Der Preisträger 2005: Ron Winkler, 2007, Foto: Ekko von Schwichow

Der Preisträger 2005: Ron Winkler,
Foto: Ekko von Schwichow

www.schwichow.de

Ego-Show statt Offenheit.
Randnotizen zur Vergabe des Leonce-und-Lena-Preises 2005
.

Ein Bericht von Adrian Faltenberg
, März 2005:

Er nennt sich die bedeutendste Plattform für junge Lyriker, der Literarische März in Darmstadt, in dessen Rahmen der angeblich renommierteste Lyrikpreis, der Leonce-und-Lena-Preis, vergeben wird. Eine angeblich unabhängige Jury diskutiert öffentlich die Texte der von einem Lektorat nominierten AutorInnen, um abschließend den Preisträger zu küren und weitere Förderpreise zu vergeben. Was erhofft man sich von solch einer Veranstaltung? Ich meine als langjähriger Beobachter der zeitgenössischen jungen Literatur, nicht als Jury-Mitglied. Denn was die Jury-Mitglieder sich davon versprechen, dürfte während des diesjährigen Literarischen März wieder einmal sehr schnell deutlich geworden sein. Das alle zwei Jahre stattfindende Theater in Darmstadt, so scheint es, dient in der Tat eher der aufwendigen Selbstinszenierung einer überaus selbstverliebten Jury als dem Entdecken vielversprechender Talente. Wenn Autoren Autoren beurteilen...Es überrascht ein wenig, dass in der Jury dieses so renommierten Preises bis auf Sibylle Cramer ausschließlich selbst Literatur produzierende Menschen sitzen, darunter einige ehemalige Preisträger wie auch Raoul Schrott, der in diesem Stück die Rolle eines Marcel Reich-Ranicki mal mehr und mal weniger überzeugend übernommen hat. Seine altgriechischen Rezitationen konnten zwar seine Jury-Kollegen beeindrucken, gingen aber ebenso wie die meisten anderen Kommentare der Jury an den Texten der AutorInnen vorbei. Wie bei Sibylle Cramer, deren Bemerkungen zeitweise auswendig gelernte Rezensionen zu sein schienen und die keine Gelegenheit ausließ, mit ihrer abendländischen Bildung zu kokettieren, was allerdings im Falle musiktheoretischer Auslassungen zur Rolle der Subdominante in Ges-Dur (Ges-Dur war der Titel eines Gedichtes eines Autors) wenig überzeugen konnte. Dass die blassen Texte der ähnlich blassen Autorin Karin Fellner mit einem Förderpreis bedacht wurden, konnte man sich nur noch damit erklären, dass Sibylle Cramer anlässlich dieser Gedichte Lévi-Strauss' Theorie des Rohen und Gekochten aus der Schublade kramen konnte, was nicht nur die übrige Jury in Erstaunen versetzte, so dass dieser Preis wohl eher der waghalsigen Assoziationsfähigkeit Sibylle Cramers zugeschrieben werden muss als dem Potential der Autorin. So vorgefertigt und auswendig gelernt viele der Kommentare klangen, so insgesamt statisch wirkte die ganze Aufführung der Mitglieder der Jury. Dass die Präsentation der eingereichten Texte durch die jeweiligen AutorInnen keine Rolle mehr spielte, dass vielmehr schon vor Beginn des Wettbewerbs die Choreographie dieser Komödie, oder vielleicht doch Tragödie, feststand, zeichnete sich im Verlauf der Veranstaltung immer deutlicher ab.

Raoul Schrott, 2004, ©Foto: Doris Poklekowski

Raoul Schrott
Foto: Doris Poklekowski

www.foto-poklekowski.de

Ein gut, zu gut einzustudiertes Stück mit festverteilten Rollen in der Jury, die auch mit den ebenso eingeübten Reibereien zwischen Raoul Schrott und Sibylle Cramer nicht amüsieren konnte. Kurt Drawert als Dramatiker vermochte wenig zur Beurteilung der Gedichte beitragen. Jan Koneffke, ehemaliger Preisträger, blieb ohne Format wie auch Brigitte Oleschinski, die allein dadurch sich hervortat, sich grundsätzlich der Meinung ihrer Vorredner anzuschließen sowie durch ihre ausgiebige Verspätung zu Beginn des zweiten Wettbewerbtages aufzufallen. So wenig unabhängig diese Jury schien, ihre Urteile fielen besonders positiv aus bei Autoren, die eine Zeitschrift herausgeben, die wiederum die Mitglieder der Jury selbst gerne als Publikationsorgan nutzen, so wenig neutral war der Moderator Wilfried Schoeller, der seine angekündigte Zurückhaltung alsbald ablegte. Dass Seilschaften und Klüngeleien diesen Wettbewerb dominierten und ihn entschieden, mag vielleicht nicht so sehr überraschen, vielleicht wäre es überraschend gewesen, wenn dem nicht so gewesen wäre, wir hätten es vermutlich mit einer Ausnahme zu tun gehabt. Überraschend war jedoch der Rahmen der Veranstaltung bzw. dessen Hinnahme durch alle Beteiligten. Wurde der Jury am Ende des Wettbewerbes ausführlichst durch den Oberbürgermeister der Stadt Darmstadt Peter Benz gedankt, so ging kein Wort des Dankes an die diese Veranstaltung tragenden AutorInnen. Das bestätigte den Eindruck, dass die geladenen AutorInnen vielmehr als Pappkameraden dienten, auf deren Rücken eine gewaltige Selbstinszenierung der Jury ausgetragen wurde. Dazu passte die räumliche Anordnung, dass die Bühne zentral von der Jury beherrscht wurde, während dem Autor, der Autorin ein an den Rand gedrängtes Rednerpult zugedacht war. In dieses Bild fügte sich ebenso, wie die Kurzvitae der jungen Schreibenden teils akustisch unverständlich heruntergenuschelt wurden wie auch die Bemerkung des selbst ernannten Papstes Raoul Schrott, man hätte es in diesem Wettbewerb sowieso nur mit Epigonentum zu tun. Selbst den Preisträgern wurde kaum Raum und Eigengestaltung während ihres finalen, marionettenhaften Auftrittes zugebilligt, was schließlich die Frage aufwarf, wo denn nun der Unterschied zu 'Deutschland sucht den Superstar' zu suchen ist, abgesehen davon, dass das Fernsehen an dieser Veranstaltung nichts verdient und dass ihr intellektuell-überheblicher Anstrich jede Breitenwirkung verhindert. Die merkwürdig inhaltsleere Lyrik, die diesen Literarischen März dominierte, kreisend nur um sich selbst, konnte zwar die Jury zu geistigen Höhenflügen anregen, mehr allerdings nicht. Formalismus und die Aufgabe jeden Inhalts, es sei denn Natur, und eine gewisse Harmlosigkeit zeichneten fast alle Texte aus. Das narzisstisch angehauchte Metapherngeklapper konnte das Elfenbeinflair der Texte nicht übertönen, die meisten Texte verharrten in dem zwanghaften Versuch originell zu sein und möglichst abstruse Formen zu finden; dass dies auf Kosten der Les- und Hörbarkeit ging, schien niemanden in diesen Zirkeln maßgeblich zu stören. Dass große Kunst nie allein auf die Form beschränkt bleibt, vielmehr sich auszeichnet durch das virtuose Ineinandergreifen von Form und Inhalt, scheint in diesen sich als avantgardistisch verstehenden Kreisen noch nicht angekommen oder verloren gegangen zu sein. Seltsam mutete an, dass die Jury gerade die Texte von Gyde Callesen als zu privat beiseite schob, sich gar nicht einließ auf diese Gedichte, die sich als einzige in der Welt und auf die Welt zu bewegten, die jenes Zusammenspiel von Form und Ausdruck bewältigten und eine erstaunliche Reife der Autorin erkennen ließen. Dass die Jury diesen Texten vorwarf, sie seien nur für sich selbst geschrieben, erschien geradezu grotesk.

Gyde Callesen, ©Foto: www.gydecallesen.de

Gyde Callesen

Diese Lyrik hatte es geschafft, dem eitlen und sich selbst genügenden Spiel der Jury und der ganzen Veranstaltung einen Spiegel vorzuhalten und war dabei nicht auf Gegenliebe gestoßen. Gyde Callesens Texte haben Programm, greifen aktuelle Themen wie die Folterskandale im Irak auf, ohne plakativ zu wirken, setzen sich mutig und sprachlich gekonnt auseinander mit Begriffen wie Grenze, Wirklichkeit und Traum und sind vor allem Sprachkritik. Mit letzterem konnte eine solche Jury freilich nichts anfangen, hätte sie doch dann den ohnehin leicht überladenen Ast, auf dem sie saß, absägen müssen. Insbesondere mit ihrem letzten Gedicht 'Adagio' hat die junge Autorin das Wortgeklingel dieses Wettbewerbs ad absurdum geführt. "Sie wollten keine großen Worte mehr" heißt es in dem Text, der auf subtile Weise die Literaturkritiker angreift, denen Einfachheit der Form und die Beschäftigung mit den 'großen Themen' bis heute suspekt geblieben ist. Das Echo kam prompt: 'Das sind mir viel zu große Worte', so Raoul Schrott, der wie alle anderen Jury-Mitglieder auf höchst merkwürdige Weise das elegant beherrschte und dabei nie gekünstelt erscheinende Handwerkszeug dieser Autorin ausblendete und sich vor den Ebenen dieser Gedichte verschloss. 'Diese Texte gehören nicht hierher', was Brigitte Oleschinski konstatierte, kann man so oder so verstehen. Ja, sie gehörten nicht dorthin, weil sie den Mut hatten, sich nicht anzupassen und sich auseinanderzusetzen mit der Welt, was das Publikum durchaus zu schätzen wusste. Die Lesung von Gyde Callesen war die einzige, die eine Atmosphäre in den Raum zu zaubern vermochte, was angesichts der Kürze der Lesezeit und der Größe des Saals eine wirkliche Meisterleistung war. Es bleibt zu wünschen, dass diese Autorin stark genug ist, ihren Weg weiterzugehen und sich nicht entmutigen zu lassen von einer Jury, der die Magie ihrer Worte offensichtlich unheimlich war, was sie zu Abwehr und Abwertung nötigte. Die Jury dieses Wettbewerbs hatte keinen Mut und lediglich Lust auf angepasste Texte. Erschwerend kam hinzu, dass Gyde Callesen eine Frau ist, und Frauen hatten es in diesem Wettbewerb nicht leicht, der von einer mehr oder weniger offensichtlichen Frauenfeindlichkeit geprägt war, was alles andere als avantgardistisch anmutete. Es war nicht zu übersehen, dass seitens der Jury eine wesentlich geringere Bereitschaft bestand, sich auf die Texte der jungen Frauen einzulassen als auf die der Männer. Lyrische Texte hatten in diesem Wettbewerb keine Chance, man kürte ausschließlich Gedichte, denen jeder lyrische Ton fremdgeblieben ist. Es könnten noch einige Merkwürdigkeiten hinzugefügt werden, wie beispielsweise dass der spätere Preisträger Ron Winkler direkt vor seiner Lesung noch überarbeitete Versionen seiner Texte an die Jury verteilte. Dass so etwas möglich war, überraschte - dass es nichts änderte, überraschte nicht. Es stand ja schon fest, wem die Krone aufgesetzt werden sollte, dem Wiederholungstäter Ron Winkler, dessen Texte der Jury auf den Leib geschrieben schienen, was eine entsprechende, (wahrscheinlich einstudierte) Einigkeit hervorrief. Ach ja, was hatte man sich als neutraler Beobachter erhofft? Offenheit und Mut auf Seiten der Jury und der AutorInnen. Umsonst. Man verließ diesen Ort mit einem schalen Nachgeschmack, desillusioniert von der Angepasstheit, leicht angewidert von diesem abgekarteten Spiel, nicht genau wissend, ob man eine Komödie oder eine Tragödie angeschaut hat.
Adrian Faltenberg, Freier Journalist und Kritiker Publikationen in diversen Tages- und Wochenzeitungen in In-und Ausland unter verschiedenen Pseudonymen

Leseprobe I Buchbestellung 0305/0115 LYRIKwelt © A.F.