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| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
«In Bonn lernte ich, wie
käuflich Deutsche sind»
Interview mit Schriftsteller John
Le Carré über seine Zeit beim britischen Geheimdienst und sein neues Buch
Von Hendrik Bebber in den Nürnberger Nachrichten
vom 2.6.2007:
«Eine kleine
Stadt in Deutschland» von John Le Carré gilt als Schlüsselroman über die
«Bonner Republik», an die sich die «Berliner Republik» dieses Jahr
anlässlich des 40. Todestags von Konrad Adenauer erinnert. Der Autor hat sich
mittlerweile literarisch weit von Bonn entfernt. Sein letzter Roman «Geheime
Melodie» handelt von der Ausbeutung des Kongo. Doch Bonn behält in Le Carrés
Leben einen hohen Stellenwert. Er arbeitete hier als junger Diplomat für den
britischen Geheimdienst und bekam dadurch einen besonderen Einblick in die
Adenauer-Jahre. Unser England-Korrespondent traf den weltberühmten
Schriftsteller zu einem seiner seltenen Interviews.
«Eine kleine Stadt in Deutschland» ist ein nebliges, tristes Kaff mit ständig
geschlossenen Bahnschranken. War es wirklich so schlimm?
John Le Carré: Das Buch ist eine Fiktion. «Eine kleine Stadt in Deutschland»
spielt mit der Vorstellung vom Schlimmsten, das passieren könnte. Die
Alliierten teilten in den Jahren der jungen Bundesrepublik die Angst, ein
kapitalistisches, rechts gerichtetes Deutschland zu unterstützen und damit die
Pandorabüchse des Nazismus zu öffnen. Es gab eine ungeheure wirtschaftliche
und soziale Dynamik als Ersatz für politische Freiheit. Deutschland hatte keine
Souveränität außerhalb der von den USA bestimmten Vorgaben. Aber die jungen
Menschen damals waren wohl ideale Demokraten.
Im Rückblick auf die Bonner Republik schwingt oft Nostalgie mit. War die
Politik in Deutschland damals einfacher und überschaubarer?
Le Carré: Auf den ersten Blick schon: Es bestand eine harte Abgrenzung zwischen
West- und Ostdeutschland. Auf den zweiten Blick lebte man in einer komplizierten
Welt der Fantasie. Dieselben Kräfte, die diese harte Linie gezogen hatten,
sprachen von der Wiedervereinigung und Gesamtdeutschland. Es war eine
schizophrene Situation, so schizophren wie die junge Bundesrepublik und die DDR.
Und so grotesk wie das geteilte Land war auch das politische Gehabe. Die
Komödie, die die Geheimdienste dabei spielten, war schier unglaublich. Wir
wussten um die Nazi-Vergangenheit Globkes und Achenbachs, und manche von uns
hatten das mulmige Gefühl, dass in einem Land, in dem diese Leute politische
Macht bekommen, etwas diabolisch schief gehen kann. Man muss sich diesen
historischen Moment einmal vorstellen: Reinhard Gehlen zog mit seiner
Organisation, die wie er zu Hitlers Abwehr an der Ostfront gehörte, in Martin
Bormanns Villa in Pullach, um dort den BND aufzubauen.
Wie empfanden Sie damals Adenauer und seine Politik?
Le Carré: Wir wussten, dass er eine große Abneigung gegen uns Briten hatte.
Das hing wohl auch damit zusammen, wie wir ihn behandelt hatten. Er konnte nie
vergessen, dass ein idiotischer englischer Major ihn daran hinderte, seine
todkranke Frau zu besuchen. Er hielt unseren Botschafter auf Distanz, während
dessen französischer Kollege bei ihm ein- und ausging. Ich sah Adenauer oft auf
der Autofähre über den Rhein und machte mir einen Spaß daraus,
herauszufinden, welche Zeitungen er gerade las. Einmal überraschte er mich, wie
ich in sein Auto starrte und schenkte mir ein amüsiertes Lächeln. Ich will
nicht auf meine damalige Arbeit für den britischen Geheimdienst eingehen. Doch
damals in Bonn empfand ich die geheime Welt eigentlich als die Überwelt. Es
wurde viel spioniert und normale Diplomatie war der Deckmantel dafür. Es war
ein gewaltiges Possenspiel. Aber letzten Endes hat es sich bei der deutschen
Einheit wieder einmal gezeigt, wie völlig nutzlos dieses
Spionagespiel ist. Die Mauer fiel ohne Zutun irgendwelcher Agenten, sondern
durch die Macht der Menschen.
Und wie sehen Sie Deutschland seit dem Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin?
Le Carré: Die 50er und frühen 60er Jahre waren eine eigenartige Mischung aus
Kreativität und Schattenkrieg. Ich fand Deutschland damals viel aufregender als
heute. Es gab neue und alte Sozialisten - viele davon ehemalige Kommunisten,
Konservative und alte Nazis. Was ich heute am meisten vermisse, ist das damals
so ausgeprägte liberale Bewusstsein und echte Kontroversen. Was Demokratie und
Menschenrechte anbelangt, macht Deutschland eine interessante Entwicklung durch.
Wofür Deutschland in den 60er Jahren gekämpft hat, was in den 70ern und 80ern
mit Baader/Meinhof auf die Probe gestellt wurde, was in der Wende überdauerte,
ist nun gefährdet. Washingtons Exporte der Ungesetzlichkeit, Untergrabung der
Menschenrechte und der bürgerlichen Freiheiten sind ein Problem für
Deutschland. Die Kompromisse, die Berlin im «Krieg gegen den Terror»
aufgezwungen wurden, stehen im krassen Gegensatz zu der besten Verfassung, dem
besten Rechtssystem und dem wachsamsten
Gewissen in Europa. All dessen kann sich Deutschland rühmen.
Man sagt jedoch, dass Deutschland entspannter, offener und selbstbewusster
geworden ist.
Le Carré: Das stimmt wohl. Aber ich fürchte, es kann schnell kippen. Wenn ich
in Berlin die Leute in den Ausschüssen reden höre, erinnert mich dies stark an
die 60er Jahre. Es besteht ein Trend zum Pompösen und zur Verheimlichung. Mich
überraschen die Korruptionsskandale nicht. Ich lernte damals in Bonn, wie
käuflich Deutsche sind, wenn man nur den richtigen Preis bietet.
Ihr neues Buch «Geheime Melodie» beschäftigt sich mit der Ausbeutung Afrikas
durch westliche Wirtschaftsinteressen und korrupte einheimische Politiker.
Können Autoren oder Filmemacher mehr Bewusstsein für diese Problematik
schaffen als die Medien?
Le Carré: Ich glaube, wenn man eine Geschichte schreibt, die spannend und
unterhaltend ist, dann erreicht man mehr als mit Quadratkilometern von
Zeitungsdruck. Nehmen wir zum Beispiel «Das Leben der Anderen» und «Goodbye
Lenin». Die Welt weiß durch diese Filme mehr als je zuvor über die Stasi und
die Wende. Sie haben zudem ein neues Bild von den Deutschen geschaffen. Man ist
erstaunt, wie humorvoll, selbstironisch und zwanglos sie sein können.
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