Zerbrochene Utopie
Science-Fiction-Autor Stanislaw
Lem ist tot
Von Eva Krafczyk aus dem Münchner
Merkur, 27.03.2006:
"Menschen sind schrecklich, und die Zukunft ist düster", sagte Stanislaw Lem über das Leitmotiv seines Werkes. An eine andere Menschheit, früher sein größter Traum, glaube er nicht mehr. Mit Lem hat die Literatur einen "Klassiker" des Science-Fiction-Genres verloren.
Internationale Bestseller
Der am Montag in Krakau (Krakow) im Alter von 84 Jahren nach längerer Krankheit
gestorbene Autor galt als Vordenker technischer Entwicklungen, die in seinen
Romanen Zukunftsvision waren, inzwischen aber Wirklichkeit sind - vom
Internet über die Genforschung bis hin zur "künstlichen
Intelligenz". Wie bei Jules
Verne, dessen Bücher er als Junge liebte, waren Lems Werke stets eine
Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen der Technik und ihres
Einflusses auf den Menschen.
Eigentlich sollte der im heute ukrainischen Lviv
(Lwow/ Lemberg) geborene Lem die Familientradition fortsetzen und Arzt werden.
Sein Medizinstudium wurde jedoch vom Zweiten Weltkrieg unterbrochen, als die
Nazis nach dem Einfall in Polen die Hochschulen schlossen. Lem, der mit
gefälschten Papieren seine jüdische Herkunft verschleiern konnte, schlug sich
als Automechaniker durch. Nach dem Krieg nahm er das Medizinstudium zwar wieder
auf, doch schon seit Beginn der 50er-Jahre war er freier Schriftsteller.
Zu Weltruhm gelangte er als Meister der Science-Fiction-Literatur. Werke wie
"Solaris", "Eden" oder "Der Unbesiegbare" wurden
in 41 Sprachen übersetzt und erschienen in eine Auflage von insgesamt 27
Millionen Exemplaren.
In Deutschland galt er auch als Philosoph und Zukunftsvisionär. In seiner Heimat schätzten die Leser besonders den zuweilen grotesken Humor, der vor allem in den frühen Werken Lems eine Flucht vor der sozialistischen Realität darstellt. "Die meisten meiner Bücher wurden während des Kommunismus geschrieben, und ich musste mich mit der Zensur auseinandersetzen", sagte Lem einmal in einem Interview. "Ich habe den Totalitarismus nie geliebt, und die Idee, die Menschheit glücklich zu machen, erschien mir verrückt. Ich habe versucht, ihre Absurdität zu zeigen."
Dennoch hat in seinen frühen Werken der optimistische Glaube an die Fähigkeiten des Menschen dominiert. Später trat an die Stelle des einstigen Fortschrittglaubens die Skepsis des Autors, der eine umfangreiche naturwissenschaftliche Bildung besaß. "Ich habe nicht vorhergesehen, dass die Wissenschaft fast vollständig dem Kommerz untergeordnet wird." Die meisten Gelehrten arbeiteten nicht aus dem Gefühl der Berufung heraus, sondern mit dem Ziel des Nobelpreises, und am besten würden Forschungen zu neuen Waffen bezahlt.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0306 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Münchner Merkur