Siegfied Lenz, Bundesarchiv, B 145 Bild-F030757-0015 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA/wikipedia.org (hf0311)Am Meer. Sommertage
Wie ein dänischer Schriftsteller den Freund und Kollegen Siegfried Lenz sieht:
Eine Hommage
von Ole Hyltoft vom 28.8.2008 in DIE ZEIT, in der Übersetzung von Jytte Buwitt.

Als ich vor Kurzem auf dem gewundenen und gepflasterten Laubengang von einem Besuch bei Siegfried Lenz in seiner Wohnung auf Fünen nach Hause fuhr, sagte ich zu meiner Frau: "Nach einem Tag mit Siegfried verspüre ich den Drang, ein besserer Mensch zu werden." Siegfried Lenz hat eine milde Art der Rechtschaffenheit und ist ein sanftmütiger Weltberühmter. In seiner Gesellschaft, mit seinen Büchern, hört man auf, den Smarten und Blasierten zu geben, der Drang zu imponieren verschwindet, Fehler anderer Menschen aufzudecken macht keinen Spaß mehr, man verliert die Lust am Streiten. Man hat einen wirklich guten Menschen besucht und sieht die Welt mit anderen Augen.

Meine Freundschaft mit Siegfried Lenz fing Mitte der siebziger Jahre an. Ich besuchte ihn auf der Insel Alsen, wo er und seine Frau Liselotte ein Ferienhaus hatten. Seitdem ist die Verbindung nie abgebrochen. Er schickt mir seine Bücher, ich ihm die meinen. Denn er liest und spricht Dänisch. Aber wir trafen uns erst wieder vor einem Jahr. Und jetzt sehen wir uns regelmäßig. Der 82-jährige Lenz hat eine schwere Zeit hinter sich. Seine geliebte Liselotte starb. Und eine Bauchfellentzündung mit einigen großen Operationen machte beinahe seinem Leben ein Ende.

Aber eine dänische Freundin, Ulla, die viele Jahre seine Nachbarin in Hamburg gewesen war, trat mit ihrer liebevollen Fürsorge in sein Leben, wurde seine neue Liebe. Jetzt steckt Deutschlands großer Schriftsteller - und einer von Dänemarks besten Freunden in Deutschland - wieder voller Kraft mit seiner neuen Perle von einer Erzählung, Schweigeminute.

Fast alle Bücher von Siegfried Lenz sind auf Dänisch erschienen. Wir hier in Dänemark kennen vor allem seinen Roman Deutschstunde über das Malverbot von Emil Nolde unter dem nationalsozialistischen Regime. In Dänemark ist der Eindruck entstanden, dass sein Roman Heimatmuseum stark dazu beigetragen hat, dass die Deutschen sich mit ihrer Vertreibung aus Ostpreußen abgefunden haben. Ein trauriges Kapitel der deutschen Geschichte, aber wie Siegfried Lenz schreibt: Es gab gute Gründe dafür. Lenz selbst deserterte im Krieg von der Wehrmacht und versteckte sich bei Freiheitskämpfern auf der Insel Fünen, wo er jetzt in Ullas gemütlichem Landhaus wieder lebt.

Vor einiger Zeit saßen einige Freunde in meinem Garten in Tisvilde auf Nordseeland. Die Rede kam auf Günter Grass, der hier in Dänemark genau wie in seinem Heimatland immer Stoff für Diskussionen bietet. Das Wohlwollen ihm gegenüber war nicht groß. Siegfried schwieg. Wir warteten alle auf seinen Kommentar. Und dann kam er. Er war kurz: Na ja, Günter ist mein Freund." Damit war das Gespräch zu Ende.

Siegfried Lenz ist der Schriftsteller, der durch seine sanfte Schilderung von Menschen dem übrigen Eurpa ein ganz anderes Bild von Deutschland vermittelt hat als das Deutschland, das Hitler uns gelehrt hatte u fürchten und zu verachten. Lenz hat das alltägliche Leben in Deutschland mit einer stillen Innigkeit geschildert, die uns Dänen an H.C. Andersen und Karen Blixen denken lässt.

Bescheiden ist er, der Lenz. Und dennoch berichtet er gerne mit einer ihm eigenen Mischung aus Respekt und Heiterkeit von dem Kreis aus Wissenschaftlern und Wirtschaftsgrößen, die sich alle 14 Tage bei Helmut Schmidt treffen, um Erfolge und Rückschritte in der Welt sichtbar, erkennbar zu machen. Sofern Sichtbarkeit möglich ist bei Schmidts Zigaretten und Lenz' Pfeife.

Siegfried Lenz liebt das Meer. Er ist beinahe so süchtig nach Angeln wie nach seiner Pfeife. Spitzbübisch, aber auch voller Stolz erzählt er mir, dass die größte Ehre, die ihm zuteil geworden ist, seine Ehrenmitgliedschaft in der Gewerkschaft der Taucher ist. Wenn er uns in Tisvilde besucht, gibt es meistens ein Fischgericht. Und oft fährt er von hier weiter nach Schweden, um dort zu angeln.

In seiner neuen Erzählung Schweigeminute befinden wir uns auch in einem Fischereistädtchen mit Mole und Blinkfeuer. Steinfischer sind dabei, die Wellenbrecher des Hafens auszubauen. Fischer kehren heim. Touristen aus dem Hotel Seeblick besuchen die nahe gelegene Vogelinsel. Der Gymnasiast Christian, Sohn eines Steinfischers, liebt seine junge Englischlehrerin. Christians Liebe hat nichts vom Sturm und Drang. Leise und diskret entwickelt sich die verbotene Beziehung, bis Christian überzeugt ist, dass er den Rest des Lebens mit seiner Englischlehrerin verbringen wird. Dann passiert ein Unfall im Hafen. Bei stürmischem Wetter bricht der Mast eines Fischkutters. Die Zukunft ändert sich schlagartig.

Der Stil von Siegfried Lenz spiegelt seine Lebenshaltung. Er zieht den Leser in seine stille Welt, in der wir die unbedeutenden Episoden des Alltags gespannt verfolgen, als säßen wir in einem Bombenflugzeug über Berlin. Der Mann ist der Stil. Und unser Verfasser ist behutsam. Siegfried Lenz zu lesen ist, wie dem Herzschlag eines Vogels zu lauschen. Lenz lässt einen aber auch lächeln, lachen, ironisch schmunzeln. Humor ist das Kennzeichen zivilisierter Menschen. Und wer Lenz liest, muss lächeln.

Schweigeminute vn Siegfried Lenz, 2008, HoCaIn Dänemark sagen wir, dass es zwei Sorten von Deutschen gibt, die Potsdam-Deutschen und die Weimar-Deutschen. (Unter Weimar verstehen wir sowohl Goethe und Schiller als auch Weimarer Republik.) Siegfried Lenz ist ein Weimar-Deutscher. Jedoch ohne die Weimarer Übertreibungen. Er ist der Dichter der Einfachheit und der Versöhnung. Vor einiger Zeit bat ein deutscher Journalist um einen Besuch bei Lenz und um ein Autogramm. Lenz mag es eigentlich nicht, willigte aber dennoch ein. Der Journalist kam und sagte: "Wissen Sie, Herr Lenz, Sie waren schon immer mein Vorbild."

Zusammen mit Willy Brandt, Helmut Schmidt und jetzt auch Angela Merkel hat das große Werk von Siegfried Lenz uns Nachbarn ein neues Bild von Deutschland vermittelt. Ein Deutschland der Sanftmut, der Versöhnlichkeit und der Zivilisation. Das Land der Denker und Dichter ist wieder da. Wir Dänen freuen uns, dass sein großer und beliebter Schriftsteller wieder schreibt. Und wir sind ein bisschen stolz, dass er seine Schweigeminute hier in Tisvilde in Dänemark abgeschlossen hat.

(Zum dänischen Original)

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