stelle der Analyse setzt. Trifft das zu?
Nicht ganz. Es ist die aggressive Erzählerin selbst, die immer wieder zur
Vorsicht mahnt. Sie weiß, dass all das übersteigert und konstruiert ist; diese
Intelligenz besitzt sie. Das Buch steht aber keinesfalls in einem
therapeutischen Ruch, da haben Sie Recht. Diese Geschichte ist alt und hat mich
ein ganzes Leben begleitet. Und in jedem Jahrfünft sah sie auch wieder anders
aus. In mir wurde sie ja permanent bearbeitet, mal in einer etwas gefälligeren,
versöhnlicheren Weise, mal in einer schärferen. "Apostoloff" fiel in eine
scharfe Phase. Aber es ist nicht so, dass ich davon verfolgt wurde; diese innere
Freiheit hatte ich mir schon lange geschaffen - ich brauchte "Apostoloff" nicht,
um endlich von meinem Vater loszukommen.
[...diese und weitere
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