Sibylle Lewitscharoff, 2009, Foto: Ekko von Schwichow

Sibylle Lewitscharoff, Foto: Ekko von Schwichow
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"Der Dackel war der Retter"
Interview mit Sibylle Lewitscharoff von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 13.3.2009:

Apostoloff von Sibylle Lewitscharoff, 2009, SuhrkampIn Ihrem Roman "Apostoloff" fährt eine Frau mit ihrer Schwester und einem Fremdenführer durch Bulgarien. Es ist ein erbärmliches, hässliches, verheertes Land. Ist das eine realistische Darstellung? Oder ist das auch den Affekten der Erzählerin geschuldet?

Es ist eine Mischung aus beidem. Die Affekte der Beobachterin sind übersteigert und künstlich auf die Spitze getrieben. Andererseits: Wenn ein reisendes und beobachtendes Auge den Routen im Roman folgen würde, würde es auf erbarmungswürdige Verhältnisse stoßen; auf Menschen, die in verzweifelter Lage sind. Im Roman ist das nicht journalistisch gewichtet und durch Fakten fundiert - die Erzählerin schaut sich einfach um und zieht daraus ihre erbitterten Schlussfolgerungen.

Ein zweiter Handlungsort ist der Stuttgarter Vorort Degerloch. Dort ist in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine kleine Community von Bulgaren entstanden, der Sie selbst auch entstammen. Das wirkt äußerst skurril. Wie kam diese Gemeinschaft zustande?

Es war eine sehr kleine Gruppe; deswegen war sie auch noch exotischer als eine große Vereinigung von Immigranten. Dort trennen sich schnell die sozialen Schichten voneinander ab, während in Degerloch alle immer eng beieinander waren. Die Bulgaren hat es aus ganz unterschiedlichen Motiven nach Stuttgart verschlagen. Bulgarien war ja im Zweiten Weltkrieg ein Verbündeter der Deutschen. Als die Russen dann dort einmarschierten, haben sie die Bulgaren an vorderster Front verheizt. Es gibt die Geschichte eines bulgarischen Deserteurs, der vor der heranrückenden Front immer weiter Richtung Österreich geflohen ist, bis er schließlich in Stuttgart landete.

Der Vater der Roman-Erzählerin war ein Arzt, der sich umgebracht hat, als die beiden Töchter noch Kinder waren. Auch Ihr Vater war Arzt…

Ja, er war der einzige Akademiker in der Bulgaren-Community. Ansonsten war das ein sehr gemischtes Volk: Es gab Kaufleute, Menschen, die einen Gemüsestand betrieben, den Besitzer eines Autosalons und auch den Besitzer des größten Bordells von Stuttgart.

Der Motor von "Apostoloff" ist die Sprache, eine von Groll, Zorn und Wut vorangetriebene Suada; eine Wut auf den Vater, der die Kinder durch seinen Freitod im Stich gelassen hat. Ist das eine reine Abrechnung, sondern, auf der Kehrseite, auch eine verspätete Liebeserklärung?

Das ist es sehr wohl. Und auch das, was Sie als Wut und Groll bezeichnen, ist in Wahrheit nichts Anderes als enttäuschte Liebe. Das wird in den Passagen deutlich, die auf ein durch und durch verängstigtes Kind blicken. Man fühlt sich als Kind sofort in der Pflicht; man bezieht das alles auf sich: Die Eltern sind unglücklich, und das Kind denkt, es sei die Ursache dafür. Und im Nachhinein ist dieses Gefühl weder korrigierbar noch zu enträtseln.

Es gibt in "Apostoloff" einen Familiendackel, der eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Mir scheint, als sei er sei nicht bloß ein Accessoire, das die bürgerliche Lebensweise der Familie illustriert, sondern vielmehr ein Gefäß, in das die Liebe hinein gelegt wird, die man dem Vater nicht mehr geben kann.

Ganz sicher. In diesen verworrenen und melancholischen Verhältnissen war der Dackel ein lebendiger Beistand. Man weiß ja, wie unglaublich subtil sich Hunde auf Menschen einstellen können. In einer solchen Situation wird so ein kleiner Hund riesengroß, ein Unterpfand des Trostes. Den Dackel gab es wirklich, und an dem werde ich mein Leben lang hängen. Der Dackel war der Retter.

Ich habe den Eindruck, dass in "Apostoloff" eine Erzählstimme spricht, die in einem therapeutischen Sinne noch relativ unanalysiert ist und die ihren Furor an Stelle der Analyse setzt. Trifft das zu?

Nicht ganz. Es ist die aggressive Erzählerin selbst, die immer wieder zur Vorsicht mahnt. Sie weiß, dass all das übersteigert und konstruiert ist; diese Intelligenz besitzt sie. Das Buch steht aber keinesfalls in einem therapeutischen Ruch, da haben Sie Recht. Diese Geschichte ist alt und hat mich ein ganzes Leben begleitet. Und in jedem Jahrfünft sah sie auch wieder anders aus. In mir wurde sie ja permanent bearbeitet, mal in einer etwas gefälligeren, versöhnlicheren Weise, mal in einer schärferen. "Apostoloff" fiel in eine scharfe Phase. Aber es ist nicht so, dass ich davon verfolgt wurde; diese innere Freiheit hatte ich mir schon lange geschaffen - ich brauchte "Apostoloff" nicht, um endlich von meinem Vater loszukommen.

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