Siegfied Lenz, Bundesarchiv, B 145 Bild-F030757-0015 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA/wikipedia.org (hf0311)1.) - 3.)

Die alltäglichen Verlierer aufrichten
Ein Schriftsteller, der niemanden ausgrenzt: Zum 80. Geburtstag von Siegfried Lenz
Von Simone Dattenberger aus dem Münchner Merkur, 16.03.2006:

"Ich hatte das Bedürfnis, meine Illusionen, meine Abschiede, meine Schwenkungen und Überholmanöver zu begründen; ich wollte meine Rolle an einem ganz bestimmten Punkt verstehen lernen: im Augenblick des Widerrufs, der Lossagung, im Moment der Veränderung. Nichts war geblieben von den alten Entwürfen; entweder waren sie durch die Umstände oder durch mich selbst widerlegt worden. Ich wollte gleichzeitig verstehen und zugeben: so begann ich zu schreiben." Die Sätze stammen aus dem Essay "Ich zum Beispiel - Kennzeichen eines Jahrgangs" (1966), der jetzt in dem schmalen Band "Selbstversetzung - Über Schreiben und Leben" erneut zugänglich ist. Jahrgang 1926 ist Siegfried Lenz. Er wird heute 80 Jahre alt.

Der Autor gehört zu der "unschuldigen" Generation, die die Schuld nur scharf streifte. Auch der Junge aus dem ostpreußischen, dem masurischen Lyck wurde zum Pimpf dressiert, um den NS-Bonzen bei Bedarf zuzujubeln, bei Bedarf abzuschlachten und sich abschlachten zu lassen. "Siggi" spielte mit - bis zum Kriegsdienst. Bis die Morde den vernebelten Blick wieder klarsichtig machten, dann desertierte er. Überlebte wie so viele mit Ach und Krach, mit Glück und Tricks. Der junge Journalist wollte es genau wissen, wollte den Ideologie-Nebel und die eigene Schwäche genau analysieren. Daraus wurde der Schriftsteller Siegfried Lenz: "Es waren Habichte in der Luft" erschien 1951. Aber erst seine "Deutschstunde" (1968) wurde unsere Deutschstunde. Und die der ganzen Welt.

Zweimillionenzweihundertfünfzigtausend Mal wurde das Werk über den NS-verfemten Maler - er erinnert an Emil Nolde - verkauft. Dann fürs Fernsehen verfilmt, genauso wie "Heimatmuseum" (1978) oder "Das serbische Mädchen" (1987).

"Ich wollte meine Rolle an einem ganz bestimmten Punkt verstehen lernen." Siegfried Lenz

Auch frühe Texte wie "Der Mann im Strom" (1957) - 1958 und 2005 verfilmt -, "Brot und Spiele" (1959) oder "Das Feuerschiff" (1960) reizten dazu, sie in eine Bildergeschichte umzusetzen. Das beleuchtet Lenz' Erzählweise. Sie ist schlicht, aber niemals dumm, sie grenzt niemanden aus, sondern spricht zu allen, egal welcher Herkunft, welchen Ausbildungsgrads. Sie liebt den Alltag und das so genannte Kleine, beweist zugleich, dass sich das Große, Wichtige, Entscheidende nur hier abspielt. "Ich wollte meine Rolle an einem ganz bestimmten Punkt verstehen lernen." Das ist Siegfried Lenz gelungen.

In seinem uvre, das der Hamburger Hoffmann und Campe Verlag herausgibt, erzählt uns der Künstler seit Jahrzehnten die Antwort: Niemand kann sich seiner Verantwortung entziehen. Keiner kann sich hinter den Großkopferten verstecken. Gerade weil Lenz den "kleinen Mann" als souveränes Geschichtsindividuum achtet, muss es sich seiner Schuld stellen. Aber da der Autor, der sich in den 60er-/ 70er-Jahren sogar für die Ost-Politik Willy Brandts engagierte, kein Moral absondernder Dogmatiker ist, gibt es bei ihm auch immer viel zu lachen. Die Erzählungen "So zärtlich war Suleyken" machten selbst uns Bayern zu hingerissenen Masuren-Fans. Und der "Kummer mit jütländischen Kaffeetafeln" lässt sowohl das Schlaraffenland als auch "Das große Fressen" zur Fasten-Veranstaltung verblassen.

Schmerzlich vermissen Siegfried Lenz' Leser seit dem unerhört liebenswerten "Fundbüro" von 2003 einen neuen Roman des in Hamburg lebenden Schriftstellers. Sein Haus-und-Hof-Verlag tröstet uns jedoch nicht nur mit den sehr schönen Reflexionen (s.o.), sondern auch mit einem über 1500 Seiten starken Band all seiner Geschichten, "Die Erzählungen". Zusätzlich wird der feinfühlige Mann, der nach 57 Jahren Ehe seit Februar Witwer ist, geehrt durch eine Matinee unter anderen mit Amos Oz, Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki (NDR, 19. März, 11 Uhr). Sehr viel Zuneigung kommt Siegfried Lenz entgegen, vielleicht, weil er das ist, was sein "Held" aus "Fundbüro" so beschreibt: ". . . ungläubig und erheitert bei dem Gedanken, daß er auf einmal berufen war, mit den alltäglichen Verlierern zu reden, sie aufzurichten, ihnen zu helfen."

Siegfried Lenz: "Selbstversetzung. Über Schreiben und Leben". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 100 Seiten; 25 Euro.
"Die Erzählungen". 1536 Seiten; 20 Euro.
Biografie:
Erich Maletzke: "Siegfried Lenz". zu Klampen Verlag, Springe, 204 Seiten; 16,80 Euro.

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Siegfried Lenz, Eine biografische Annäherung von Erich Maletzke, 2006, Zu Klampen2.)

Ein großer Moralist
Siegfried Lenz wird heute 80 Jahre alt. Vor allem sein Roman "Deutschstunde" wurde zum populären Klassiker: Über zwei Millionen Leser fand die Abrechnung mit dem deutschen Faschismus
Von Gudrun Norbisrath in der WAZ vom 17.3.2006:

Ein einziges Mal im Leben hat mein Vater mir ein Buch geschenkt, dessen Titel ich ihm nicht auf einem Wunschzettel notiert hatte. Es war "Deutschstunde" von Siegfried Lenz. Ich kannte den Roman nicht, natürlich nicht. Er war 1968 erschienen, damals las man anderes. Mein Vater hatte das Buch geschenkt bekommen; "Lies mal", sagte er, "das ist was für dich." Es war eher was für ihn, damals.

Ich las und war erstaunt. So ein bedächtig schreitender, fast umständlicher Einstieg. So eine ausführliche Lust am Erzählen, auch im Kleinsten und Nebensächlichsten. Das hatte meinen Vater beeindruckt? Er war ein einfacher Mann und las vor allem die Bibel, aber es wurde schnell klar, warum ihn dies Buch bewegt hatte. Die Geschichte des Polizisten Jens Ole Jepsen, der auf höhere Weisung, aber mit ganzer Energie versuchte, Max Ludwig Nansen alias Emil Nolde am Malen zu hindern, führte ihn sehr nah an seine eigene Biografie heran. Mein Vater, der ehemalige Soldat, fühlte sich verstanden und angemessen kritisiert.

Es ist über die "Deutschstunde" viel geschrieben worden, auch, dass sie den Faschismus allzu sacht kritisiere. Das ist nicht falsch. Doch gerade wegen ihrer behutsamen Abrechnung mit der deutschen Vergangenheit hat sie manchen betroffen, der sich dem strengen Kollektivschuld-Verdikt widersetzte.

Ist Siegfried Lenz also nur die "Deutschstunde"? Ja, und nein. Lenz war '68 längst ein bekannter Autor, nicht so sehr um seiner Romane willen, sondern wegen des Erzählungsbandes "So zärtlich war Suleyken" - es war eine bezaubernde Liebeserklärung an seine Heimat Masuren. Mit einer Auflage von 1,6 Millionen war "Suleyken" ein Riesenerfolg, die schwierigere "Deutschstunde" aber fand noch mehr Käufer: über zwei Millionen.

Als politischer Autor wurde Lenz trotzdem kaum wahrgenommen, schon gar nicht von den Jungen, den erwachenden Linken. Wie Günter Grass, wie Heinrich Böll zog Lenz für die SPD in den Wahlkampf, er machte sich für Willy Brandt stark und begleitete ihn 1970 nach Polen. Doch die Politischen schienen die anderen.

Die anderen erhielten auch den Literaturnobelpreis. Lenz, der bedächtige Erzähler, vermied stets die großen Gesten. Grass hat fesselnder von gewissen Röcken auf einem gewissen Acker erzählt, Böll hat die Nachkriegsgesellschaft mit schärferem Witz geschildert. Lenz kommt ohne sprachliche Raffinessen aus, und auch ohne Provokationen.

Ein wichtiger, vielleicht der wahrhaftigste Text von Siegfried Lenz ist für mich bis heute die Erzählung "Ein Kriegsende". Sachlich knapp, aber mit untergründig starkem Gefühl beschreibt Lenz, wie sich im Mai 1945 die Besatzung eines deutschen Minensuchbootes dem Kapitän widersetzt, gegen das Seerecht, aber nach den Geboten der Menschlichkeit. Und wie diese Männer hingerichtet werden, weil die Pflicht siegen muss. Mit dieser Erzählung hat Lenz Zeitgeschichte zu Literatur geformt, die Bestand hat - wohl auch deshalb, weil er darin seine eigene Geschichte verarbeitet hat. Als 17-Jähriger war der Sohn eines Zollbeamten zur Kriegsmarine gegangen, sein Schiff wurde versenkt, 1945 desertierte er. Das macht "Ein Kriegsende" so eindrucksvoll: Hier wird Betroffenheit spürbar. Die Frage nach der eigenen Schuld an Krieg und Leid sei für ihn der Impuls zum Schreiben gewesen, hat Lenz gesagt. Das wird nirgends so klar wie bei dieser Erzählung, die bei aller Eindeutigkeit der Schuldzuweisung doch auf Schärfe verzichtet. Sie zeigt einen Konflikt ohne einfachen Ausweg.

Siegfried Lenz hat Romane, Erzählungen, Hörspiele geschrieben. Gute, anständige Texte, einige sind große Literatur. Er ist ein liebenswürdiger Erzähler, ein kluger Beobachter; vor allem aber ist er ein großer Moralist. Das wird von ihm bleiben, über den Zeitgeist hinaus.

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Siegfied Lenz, Bundesarchiv, B 145 Bild-F030757-0015 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA/wikipedia.org (hf0311)3.)

Der freundlichste der deutschen Autoren wird 80
Der scheue Menschenfreund Siegfried Lenz feiert heute den traurigsten Geburtstag seines Lebens.
Von Jens Dirksen in der NRZ vom 16.3.2006:

Wo auch immer Siegfried Lenz heute seinen 80. Geburtstag verbringt, es ist der traurigste seines Lebens: Zum ersten Mal seit 57 Jahren muss er diesen Tag ohne sein "Lilochen" herumkriegen - Lieselotte, die acht Jahre ältere Frau, die Sekretärin in der Hamburger Redaktion der "Welt", die dem vor Hunger ohnmächtigen Volontär Siegfried Lenz 1949 mit einem Apfel wieder auf die Beine geholfen und ihn kurz darauf geheiratet hat. Anfang Februar musste er sie begraben. Lieselotte Lenz war mehr als die Frau, die seine Manuskripte abgetippt und manches seiner Bücher illustriert hat. Ihr zuliebe, um sie im Krankenbett aufzumuntern, schreibt Siegfried Lenz Mitte der 50er Jahre, nach zwei heldenhaft missglückten Romanen ("Es waren Habichte in der Luft", "Duell mit Schatten"), seine masurischen Geschichten. Das ergibt nicht nur eine äußerst erfolgreiche Humor-Therapie, sondern auch den Bestseller "So zärtlich war Suleyken". Lieselotte Lenz war es aber auch, die für den ersten gelungenen Roman ihres Mannes ("Der Mann im Strom") die Fakten recherchierte, alles, was mit der Berufstaucherei zusammenhing. Und was immer Siegfried Lenz geschrieben hat, Lilo war die erste Leserin und die erste Kritikerin des Mannes, der stets mehrere Romane brauchte, um einen guten hinzubekommen, aber so gut wie nie eine Erzählung in den Sand gesetzt hat. Böse Zungen behaupten sogar, Frau Lenz habe sehr, sehr sorgfältig darauf geachtet, dass seine Bücher in erotischen Belangen sehr, sehr dezent ausfallen. Wir wissen das heute, obwohl sich Siegfried Lenz zeitlebens alle Mühe gegeben hat, die mehr oder minder lesende Welt aus seinem Privatleben herauszuhalten. Auch der neue Band "Selbstversetzung" mit kurzen, verstreut erschienenen Aufsätzen "über Schreiben und Leben", den sein Hausverlag Hoffmann & Campe jetzt zu seinem 80. Geburtstag herausgegeben hat, gibt oft nur wolkig Selbstauskunft über Leben und Treiben des Siegfried Lenz jenseits vom Lesen und Schreiben. Als er vor acht Jahren die Mercator-Professur der Duisburger Universität antrat und die NRZ ihn zu einem Interview einladen wollte, da sagte er leichthin: "Gerne, rufen Sie doch meine Lektorin im Verlag an." Die Lektorin - lachte: "Typisch, das sagt er immer. Aber in Wahrheit will er gar keine Interviews mehr geben." Und wenn, dann für seine "Welt", wo er ab 1948 über Einbrüche, Kongresse, Flugzeugabstürze und Dachstuhlbrände schrieb, bevor er ins Feuilleton wechselte - und 1951 kündigte, weil man seine Frau gefeuert hatte. Angesichts der weitgehenden Nachrichtensperre, die Siegfried Lenz über das Leben des Menschen, des Masuren und glühenden Marine-Verehrers verhängt hat, gab es auch, anders als in den vergleichbaren Fällen Böll, Grass oder Walser, keine Biografie über den Mann, der mit der "Deutschstunde" und dem "Heimatmuseum" zwei literarische Meilensteine für den Umgang mit der deutschen Vergangenheit gesetzt hat. Diese Lücke ist nun durch Erich Maletzkes "biografische Annäherung" mit dem Titel "Siegfried Lenz" etwas weniger groß geworden. Allerdings machte auch der Biograf Maletzke seine Erfahrung mit dem scheuen Autor, der von allem erzählt, nur nicht von sich. Nachdem Lenz zunächst sogar bereitwillig im heimischen Wohnzimmer mit Maletzke geplaudert hatte und mit der Biografie einverstanden war, machte er irgendwann doch einen Rückzieher nach der Art von Herman Melvilles Bartleby: "Ich möchte lieber nicht. "Das Buch ist trotzdem erschienen, aber wir erfahren nicht wirklich etwas über die von Lenz bewusst vernebelten Stellen seiner Biografie. Vom Vater, der fast nie zu Hause war, nicht nur des Dienstes als Zollbeamter wegen, und der früh ganz aus dem Leben verschwunden war. Von Mutter und Schwester, die er noch als Jugendlicher aus den Augen verlor. Vom Marinekadetten, der auf Einsätze brannte und erst desertierte, als es schon sinnlos war, nach der Kapitulation. Ein Psychogramm von Siegfried Lenz, ein Verständnis dafür, warum er so ist, wie er ist, kann Maletzke nicht entwickeln. Unzählige Details, manche absonderlich, manche von blanker Normalität und Gewöhnlichkeit, reiht er an einem roten Lebensfaden auf. Dass der Auflagenmillionär Siegfried Lenz (gut unterrichtete Kreise gehen von 25 Millionen Exemplaren aus) ein großzügiger, ja nobler Spender ist, ein Unterstützer von Kollegen und ein Freund von Karpfen, dass sein Sitzgarnitur 30 Jahre alt ist... nun ja. Näher als Maletzke ist Siegfried Lenz jedenfalls noch kaum jemand gekommen. Abgesehen von seinen Lesern vielleicht, die wissen, dass die Bücher von Siegfried Lenz, dem allerhöflichsten, allerfreundlichsten, allermenschlichsten der großen deutschen Nachkriegsautoren, stets ein Angebot sind, die eigenen Erfahrungen zu vergleichen mit denen des Autors. Dass es so viele so gern getan haben, wird ihn, so gern wir es hätten, heute allerdings nicht trösten. (NRZ)

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]

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