Siegfied Lenz, Bundesarchiv, B 145 Bild-F030757-0015 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA/wikipedia.org (hf0311)Siegfried Lenz Frieden schon zum Frühstück
Eine Hamburger Begegnung mit
Siegfried Lenz, dem rauchenden Grandseigneur der deutschen Gegenwartsliteratur.
Von Ursula März aus DIE ZEIT, 24.12.2011:

Seine Milde ist legendär, sein Streichholzverbrauch auch. Beides zu Recht. Im Verlauf einer Stunde entzündet Siegfried Lenz nicht weniger als vierzehn Streichhölzer, die er – eine manuell anspruchsvolle Aktion – mit einer Hand aus einer großen dänischen Packung heraus- und über die seitliche Reibfläche zieht, während er in der anderen Hand die unentwegt nachzufeuernde Pfeife hält. Die erste Pfeife des Tages raucht Lenz sofort nach dem Frühstück. »Im Grunde«, sagt seine Frau Ulla, »steht er morgens auf, weil er dann rauchen kann.« Sie lacht, das ganze Gesicht lacht, die hellen Locken wippen, der rauchende Gatte lacht mit, greift dabei nach ihrer Hand und drückt sie.

Auch dies wiederholt sich während des Gesprächs auffallend oft. Es lässt sich im Nachhinein nicht sagen, ob der Schriftsteller Siegfried Lenz seine Hände öfter fürs Streichholzanzünden benutzte oder für diese Geste. Vielleicht, so lässt sich mutmaßen, steht seine Milde in einem Zusammenhang mit seiner regen Haptik. Vielleicht äußert sich in ihr ein Verhältnis zur Welt, das in erster Linie auf überbrückender Verbindlichkeit beruht, auf dem Bedürfnis nach Harmonie also. Schon bei der Begrüßung umfasst Siegfried Lenz aus dem Rollstuhl heraus, den er nach zwei schweren Rückenoperationen benutzen muss, die Hand der Besucherin mit seinen beiden Händen. Beim Abschied fragt er, ob er sie umarmen darf – und man selbst fragt sich, ob es nicht allzu nahe liegen könnte, die Größe eines so friedlich gestimmten Mannes, das öffentliche Gewicht eines anscheinend durch und durch aggressionsfreien Schriftstellers zu unterschätzen, an dem nicht nur seines hohen Alters wegen (Lenz wurde im Frühjahr 85) jede Aufwallung, jeder Krawall des Literaturbetriebs vorbeigeht. Es gab in der Vergangenheit Walser-, Grass-, Wolf-, Handke-, Strauß- und noch ein paar andere Debatten. Der Anlass einer Lenz-Debatte liegt im Grunde außerhalb des Vorstellbaren.Schweigeminute vn Siegfried Lenz, 2008, HoCa

Sein literarisches Werk, in sechs Jahrzehnten entstanden, in einer Gesamtauflage von 25 Millionen international verkauft, wurde von der deutschen Kritik keineswegs durchweg bejubelt. Im Gegenteil, vor allem seine Romane ernteten mitunter Verrisse. Biedermeier, schulmeisterliche Schlichtheit, kompositorischer und weltanschaulicher Schematismus wurden Lenz vorgehalten. Den Erfolg beim Publikum beeinträchtigte dies nicht im Geringsten. Die Treue der Lenz-Leserschaft ist einzigartig. Sie geht auf die masurischen Geschichten So zärtlich war Suleyken aus dem Jahr 1955 zurück und wurde 1968 mit der Deutschstunde, dem deutschen Kardinalroman über das Verhältnis von Kunst und Macht im Nationalsozialismus, ein für alle Mal befestigt. Die 2008 erschienene Meisternovelle Schweigeminute, eine Liebesgeschichte, die Sexualität nicht viel anders behandelt, als Fontane es tat, überrollte den Buchmarkt. Der kürzlich erschienene Prosaband Die Maske hätte vermutlich auch dann auf die Bestsellerliste gefunden, wenn Hoffmann und Campe, der Hamburger Hausverlag von Lenz, nicht einen Finger dafür gerührt hätte. Lenz ist, in jeder Bedeutung des Begriffs, ein Volksschriftsteller.

Unmut, zumindest bei Konservativen und Vertriebenenverbänden, erregte der gebürtige Ostpreuße Siegfried Lenz wohl nur ein einziges Mal, als er 1970 gemeinsam mit Günter Grass den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt auf dessen historischer Reise nach Warschau begleitete und der Vertragsunterzeichnung beiwohnte, die die Anerkennung der polnischen Westgrenze besiegelte. Ansonsten findet sich aus all diesen Jahrzehnten keine einzige negative Notiz zur Person Lenz. Nur ist es so, dass sich aus der Summe des Positiven (Ulla Hahn: »Man kann sich auf ihn verlassen«, Günter Grass: »Ein guter Kollege«, Helmut Schmidt: »Insgesamt ein wunderbarer Kerl«) das etwas zweifelhafte Bild eines hochanständigen, wenn auch ein klein wenig harmlosen Zeitgenossen ergibt, dessen größte Leidenschaft dem Angeln gilt. Von Peter Rühmkorf stammt die Bemerkung, aus dem statistischen Querschnitt sämtlicher Figuren, die sich je in der Gruppe 47 tummelten, ergebe sich Siegfried Lenz. Ein Charakter, kann das heißen, mit Tendenz zur Selbstneutralisierung.

Tatsächlich lässt sich an der Biografie des Schriftstellers nur ein einziges Element des Extremen feststellen: ihre Kontinuität. »Genau hier, an diesem Platz«, sagt Siegfried Lenz und deutet auf den Tisch im Konferenzraum von Hoffmann und Campe, »habe ich meinen allerersten Verlagsvertrag unterschrieben«, mit Blick auf die Alster. Das war 1951. Der Debütroman Es waren Habichte in der Luft erschien, und Lenz wechselte seitdem niemals den Verlag. In den sechziger und siebziger Jahren engagierte er sich, auch als Wahlkämpfer, für die SPD. Er blieb ihr gewogen, auch nachdem sein Engagement abflaute. Zumindest gibt es keine anders interpretierbare Äußerung. Er heiratete 1949 und lebte bis zum Tod von Liselotte Lenz im Februar 2006 in einer Ehe, die man geglückt und symbiotisch nennen darf. Im Hamburger Stadtteil Othmarschen erwarb das Paar 1963 ein Haus. In der Nachbarschaft wohnte »die reizende dänische Frau eines hervorragenden Müllverbrennungsspezialisten«. So heißt es in einem autobiografischen Prosastück. Die reizende Dänin war Ulla. Nach dem Tod von Liselotte Lenz, mit der sie innig befreundet war, kümmerte sie sich um Siegfried Lenz, quartierte ihn in ihrem Haus auf der dänischen Insel Fünen ein, brachte ihn zum Schreiben zurück. Lenz macht vor, wie sie seine handschriftlichen Manuskripte abtippt: »Mit ihren Wikingerfingern haut sie in die Tasten, aber nur mit zwei Fingern.« Im nächsten Moment, man ahnt es inzwischen voraus, wird das Paar sein Lachduett anstimmen, er ihre Hand drücken. Im Sommer vergangenen Jahres haben sie geheiratet. Zwei Menschen, die das Leben vor einem halben Jahrhundert zu Nachbarn machte. Wahrlich: Es gibt verwegenere Künstlerbiografien.

Und doch ist dieser Siegfried Lenz eine Art Grandseigneur der deutschen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. Man könnte auch sagen: ihr ruhender Pol. Ein Schriftsteller, von dessen leiser Stimme, von dessen Geschichten aus der Sphäre norddeutschen Kleinbürgertums sich Scharen von Lesern ein literarisches und ein moralisches Obdach erhoffen. Entschiedener, als die sanfte Begrüßung erwarten ließ, wehrt Lenz den Begriff moralische Instanz ab. Er schiebt die Pfeife in den Beutel, um die Hand frei zu haben für ein knappes Wischen über die Tischplatte. »Nein«, widerspricht er noch einmal, »das ist eine Funktion, die Schriftstellern von außen zugeschoben wird. Wenn ich an den armen Böll denke, was wurde an den alles herangetragen.« Hat er überhaupt Interesse an Fragen, die er dutzendfach schon beantwortet hat? Ist der Streichholzverbrauch womöglich einer höflich kaschierten Konzentrationsunlust geschuldet? Auch da täuscht man sich. Er lässt sich nur Zeit für Präzisierungen. »Familiär? Nein, familiär würde ich das Verhältnis zu meinen Lesern nicht nennen. Der Leser ist ein unbekanntes Wesen.« Das allerdings Briefe schreibt. Kein anderer deutscher Autor dürfte so viel Post bekommen wie Lenz. Die Hand mit der Pfeife malt einen Berg in die Luft, den zu beantworten den Alltag ausfüllen würde.

Die Maske von Siegfried Lenz, 2011, HoCaSeit sechs Jahrzehnten geht Siegfried Lenz jeden Morgen an den Schreibtisch, heute nicht anders als früher. Das Alter änderte nichts am Ritual, nur an der Ausdauer. Die Maske, die Titelerzählung des neuen Prosabandes, war ursprünglich als Roman gedacht. »Entschuldigung«, unterbricht Lenz, »sagten Sie Erzählung? Es ist eine Novelle, wenn ich Sie da ein klein wenig korrigieren darf.« Sie erzählt von der Rivalität zwischen Wirklichkeit und Fiktion. An der Nordseeküste wird bei einem Sturm ein Container voller alter asiatischer Tiermasken ans Ufer gespült. Dorfbewohner finden die Masken, setzen sie auf, werden zu Bären, Fröschen, Tigern, Enten, entkommen sich für eine wilde Karnevalsnacht. Illusion und Desillusion – das ist das Leitthema aller fünf Geschichten des Bandes, der nicht mehr als 130 Seiten umfasst. Gerade in ihrer Verdichtung aber, in ihrer poetisch strengen Ökonomie, liegt die Meisterschaft der späten Prosa von Siegfried Lenz. Vielleicht wird die Literaturgeschichte dereinst feststellen, dass im Jahr 2011 zwei literarische Alterswerke erschienen, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten: reduziert, diszipliniert, glasklar das eine, Die Maske von Lenz. Voluminös, formverwildert, selbstbezüglich das andere, der Roman Muttersohn von Martin Walser, dem ewigen Unruhepol. Stellt man die beiden Schriftsteller nebeneinander, erscheint ein exemplarischer Traditionskonflikt deutscher Kultur, das Gegeneinander von Ordnung und Anarchie.

Hat er, Siegfried Lenz, über die Idee, für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren, überhaupt jemals ernsthaft nachgedacht? »Nein, ich hätte ja meinen Schreibtisch verlassen müssen.« Und davon abgesehen, hätte er es sich zugetraut? Streichholz, Kopfschütteln, was auch bedeuten kann, dass dieses Thema nun wirklich als erledigt zu betrachten ist. »Nein, dazu braucht man Fähigkeiten, die mir gefehlt hätten. Das war damals so eine Idee von meinem Freund Günter.« Grass also. Er brachte 1979 Siegfried Lenz als Nachfolger von Walter Scheel ins Spiel. Natürlich ist es von heute aus eine überflüssige, aber doch auch wohltuende Vorstellung: ein deutscher Schriftsteller im Schloss Bellevue. Und letzten Endes – wer außer Lenz wäre denn infrage gekommen?

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