John le Carré, 2001, Foto: Ekko von Schwichow

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«In Bonn lernte ich, wie käuflich Deutsche sind»
Interview mit Schriftsteller John Le Carré über seine Zeit beim britischen Geheimdienst und sein neues Buch
Von Hendrik Bebber in den Nürnberger Nachrichten vom 2.6.2007:

«Eine kleine Stadt in Deutschland» von John Le Carré gilt als Schlüsselroman über die «Bonner Republik», an die sich die «Berliner Republik» dieses Jahr anlässlich des 40. Todestags von Konrad Adenauer erinnert. Der Autor hat sich mittlerweile literarisch weit von Bonn entfernt. Sein letzter Roman «Geheime Melodie» handelt von der Ausbeutung des Kongo. Doch Bonn behält in Le Carrés Leben einen hohen Stellenwert. Er arbeitete hier als junger Diplomat für den britischen Geheimdienst und bekam dadurch einen besonderen Einblick in die Adenauer-Jahre. Unser England-Korrespondent traf den weltberühmten Schriftsteller zu einem seiner seltenen Interviews.

«Eine kleine Stadt in Deutschland» ist ein nebliges, tristes Kaff mit ständig geschlossenen Bahnschranken. War es wirklich so schlimm?

John Le Carré: Das Buch ist eine Fiktion. «Eine kleine Stadt in Deutschland» spielt mit der Vorstellung vom Schlimmsten, das passieren könnte. Die Alliierten teilten in den Jahren der jungen Bundesrepublik die Angst, ein kapitalistisches, rechts gerichtetes Deutschland zu unterstützen und damit die Pandorabüchse des Nazismus zu öffnen. Es gab eine ungeheure wirtschaftliche und soziale Dynamik als Ersatz für politische Freiheit. Deutschland hatte keine Souveränität außerhalb der von den USA bestimmten Vorgaben. Aber die jungen Menschen damals waren wohl ideale Demokraten.

Im Rückblick auf die Bonner Republik schwingt oft Nostalgie mit. War die Politik in Deutschland damals einfacher und überschaubarer?

Le Carré: Auf den ersten Blick schon: Es bestand eine harte Abgrenzung zwischen West- und Ostdeutschland. Auf den zweiten Blick lebte man in einer komplizierten Welt der Fantasie. Dieselben Kräfte, die diese harte Linie gezogen hatten, sprachen von der Wiedervereinigung und Gesamtdeutschland. Es war eine schizophrene Situation, so schizophren wie die junge Bundesrepublik und die DDR. Und so grotesk wie das geteilte Land war auch das politische Gehabe. Die Komödie, die die Geheimdienste dabei spielten, war schier unglaublich. Wir wussten um die Nazi-Vergangenheit Globkes und Achenbachs, und manche von uns hatten das mulmige Gefühl, dass in einem Land, in dem diese Leute politische Macht bekommen, etwas diabolisch schief gehen kann. Man muss sich diesen historischen Moment einmal vorstellen: Reinhard Gehlen zog mit seiner Organisation, die wie er zu Hitlers Abwehr an der Ostfront gehörte, in Martin Bormanns Villa in Pullach, um dort den BND aufzubauen.

Wie empfanden Sie damals Adenauer und seine Politik?

Le Carré: Wir wussten, dass er eine große Abneigung gegen uns Briten hatte. Das hing wohl auch damit zusammen, wie wir ihn behandelt hatten. Er konnte nie vergessen, dass ein idiotischer englischer Major ihn daran hinderte, seine todkranke Frau zu besuchen. Er hielt unseren Botschafter auf Distanz, während dessen französischer Kollege bei ihm ein- und ausging. Ich sah Adenauer oft auf der Autofähre über den Rhein und machte mir einen Spaß daraus, herauszufinden, welche Zeitungen er gerade las. Einmal überraschte er mich, wie ich in sein Auto starrte und schenkte mir ein amüsiertes Lächeln. Ich will nicht auf meine damalige Arbeit für den britischen Geheimdienst eingehen. Doch damals in Bonn empfand ich die geheime Welt eigentlich als die Überwelt. Es wurde viel spioniert und normale Diplomatie war der Deckmantel dafür. Es war ein gewaltiges Possenspiel. Aber letzten Endes hat es sich bei der deutschen Einheit wieder einmal gezeigt, wie völlig nutzlos dieses

Spionagespiel ist. Die Mauer fiel ohne Zutun irgendwelcher Agenten, sondern durch die Macht der Menschen.

Und wie sehen Sie Deutschland seit dem Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin?

Le Carré: Die 50er und frühen 60er Jahre waren eine eigenartige Mischung aus Kreativität und Schattenkrieg. Ich fand Deutschland damals viel aufregender als heute. Es gab neue und alte Sozialisten - viele davon ehemalige Kommunisten, Konservative und alte Nazis. Was ich heute am meisten vermisse, ist das damals so ausgeprägte liberale Bewusstsein und echte Kontroversen. Was Demokratie und Menschenrechte anbelangt, macht Deutschland eine interessante Entwicklung durch. Wofür Deutschland in den 60er Jahren gekämpft hat, was in den 70ern und 80ern mit Baader/Meinhof auf die Probe gestellt wurde, was in der Wende überdauerte, ist nun gefährdet. Washingtons Exporte der Ungesetzlichkeit, Untergrabung der Menschenrechte und der bürgerlichen Freiheiten sind ein Problem für Deutschland. Die Kompromisse, die Berlin im «Krieg gegen den Terror» aufgezwungen wurden, stehen im krassen Gegensatz zu der besten Verfassung, dem besten Rechtssystem und dem wachsamsten

Gewissen in Europa. All dessen kann sich Deutschland rühmen.

Man sagt jedoch, dass Deutschland entspannter, offener und selbstbewusster geworden ist.

Le Carré: Das stimmt wohl. Aber ich fürchte, es kann schnell kippen. Wenn ich in Berlin die Leute in den Ausschüssen reden höre, erinnert mich dies stark an die 60er Jahre. Es besteht ein Trend zum Pompösen und zur Verheimlichung. Mich überraschen die Korruptionsskandale nicht. Ich lernte damals in Bonn, wie käuflich Deutsche sind, wenn man nur den richtigen Preis bietet.

Ihr neues Buch «Geheime Melodie» beschäftigt sich mit der Ausbeutung Afrikas durch westliche Wirtschaftsinteressen und korrupte einheimische Politiker. Können Autoren oder Filmemacher mehr Bewusstsein für diese Problematik schaffen als die Medien?

Le Carré: Ich glaube, wenn man eine Geschichte schreibt, die spannend und unterhaltend ist, dann erreicht man mehr als mit Quadratkilometern von Zeitungsdruck. Nehmen wir zum Beispiel «Das Leben der Anderen» und «Goodbye Lenin». Die Welt weiß durch diese Filme mehr als je zuvor über die Stasi und die Wende. Sie haben zudem ein neues Bild von den Deutschen geschaffen. Man ist erstaunt, wie humorvoll, selbstironisch und zwanglos sie sein können.

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