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Zum Tod von Siegfried Lenz: Der Menschenfreund
„Ein Schriftsteller“, fand Siegfried Lenz, „ist ein Mensch, der niemanden zwingt, das zu sein, was er ist.“ Seine Romane haben sich nie in ideologischer Überredung versucht und waren doch stets auch so politisch wie ihr Autor selbst. Am Dienstag starb Lenz im Alter von 88 Jahren.
Siegfried Lenz war der Menschenfreund unter den Großschriftstellern seiner Zeit, er war eine Verkörperung seiner Romane: ein leutseliger, geborener Erzähler wie Großväterchen Hamilkar Schaß mit viel Freude an der guten Anekdote und grundhöflich bis in seine Romane hinein, die dem Leser immer nur einen Blick auf Welt und Wirklichkeit anbieten wollten - zur Probe, ob man sie damit ein wenig besser erkennen konnte

Von Jens Dirksen in der NRZ vom 7.10.2014:

Siegfied Lenz, Bundesarchiv, B 145 Bild-F030757-0015 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA/wikipedia.org (hf0311)„Ein Schriftsteller“, fand Lenz, „ist ein Mensch, der niemanden zwingt, das zu sein, was er ist.“ Seine Romane haben sich nie in ideologischer Überredung versucht und waren doch stets auch so politisch wie ihr Autor selbst. Sie erkundeten die Ränder der Freiheit, so wie Lenz in seiner hellsichtigen Rede als Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 1988 „Am Rande des Friedens“ auf die ungerechte Verteilung der Güter der Welt, ihre Waffenarsenale, auf den Historikerstreit um die Unvergleichbarkeit der nationalsozialistischen Verbrechen blickte. Und doch zählte Siegfried Lenz zu den wenigen großartigen Autoren, die gemocht, ja geliebt wurden – von den einen für den derben Humor à la „So zärtlich war Suleyken“, von anderen für sein spürbare Zuneigung zu den Figuren seiner Romane bis in irrlichternde Typen wie den Maler Hansen in seiner „Deutschstunde“, die den schwierigen Umgang mit dem Nationalsozialismus bis in die Gegenwart der 60er-Jahre hinein illustrierte.

Der 1926 im masurischen Lyck geborene Lenz war durchdrungen von der Liebe zu seiner alten Heimat, wo er als Kind ins Eis eingebrochen war – seit man ihn aus dem Wasser gezogen hatte, glaubte er fest, ihm könne nichts Übles mehr passieren. Wie Alfred Andersch machte allerdings auch Lenz das Ur-Erlebnis seines politischen Lebens am Ende des Zweiten Weltkriegs durch: Als 17-Jähriger hatte er sich 1943 gar nicht ungern zur Marine einziehen lassen, doch ein barbarisches Marinegerichts-Urteil in Tagen, als die deutsche Kapitulation schon absehbar war, empörte Lenz so sehr, dass er desertierte. Er formte diesen Stoff 1984 zu einer seiner besten Erzählungen, die wie so manches Lenz-Buch in bester Fernseh-Manier verfilmt wurde: „Ein Kriegsende“. Nach dem Krieg schlug Lenz sich als Schwarzmarkthändler, Übersetzer und Journalist durch, bevor 1951 mit „Es waren Habichte in der Luft“ sein erster Roman erschien, den Lenz später mit einem nachsichtigen Lächeln betrachtete.

Sein Freund Marcel Reich-Ranicki hielt den an Hemingway geschulten Lenz für einen geborenen Kurzstreckenläufer, doch wie so oft bei „MRR“ traf das Pointierte nur halb zu. Denn so grandios Lenz sich auf die Kunstform des offenen Schlusses, des intensiv-abrupten Blicks auf Lebensgeschichten verstand, so sehr gelang es ihm in seinen besten Romanen, ganze Lebenswelten auszubreiten.

Arnes Nachlaß von Siegfried Lenz, Hoffmann und CampeIm 1978 erschienenen „Heimatmuseum“ brach der einstige, stets loyale Unterstützer von Willy Brandts neuer Ostpolitik auf intelligente Weise jedem Revanchismus, wie er bis dato noch auf den notorischen Treffen der Heimatvertriebenen gepflegt wurde, die Spitze. „Heimat“, sagte er einmal, „entdeckt man erst in der Fremde“.

Schweigeminute vn Siegfried Lenz, 2008, HoCaEin weiser, geduldiger Mann

Seine späten Werke wie „Arnes Nachlaß“ oder „Fundbüro“ wirken wie ein letzter Gruß der alten Bundesrepublik an das vereinigte Deutschland, mit der Novelle „Schweigeminute“ über eine Liebe zwischen Lehrerin und Schüler aber ging Lenz 2008 noch einmal mit gewohnter Großartigkeit auf die Kurzstrecke. Das Buch war seiner Freundin Ulla gewidmet, die sich um ihn kümmerte, als 2006 seine Frau Lieselotte nach 57 Ehejahren dahinschied. Fast möchte man Siegfried Lenz den Helmut Schmidt der Nachkriegsliteratur nennen. Doch dieser weise Mann war unendlich viel freundlicher, geduldiger und lebenslustiger als sein alter Freund aus dem Kanzleramt. Umso trauriger, dass Siegfried Lenz am Dienstag mit 88 Jahren seinen letzten Atemzug getan hat.

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Siegfried Lenz: Der große Erzähler der kleinen Welten
Oft ist Siegfried Lenz mit Heinrich Böll und Günter Grass in einem Atemzug genannt worden, auch wenn er nie zu Nobelpreisehren gelangte. Jetzt ist der große Nachkriegsautor („Deutschstunde“) im Alter von 88 Jahren gestorben.
Von Simone Dattenberg im Münchner Merkur, 7.10.2014:

Siegfied Lenz, Bundesarchiv, B 145 Bild-F030757-0015 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA/wikipedia.org (hf0311)Mit jedem Menschen, der stirbt, stirbt auch Geschichte – nicht nur seine eigene. Wenn eine Persönlichkeit wie Siegfried Lenz stirbt, empfinden wir dieses Faktum in seiner ganzen Bedeutung. Er, 1926 geboren, gehörte zur Generation der „Pimpfe“, die einerseits bei Kriegsende als letztes Kanonenfutter herhalten mussten und ahnungslos ins Abschlachten stolperten; andererseits noch blutig daraus Konsequenzen zogen und mit voller Energie die Demokratie der Bundesrepublik Deutschland aufbauten und mit Leben erfüllten.

Die Tiefe und Abgründigkeit dieser Erfahrungen können wir Jüngeren kaum nachvollziehen: Deswegen ist diese Generation – die ab und zu hochnäsig wegen ihrer NS-Verquickung angepöbelt wird – so existenziell wichtig für den geistigen und ethischen Zustand unseren Gesellschaft. Sie verliert in Siegfried Lenz nicht nur einen Schriftsteller von einzigartiger Farbe, sondern auch einen Identitätsstifter für Deutschland und Europa, insbesondere Osteuropa. Lenz engagierte sich ja für die Ostpolitik Willy Brandts.

Der Hamburger aus Masuren im früheren Ostpreußen, der am Dienstag mit 88 Jahren im Kreis seiner Familie starb, war der pädagogischste unter den Autoren seiner Generation. Den Lehrerberuf („...ich wollte meine Schüler zum Zweifel bekehren...“) hatte er zunächst angesteuert, um dann doch Journalist bei der englischen (Besatzungs-)Zeitung „Die Welt“ zu werden. Freie Information war zum Glücksgefühl geworden, das er in Kriegsgefangenschaft in Dänemark (Lenz war kurz vor Kriegsende dort desertiert) durch britische Blätter erfahren durfte und nie vergaß.

Zum Lesesüchtigen war er schon als Bub im Geburtsort Lyck geworden, als er Western- und Abenteuerheftchen verschlang. Nach dem Krieg kam die Weltliteratur, kamen Hemingway, Faulkner oder Dos Passos dazu. In seinem wunderbaren Essay „Ich zum Beispiel – Kennzeichen eines Jahrgangs“ (1966) betonte er denn auch: „Ich las, und ich spürte vor allem, daß ich las, um mich selbst zu verstehen.“

Wie überragend bedeutsam Lesen ist, bezieht Lenz in vielen seiner literarischen Werke mit ein. Sogar die heitere Schlitzohren-Utopie namens „So zärtlich war Suleyken“ (1955), die in Masuren spielt, beginnt mit einer Geschichte über den „Leseteufel“, der Großvater Hamilkar Schaß in den Fängen hält. Und der schlägt – Stichwort: Utopie – mit seiner Lese-Energie ganz entspannt einen grausigen Kriegsherrn in die Flucht.

Deutschstunde von Siegfried Lenz, 1968/2011, HoCaLiteratur befreit. Für den Leser Lenz mehr noch als die Pädagogik, denn er wollte auf keinen Fall vorgegebene Denkstrukturen vermitteln. So entwickelte sich aus dem Leser und Journalisten Lenz der Dichter Lenz. „Schreiben ist für mich die beste Möglichkeit, um Personen, Handlungen und Konflikte verstehen zu lernen“, formulierte er selbst die Kraft des Schreibens. Auch dieses Phänomen stellte er immer wieder in seinen Romanen und Erzählungen dar. Gerade in dem Buch, das ihm den Durchbruch bei der Leserschaft brachte, das auf der ganzen Welt millionenfach verkauft wurde – im Ostblock gab es massenweise Raubdrucke –, das unauflöslich mit seinem Namen verbunden bleiben wird: „Deutschstunde“ (1968). Ein junger Mann muss in der Jugendanstalt eine Strafarbeit schreiben – über die Freuden der Pflicht. Seine Erinnerung führt ihn und uns in seine Kindheit während der Nazi-Zeit. Als Bub beobachtete er seinen Vater, den Dorfpolizisten, wie der das Malverbot bei einem verfemten Künstler (Vorbild war Emil Nolde) überwachte – mehr und mehr verbissen. Die Pflichterfüllung für den Verbrecherstaat wird zum Wahn. „Pflichtblindheit“ beschäftigte den Autor immer wieder.

Lenz hatte 1951 mit seinem Romandebüt „Es waren Habichte in der Luft“ einen Achtungserfolg errungen, 1952 wurde er in die legendäre Gruppe 47 aufgenommen. Aber mit „Deutschstunde“ schoss er in den Olymp der Bekanntheit. Kein Wunder, dass Film und Fernsehen da zuschlugen. Lenz hatte bereits Hörspiele geschaffen, war also, obwohl kritisch, medial aufgeschlossen. Die „Deutschstunde“, die im Übrigen unfassbar oft literaturwissenschaftlich interpretiert wurde, kam ins Fernsehen (1970). Genauso wie „So zärtlich war Suleyken“ (1971/72), „Heimatmuseum“ (1978) oder „Das serbische Mädchen“ (1987). Auch frühe Texte wie „Der Mann im Strom“ (1957) – 1958 mit Hans Albers und 2005 mit Jan Fedder verfilmt –, „Brot und Spiele“ (1959) oder „Das Feuerschiff“ (1960) reizten dazu, sie in eine Bildergeschichte umzusetzen.

Das beleuchtet Lenz’ Erzählweise. Sie ist schlicht, aber niemals flach, sie grenzt niemanden aus, sondern spricht zu allen, egal welcher Herkunft, welchen Ausbildungsgrads. Sie liebt den Alltag und das sogenannte Kleine, beweist zugleich, dass sich das Große, Wichtige, Entscheidende nur hier abspielt: „Die inspirierende Quelle der Literatur – wie überhaupt der Kultur – ist nicht die Welt, sondern die Region, der überschaubare Ort, die erfahrbare Nähe.“

In seinem Œuvre, das der Hamburger Hoffmann und Campe Verlag herausgibt, erzählte uns der Künstler seit Jahrzehnten von dieser Beziehung, die außerdem die zwischen Macht und angeblicher Ohnmacht enthält. Daraus folgerte Lenz für uns alle: Niemand kann sich seiner Verantwortung entziehen. Keiner kann sich hinter den Herrschenden verstecken. Die Ausrede, „ich kann ja doch nichts ausrichten“, lassen seine künstlerischen Texte nicht gelten. Gerade weil Lenz den normalen Menschen als souveränes Geschichtsindividuum zutiefst achtete, muss dieser sich seiner Schuld stellen.

Der Dichter, der gerade diese Menschen verständnisvoll liebte und mit eben der Liebe ihr Wesen zwischen skurriler Blödelei und Todesverzweiflung modellierte, blieb in dieser Haltung bis zu seinem Tod konsequent. Schmerz und Schuld müssen wir uns stellen. Das tat Siegfried Lenz immer wieder in seinem Schreiben, das sich nie um den Zeitgeist scherte – weder formal noch inhaltlich. Er verteidigte die sozusagen wenig Beachteten: die uralte Kunst des Erzählers, die Jugendlichen, die Handwerker, die Alten, die Landleute oder die, die sich im Leben kaum oder nicht mehr zurecht finden. Und er verteidigte all diejenigen, die mit fröhlicher, sanfter Subversivität unsere durchorganisierte Stromlinien-Welt untergraben.

„Ich hatte das Bedürfnis, meine Illusionen, meine Abschiede, meine Schwenkungen und Überholmanöver zu begründen; ich wollte meine Rolle an einem ganz bestimmten Punkt verstehen lernen...“, reflektierte Siegfried Lenz vor vielen Jahrzehnten über sich selbst. Mit seinen Romanen und Erzählungen – zuletzt „Die Maske“ (2011) – verhalf er uns Lesern stets aufs Neue zu solch einem Nachdenken. Das wird der Schriftsteller, der mit Ehrungen überschüttet wurde, auch nach seinem Tod tun, denn seine Bücher von „Suleyken“ über die „Deutschstunde“ bis zur „Landesbühne“ werden weiterhin den Leseteufel auf uns loslassen.

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