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| Foto: Doris Poklekowski www.foto-poklekowski.de |
Begeisternde
Schimpfkanonade
Der Preis der Leipziger Buchmesse
geht an Sibylle Lewitscharoff,
Herfried Münkler und Eike Schönfeld.
Von Jobst-Ulrich Brand, Focus, 12.03.2009:
Was das eigentliche solle, hatte Daniel Kehlmann sich im vergangenen Herbst mokiert, diese ganze Preistreiberei. Viel zu sehr engten die großen Auszeichnungen auf den Buchmessen im Frühjahr und im Herbst – der jetzt zum fünften Mal verliehene Preis der Leipziger Buchmesse und mehr noch der Deutsche Buchpreis – den Blick der Öffentlichkeit auf ein paar wenige Titel ein. Der ganze große Rest bliebe außen vor – zu Unrecht missachtet.
Auch, so hieß es, sei es demütigend für Autoren, wenn sie sich diesem Wettbewerb stellen müssten. Wenn sie im Publikum sitzen und mit stoisch-gelassener Mine mit ansehen sollen, wie ein anderer das Preisgeld einheimst und die Glückwünsche und die Aussicht auf ein paar Hunderttausend verkaufte Exemplare mehr.
Greiner betonte aber auch, dass allein die Qualität entscheide. Von
Proporzdenken – dieser oder jener Verlag hat schon, dieser oder jener wäre mal
dringend dran – sei man ganz frei. Und so haben die sieben Kritikerinnen und
Kritiker ein Buch als besten Belletristik-Titel der Frühjahrssaison gekürt, das
den Preis neben Kehlmanns Buch unbestritten verdient hat: Sibylle Lewitscharoffs
Anti-Familienroman „Apostoloff“ – auch wenn Suhrkamp im Herbst schon mit
Uwe
Tellkamps „Der Turm“ den Deutschen Buchpreis gewonnen hat.Brüllend
komisch in der Absurdität
Es ist eine Fahrt in die Hölle, zumindest empfindet die eine der beiden diese
Reise so. Voller Abscheu über den verrotteten Zustand des Landes verwünscht,
beschimpft, verdammt sie, was sie zu sehen bekommt. Allein grandiose
Kirchenbauten und Klosteranlagen, Inseln der Schönheit in einem Meer aus Dreck,
finden ihre Gnade. Es ist eine Suada des Hasses auf das Land des Vaters.
Sprachmächtig, sprachkünstlerisch – und in ihrer ganzen Absurdität brüllend
komisch.
Sibylle Lewitscharoff kennt Bulgarien. Wie für die Töchter in ihrem Buch ist es
auch für sie kein Sehnsuchtsland und nicht die verlorene Heimat. Aber sie hat
Verwandte dort, die sie besucht hat in ihrem Elend. „Das Land ist in einem
erschütternd miserablen Zustand“, sagt sie. „Vollkommen verwahrlost, vollkommen
heruntergewirtschaftet.“ Wirklich erschüttert ist sie darüber, dass es nach dem
Ende des Kommunismus nur noch weiter bergab ging. Doch auch sie findet Trost in
den alten Kirchenbauten, in der Schönheit der sakralen Architektur – und
insofern ist dieses Buch, so grotesk und überzeichnet es wirkt, authentisch und
subjektiv-realistisch.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.focus.de]
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