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| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
Geschichten aus der weiblichen Perspektive
Die große alte Dame der britischen Literatur:
Nobelpreisträgerin Doris
Lessing lässt sich nicht vereinnahmen
Von Steffen Radlmaier aus
den Nürnberger Nachrichten
vom 11.10.2007:
Die freudige Nachricht überraschte Doris Lessing
beim Einkaufen. Seit vielen Jahren war sie als Kandidatin für den
Literatur-Nobelpreis im Gespräch, bevor sie ihn jetzt, kurz vor ihrem 88.
Geburtstag, erhalten hat. Viel zu spät, wie manche Kritiker meinen.
Besser spät als nie, dachte sich wohl die Nobelpreis-Akademie, als sie zum
elften Mal in der langen Geschichte eine Frau für preiswürdig befand. «Dies
ist eine der am besten durchdachten Entscheidungen, die wir jemals getroffen
haben«, meinte Jury-Sprecher Horace Engdahl. Zum Vergleich: 93 Männer wurden
bisher von der schwedischen Akademie ausgezeichnet. Zuletzt hat mit der
österreichischen Schriftstellerin Elfriede
Jelinek 2004 eine Frau den Nobelpreis erhalten. Die aktuelle Entscheidung
dürfte aber längst nicht so umstritten sein. Denn Doris Lessing gilt nicht nur
als eine der erfolgreichsten, sondern auch wichtigsten Schriftstellerinnen der
Gegenwart.
Kaum zu überblicken ist ihr vielschichtiges Werk, das über 50 Bücher umfasst
und keineswegs abgeschlossen ist. Auch im hohen Alter schreibt Doris Lessing
unentwegt weiter. Erst in der letzten Woche stellte die vitale und immer noch
kämpferische Autorin in Hamburg ihren neuen Roman «Die Kluft« vor. Darin geht
es wieder einmal um eines ihrer zentralen Anliegen – das komplizierte
Verhältnis von Männern und Frauen.
Gegen Etikettierungen
Aber auf bestimmte Themen oder Einstellungen hat sich Doris Lessing noch nie
festlegen lassen. «Ich bin eine Geschichtenerzählerin,« hat sie unlängst in
einem Interview erklärt. «Mich beschäftigen Geschichten, nicht Themen. Und
Etikettierungen kann ich nicht leiden.« Auch als Ikone der Frauenbewegung
wollte sie sich nie vereinnahmen lassen. Spätestens seit ihrer Abwendung vom
Kommunismus nach dem Einmarsch der Sowjetischen Armee in Ungarn waren der
Gesellschaftskritikerin alle Ideologien verdächtig.
Doris Lessings Bücher sind von den Erfahrungen eines langen und aufregenden
Lebens geprägt. Ihre Kunst zeigt sich weniger in stilistischer Brillanz als in
der genauen psychologischen Analyse, intellektueller Redlichkeit, moralischer
Energie und geduldiger Selbstreflexion.
Geboren wurde die Tochter eines britischen Kolonialoffiziers am 22. Oktober 1919
im Iran. Von 1924 an lebte die Familie auf einer Farm in Rhodesien. Die Kindheit
in Afrika und die Erfahrung der Rassendiskriminierung waren entscheidend für
die schriftstellerische Karriere von Doris Lessing. Als sie 1949 in England
einwanderte, hatte sie das Manuskript ihres ersten Romans im Gepäck: «The
Grass is Singing« erschien unter dem Titel «Afrikanische Tragödie« auf
deutsch. Ohne Schwarz-Weiß-Malerei schrieb sie über das Verhältnis von
Schwarzen und Weißen.
In Hampstead bei London gelang der jungen Schriftstellerin ein Neuanfang. Hinter
ihr lagen zwei gescheiterte Ehen: Mit dem Kolonialoffizier Frank Charles Wisdom
hatte sie zwei Kinder, mit dem deutschen Emigranten Gottfried Anton Nicolai
Lessing einen Sohn. Über diese schwierige Zeit hat Doris Lessing in ihren viel
beachteten Autobiografien «Unter der Haut« (1994) und «Schritte im Schatten«
(1997) geschrieben.
Der schriftstellerische Durchbruch gelang Doris Lessing 1962 mit dem
bahnbrechenden Roman «Das goldene Notizbuch«, der ein feministisches Kultbuch
wurde und bis heute als ihr Hauptwerk gilt. Typisch ist schon damals die
Aufsplitterung der Erzählperspektiven. Auch später setzte sich die Autorin
immer wieder kritisch mit einer von Männern beherrschten Gesellschaft und
weiblichem Selbstverständnis auseinander. Besonders die Martha-Quest-Romane
handeln davon.
Den vollständigen Bericht von Steffen Radlmaier mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten
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