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| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
Donna Leon: Mit Schirm, Barok und Dracula
Die
Händel-Oper "Alcina" hat heute Premiere - auch deshalb kommt Donna Leon nach
Wien. Mit ihrem kaputten Händel-Regenschirm.
Interview
von Luise Hahn aus Kurier,
Wien, vom 14.11.2010:
Berühmt wurde sie durch ihre
Kriminalfälle in Venedig, gelöst vom sympathischen Commissario Brunetti. Wobei
Donna Leon selbst natürlich keine Delikte begangen hat - nur beschrieben. Und
nun schon mit Brunettis neunzehntem Fall Erfolge feiert. Im Interview mit dem
KURIER spricht Donna Leon über ihre ganz großen Leidenschaften neben dem Beruf
als Krimi-Autorin.
KURIER: Sie kommen mit dem
Brunetti-Krimi Nummer 18 , "Schöner Schein" am 20. November zur Buch Wien. Und
mit der Neuerscheinung "Tiere und Töne" über die Tiere in Händels Werken. Wie
kamen Sie auf dieses außergewöhnliche Thema ?
Donna Leon: Auf die Idee kamen wir bei
einem Abendessen mit Alan (Curtis, Gründer und Leiter von "Il Complesso Barocco",
dem von Donna Leon geförderten, auf Barockmusik spezialisierten Ensemble) und
dem Orchester-Manager Giulio D'Alessio. Ich fragte Alan, weshalb Händel so viele
Arien über Tiere geschrieben hat. Daraufhin erstellten wir eine Liste und kamen
auf zirka zwanzig. Dann erinnerte ich mich daran, dass ich seinerzeit an der
Universität eine umfangreiche Arbeit über mittelalterliche Bestiarien
geschrieben hatte und dachte, ein Blick darauf wäre auch recht interessant. Es
hat dann schon geraume Zeit gedauert, alles zusammenzutragen, aber der
Diogenes-Verlag war von Anfang an interessiert.
Die Werke von Illustrator Michael Sowa sind
bekannt aus "Die fabelhafte Welt der Amélie".
Wir kannten und bewunderten ihn schon lange. Zum Glück sagte er zu.
Was ist nun auf der beigefügten CD zu hören?
Zwölf meist berühmte Arien von Händel und ein Duett. Aus "Giulio Cesare", "Arianna
in Creta" und "Israel in Egypt", gesungen von der Mezzo-Sopranistin Ann
Hallenberg und Karina Gauvin, Sopran.
In der Zwischenzeit ist Brunettis neunzehnter
Fall, "A Question of Belief" - über Kriminalität in der Grauzone des
Aberglaubens - auf Englisch erschienen. Wie waren denn die Reaktionen bei Ihren
Lesereisen auf dieses Buch?
Die Leute scheinen das Buch und auch einige der Personen darin zu mögen.
Verraten Sie uns doch bitte etwas über Brunettis Fall Nummer zwanzig.
Der wird im nächsten April in London und New York mit dem Titel "Drawing
Conclusions" erscheinen. Dabei geht es um ein Testament, das in der
Vergangenheit gefälscht worden ist. In der Gegenwart führt dieses Delikt zu
einer neuen Reihe von Problemen.
Eine Lesetour von 18 Tagen quer durch die USA ist bereits geplant.
Treten Sie nach wie vor bei Buchpräsentationen gemeinsam mit Alan Curtis und "Il
Complesso Barocco" auf?
Ja. Ich bin gerade von zwei Konzerten in Bilbao zurückgekehrt, und im Jänner
werden wir Händel-Arien mit Karina Gauvin und Ann Hallenberg einspielen.
Werden Sie sowohl die Musik wie auch die Lesung
einspielen?
Nein, nur den Gesang. Wir wollen noch abwarten - so wie verständlicherweise auch
der Diogenes-Verlag -, um zu sehen, wie die Kombination von Worten, Bildern und
Arien in "Tiere und Töne" beim Publikum ankommt. Ich denke ja, dass sie ankommen
wird. Aber - was weiß denn ich schon ...
An welchem Punkt steht Ihr Projekt, sämtliche
Händel-Opern aufzunehmen?
Ich glaube, damit habe ich übertrieben: Es gibt nicht genug Zeit, alle
aufzunehmen. Aber wir planen noch immer, zumindest fünf oder sechs Opern
einzuspielen.
Welche?
Alan hat das auf Basis unserer Wünsche noch nicht entschieden. Wir warten auf
seine Rückkehr aus den USA.
Darf ich raten: Sie werden am 20. November in
die Wiener Staatsoper gehen, um Händels "Alcina" zu sehen?
Ja, selbstverständlich!
Benützen Sie noch immer Ihren halb kaputten
Händel-Schirm?
Ja, ich habe sogar versucht, ihn zu reparieren, und trage ihn mit Stolz!
Schützt dieser Schirm Sie überhaupt vor dem
Regen oder ist er mehr eine Deklaration bzw. Dekoration?
Ich betrachte ihn als schützenden Werbeträger.
Besitzen Sie noch immer kein Fernsehgerät?
Nein. Und ich werde nie eines haben.
Haben Sie dennoch ein paar der insgesamt
sechzehn Brunetti-Verfilmungen von ARD gesehen?
Ja, eine, vor acht Jahren. Aber Fernsehen interessiert mich wirklich nicht. Ich
lese lieber.
Krimis?
Nur hin und wieder. Lieber lese ich Historisches. Zum Beispiel die beiden
hervorragenden Bücher des jungen britischen Historikers
Tom Holland: "Rubicon", über den Untergang der Römischen Republik, und "Persian
Fire", über Xerxes' Invasion in Griechenland.
Und wenn Sie Krimis lesen, dann vermutlich
keine brutalen - so wie Ihre eigenen niemals brutal sind ...
Ich sehe gar keinen Grund, warum ich etwas Gewalttätiges lesen sollte. Das lehrt
uns nichts und es kann auch nicht unterhaltsam sein, es anzuschauen. Und falls
das so wäre, sind wir als Spezies in größeren Schwierigkeiten, als ich dachte.
Lehnen Sie weiterhin die Übersetzung Ihrer Werke ins Italienische ab?
Ja, weil ich in Venedig unerkannt ein normales Leben leben will.
Aber "Nicht-Italiener" in Venedig erkennen Sie und viele fotografieren Sie
sogar, ohne vorher zu fragen. Ist das nicht entnervend?
Nein, ist es eigentlich nicht. Denn die Leute würden doch nicht stehen bleiben
und grüßen, um ein Autogramm bitten oder ein Foto machen, wenn ihnen die Bücher
nicht gefallen würden. Daher kann das für die Person, die die Bücher geschrieben
hat, niemals entnervend sein.
Sie hassen den Massentourismus. Wie können Sie
da das Leben in Venedig ertragen?
So wie Dracula schlafe ich bei Tageslicht in meinem Sarg und tauche erst nach
Einbruch der Dunkelheit auf ----grrrrrrrr! Und es ist nicht schwierig, das
Bermuda-Dreieck Rialto-Accademia-San Marco zu vermeiden, oder nur ganz zeitig in
der Früh dorthin zu gehen.
Sie sagten einmal, dass Sie Flieder so lieben -
eine Pflanze, die in Italien leider kaum zu finden ist ...
Bei meinem Haus in den Bergen habe ich fünfzig Sträucher gepflanzt, von denen
einige schon vier Meter hoch sind. Alljährlich im Mai ist für zehn Tage die
ganze Gegend voll von dem betörenden Duft!
Sind Sie noch immer so begeistert von Dachsen?
Ja, ich liebe diese Tiere mehr als alle anderen. Vielleicht, weil sie in der
ersten Stunde nach dem Auftauchen aus ihren unterirdischen Bauten immer
miteinander spielen. Und nein, ich habe noch immer keine Dachse in freier
Wildbahn gesehen.
Dann sollten die Veranstalter der Buchmesse, die Sie eingeladen haben, doch auch
eine nächtliche Dachs-Safari in Wien organisieren.
Oh, welche Freude!
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.kurier.at]
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