Sibylle Lewitscharoff, 2003, Foto: Doris Poklekowski

Sibylle Lewitscharoff
Foto: Doris Poklekowski

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Begeisternde Schimpfkanonade
Der Preis der Leipziger Buchmesse geht an Sibylle Lewitscharoff, Herfried Münkler und Eike Schönfeld.
Von Jobst-Ulrich Brand, Focus, 12.03.2009:

Was das eigentliche solle, hatte Daniel Kehlmann sich im vergangenen Herbst mokiert, diese ganze Preistreiberei. Viel zu sehr engten die großen Auszeichnungen auf den Buchmessen im Frühjahr und im Herbst – der jetzt zum fünften Mal verliehene Preis der Leipziger Buchmesse und mehr noch der Deutsche Buchpreis – den Blick der Öffentlichkeit auf ein paar wenige Titel ein. Der ganze große Rest bliebe außen vor – zu Unrecht missachtet.

Auch, so hieß es, sei es demütigend für Autoren, wenn sie sich diesem Wettbewerb stellen müssten. Wenn sie im Publikum sitzen und mit stoisch-gelassener Mine mit ansehen sollen, wie ein anderer das Preisgeld einheimst und die Glückwünsche und die Aussicht auf ein paar Hunderttausend verkaufte Exemplare mehr.

Nestbeschmutzer nicht erschienen

Kehlmann, der Nestbeschmutzer, ist dann auch prompt nicht erschienen zur Preisverleihung in Leipzig an diesem Donnerstag, obwohl sein Roman „Ruhm“ nominiert war in der Kategorie „Belletristik“. Verhindert sei er, hieß es. Vielleicht hat er aber auch – Betriebskenner, der er ist – einfach sehr genau gewusst, dass er nicht ausgezeichnet werden würde. Denn, so hat es der Vorsitzende der Jury, „Zeit“-Literaturchef Ulrich Greiner, im Vorfeld erklärt: Die Buchpreise in Leipzig und in Frankfurt dienen auch dazu, guten Büchern Aufmerksamkeit zu verschaffen, die sie sonst vielleicht nicht bekommen würden. Zumindest nicht in dem Maß, in dem sie es laut Jury-Empfinden verdienten. Und das kann man von Kehlmanns Bestseller „Ruhm“ nun wirklich nicht behaupten.

Apostoloff von Sibylle Lewitscharoff, 2009, SuhrkampGreiner betonte aber auch, dass allein die Qualität entscheide. Von Proporzdenken – dieser oder jener Verlag hat schon, dieser oder jener wäre mal dringend dran – sei man ganz frei. Und so haben die sieben Kritikerinnen und Kritiker ein Buch als besten Belletristik-Titel der Frühjahrssaison gekürt, das den Preis neben Kehlmanns Buch unbestritten verdient hat: Sibylle Lewitscharoffs Anti-Familienroman „Apostoloff“ – auch wenn Suhrkamp im Herbst schon mit Uwe Tellkamps „Der Turm“ den Deutschen Buchpreis gewonnen hat.

Publikum einig wie selten

Und auch über die Preisträger in den beiden anderen Kategorien war sich das Publikum in der großen Glashalle des Leipziger Messegeländes einig wie selten: Herfried Münklers monumentale Untersuchung über „Die Deutschen und ihre Mythen“ (Rowohlt Berlin Verlag), die in der Kategorie „Sachbuch“ gewann, und Eike Schönfelds kongeniale Übertragung von Saul Bellows Groß-Roman „Humboldts Vermächtnis“, dem Gewinner in der Kategorie „Übersetzung“.

Es hat schon beinahe Tradition in Leipzig, dass Bücher den Belletristik-Preis gewinnen, die aus dem Osten stammen und von Osteuropa handeln. Zuletzt siegten der Leipziger Clemens Meyer und der Dresdner Ingo Schulze. Die Auszeichnung in diesem Jahr setzt diese Linie fort – und durchbricht sie gleichzeitig. Lewitscharoff ist Tochter eines gebürtigen Bulgaren, doch geboren und aufgewachsen ist sie in Stuttgart. „Apostoloff“ nun ist eine Auseinandersetzung mit dem – im wörtlichen Sinn – Vaterland. Zwei Schwestern reisen, die Knochen des toten Vaters im Gepäck, nach Bulgarien. Der Tote, der sich jung das Leben nahm, soll dort neu bestattet werden.

Brüllend komisch in der Absurdität

Es ist eine Fahrt in die Hölle, zumindest empfindet die eine der beiden diese Reise so. Voller Abscheu über den verrotteten Zustand des Landes verwünscht, beschimpft, verdammt sie, was sie zu sehen bekommt. Allein grandiose Kirchenbauten und Klosteranlagen, Inseln der Schönheit in einem Meer aus Dreck, finden ihre Gnade. Es ist eine Suada des Hasses auf das Land des Vaters. Sprachmächtig, sprachkünstlerisch – und in ihrer ganzen Absurdität brüllend komisch.

Sibylle Lewitscharoff kennt Bulgarien. Wie für die Töchter in ihrem Buch ist es auch für sie kein Sehnsuchtsland und nicht die verlorene Heimat. Aber sie hat Verwandte dort, die sie besucht hat in ihrem Elend. „Das Land ist in einem erschütternd miserablen Zustand“, sagt sie. „Vollkommen verwahrlost, vollkommen heruntergewirtschaftet.“ Wirklich erschüttert ist sie darüber, dass es nach dem Ende des Kommunismus nur noch weiter bergab ging. Doch auch sie findet Trost in den alten Kirchenbauten, in der Schönheit der sakralen Architektur – und insofern ist dieses Buch, so grotesk und überzeichnet es wirkt, authentisch und subjektiv-realistisch.

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