Doris Lessing, 2006, Foto: Ekko von Schwichow

Doris Lessing Foto: Ekko von Schwichow
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Geschichten aus der weiblichen Perspektive
Die große alte Dame der britischen Literatur: Nobelpreisträgerin Doris Lessing lässt sich nicht vereinnahmen
Von Steffen Radlmaier aus den Nürnberger Nachrichten vom 11.10.2007:

Die freudige Nachricht überraschte Doris Lessing beim Einkaufen. Seit vielen Jahren war sie als Kandidatin für den Literatur-Nobelpreis im Gespräch, bevor sie ihn jetzt, kurz vor ihrem 88. Geburtstag, erhalten hat. Viel zu spät, wie manche Kritiker meinen.

Besser spät als nie, dachte sich wohl die Nobelpreis-Akademie, als sie zum elften Mal in der langen Geschichte eine Frau für preiswürdig befand. «Dies ist eine der am besten durchdachten Entscheidungen, die wir jemals getroffen haben«, meinte Jury-Sprecher Horace Engdahl. Zum Vergleich: 93 Männer wurden bisher von der schwedischen Akademie ausgezeichnet. Zuletzt hat mit der österreichischen Schriftstellerin Elfriede Jelinek 2004 eine Frau den Nobelpreis erhalten. Die aktuelle Entscheidung dürfte aber längst nicht so umstritten sein. Denn Doris Lessing gilt nicht nur als eine der erfolgreichsten, sondern auch wichtigsten Schriftstellerinnen der Gegenwart.

Kaum zu überblicken ist ihr vielschichtiges Werk, das über 50 Bücher umfasst und keineswegs abgeschlossen ist. Auch im hohen Alter schreibt Doris Lessing unentwegt weiter. Erst in der letzten Woche stellte die vitale und immer noch kämpferische Autorin in Hamburg ihren neuen Roman «Die Kluft« vor. Darin geht es wieder einmal um eines ihrer zentralen Anliegen – das komplizierte Verhältnis von Männern und Frauen.

Gegen Etikettierungen

Aber auf bestimmte Themen oder Einstellungen hat sich Doris Lessing noch nie festlegen lassen. «Ich bin eine Geschichtenerzählerin,« hat sie unlängst in einem Interview erklärt. «Mich beschäftigen Geschichten, nicht Themen. Und Etikettierungen kann ich nicht leiden.« Auch als Ikone der Frauenbewegung wollte sie sich nie vereinnahmen lassen. Spätestens seit ihrer Abwendung vom Kommunismus nach dem Einmarsch der Sowjetischen Armee in Ungarn waren der Gesellschaftskritikerin alle Ideologien verdächtig.

Doris Lessings Bücher sind von den Erfahrungen eines langen und aufregenden Lebens geprägt. Ihre Kunst zeigt sich weniger in stilistischer Brillanz als in der genauen psychologischen Analyse, intellektueller Redlichkeit, moralischer Energie und geduldiger Selbstreflexion.

Geboren wurde die Tochter eines britischen Kolonialoffiziers am 22. Oktober 1919 im Iran. Von 1924 an lebte die Familie auf einer Farm in Rhodesien. Die Kindheit in Afrika und die Erfahrung der Rassendiskriminierung waren entscheidend für die schriftstellerische Karriere von Doris Lessing. Als sie 1949 in England einwanderte, hatte sie das Manuskript ihres ersten Romans im Gepäck: «The Grass is Singing« erschien unter dem Titel «Afrikanische Tragödie« auf deutsch. Ohne Schwarz-Weiß-Malerei schrieb sie über das Verhältnis von Schwarzen und Weißen.

In Hampstead bei London gelang der jungen Schriftstellerin ein Neuanfang. Hinter ihr lagen zwei gescheiterte Ehen: Mit dem Kolonialoffizier Frank Charles Wisdom hatte sie zwei Kinder, mit dem deutschen Emigranten Gottfried Anton Nicolai Lessing einen Sohn. Über diese schwierige Zeit hat Doris Lessing in ihren viel beachteten Autobiografien «Unter der Haut« (1994) und «Schritte im Schatten« (1997) geschrieben.

Der schriftstellerische Durchbruch gelang Doris Lessing 1962 mit dem bahnbrechenden Roman «Das goldene Notizbuch«, der ein feministisches Kultbuch wurde und bis heute als ihr Hauptwerk gilt. Typisch ist schon damals die Aufsplitterung der Erzählperspektiven. Auch später setzte sich die Autorin immer wieder kritisch mit einer von Männern beherrschten Gesellschaft und weiblichem Selbstverständnis auseinander. Besonders die Martha-Quest-Romane handeln davon.

Den vollständigen Bericht von Steffen Radlmaier mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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