Wilhelm Kunze: Gottsucher und Idealist
Werkausgabe erinnert an den Nürnberger Schriftsteller
Besprechung von Bernd Zachow aus den Nürnberger Nachrichten vom 29.6.2009:

Ein kleiner Verlag aus dem fernen Hamburg bemüht sich seit einigen Jahren um die Wiederentdeckung des Nürnberger Schriftstellers Wilhelm Kunze (1902-1939).

Nun erschien der mittlerweile fünfte Band der Werkausgabe, der einige der wichtigsten Arbeiten aus Kunzes Nachlass enthält. Das erneut sorgfältig bearbeitete und hübsch aufgemachte Buch kommt rechtzeitig zum 70. Todestag des Autors am 1. Juli auf den Markt.

Wilhelm Kunze war ein krasser Außenseiter: Ein hochsensibler Gottsucher unter nüchtern-praktisch denkenden Kleinbürgern, ein verträumter Idealist in einer von Wirtschaftskrisen und politischen Kämpfen geprägten Zeit. So ist es kaum verwunderlich, dass sein kurzes Leben wie eine Folge von tragischen Konflikten wirkt. Seine - bereits in Kindertagen ausgeprägte - Überzeugung «anders als alle» zu sein, ließ ihn zum rückhaltlosen und oft verletzenden Kritiker der Menschen und Verhältnisse in seiner nächsten Umgebung werden.

Graue Leute

Bezeichnend für Kunzes Haltung zu seinem direkten Umfeld ist sicher das nur oberflächlich um Objektivität bemühte Gedicht «Nürnberg» von 1926, in dem der Dichter die Bewohner seiner Heimatstadt zunächst als «graue, überm dunklen Grund hockende Leute» charakterisiert. Die geistige Situation in der Noris schildert er mit den Versen: «Selten huscht ein Licht zur Tiefe, selten stört ein Ruf den Schlaf, keiner ist, der sich verliefe, und wer je die Gottheit traf, traf sie in verborgner Tiefe, mitten unter Nacht und Schlaf.»

Wilhelm Kunze fühlte sich fremd in seiner Zeit und in seiner Welt. Weit näher standen ihm die romantischen Dichter und Denker des 19. Jahrhunderts. Seinen literarischen Durchbruch verdankte er der Novelle «Der Tod des Dietrich Grabbe». Der 1924 erstmals erschienene Text, der von damals berühmten Leuten wie Hermann Hesse und Heinrich Mann gelobt wurde, ist vordergründig eine Art Lebensbilanz des an der engstirnigen Philisterwelt der Biedermeierzeit gescheiterten genialen Dramatikers Christian Dietrich Grabbe (1801-1836). Bei näherer Betrachtung erkennt der Leser aber auch ein (idealisiertes) Selbstporträt Kunzes.

Mehr als «gewöhnliche menschliche Dinge»

Ein ähnliches Bekenntnis der eigenen Probleme im historisch-literarischen Kostüm ist das jetzt neu erschienene letzte (unvollendete) Werk Kunzes – der Roman «Heinrich von Ofterdingen erzählt seine Geschichte», der an ein Romanfragment des Romantikers Novalis (1772-1801) anknüpft. Berichtet wird von einem Minnesänger, der etwas sucht, was mehr als die «gewöhnlichen menschlichen Dinge» bedeutet. Bei Kunze ist Ofterdingens Suche zweifellos eine Metapher für den Weg in die innere Emigration, den der Nürnberger Ausnahme-Schriftsteller nach 1933 gegangen ist.

Wilhelm Kunze war von Kindesbeinen an häufig ernstlich krank. Der Tod spielte daher zeitlebens eine wichtige Rolle in seinem Dichten und Denken. In dem Gedicht «Dem Tod» schrieb er als 23-Jähriger: «Rasch fliehn und fremd die Stunden, bald wirst du mich befrein, und wirst mein Bruder sein, den ich im Schmerz gefunden.» Noch mancherlei Schmerzen hat er erlebt, bevor der lang Erwartete im Frühsommer 1939 zu ihm kam. Die Urne mit seiner Asche ruht im Grab mit der Nummer 1628 auf dem Rochusfriedhof.

Die komplette Rezension von Bernd Zachow mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten!

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