Reiner Kunze, 1998, Foto: Ekko von Schwichow

Reiner Kunze, Foto: Ekko von Schwichow
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Schriftsteller und DDR-Dissident Reiner Kunze wird 75
Bücher des Autors haben längst Millionenauflage erreicht
Von Wolf Scheller aus den Nürnberger Nachrichten vom 14.08.2008:

Den Schikanen des DDR-Regimes war der Schriftsteller Reiner Kunze von Beginn an ausgesetzt. 1977 siedelte er in die Bundesrepublik über. Seither haben seine Bücher eine Millionenauflage erreicht. Am 16. August wird Kunze, dessen Lyrik besondere Aufmerksamkeit erfährt, 75 Jahre alt.

In seinen berühmten «Wunderbaren Jahren« von 1976 konnte man lesen, wie es in Wahrheit um die junge Generation in der DDR stand, die an den Versprechungen der Väter zu ersticken drohte. Zunächst aber traf es den Autor dieses bitterironischen Prosabands, der im Westen erschien und Reiner Kunze auf einen Schlag berühmt machte. Die Folgen für ihn waren verheerend, aber irgendwie auch konsequent. Er wurde aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam.

Parteibuch abgegeben

Die gewaltsame Niederschlagung der Prager Reformbewegung war für Kunze später Anlass, auch sein Parteibuch abzugeben. In den frühen 70ern veröffentlichte er im Westen Gedichtbände, die in der DDR heimlich weitergereicht wurden. Nunmehr war er im Visier der Stasi, auch nach der Übersiedlung in den Westen, wo sich Kunze mit seiner aus der Tschechoslowakei stammenden Frau in Obernzell-Erlau nahe Passau niederließ.

Hier entstand sein Text «Auch dies ist mein land«, eine Art Willkommensgruß an die neue Heimat, die sich freilich nicht übermäßig anstrengte, den Neubürger ans Herz zu drücken. Kunze hatte von Anfang an politische Probleme mit den hiesigen Verhältnissen. Den linken Meinungssoldaten galt er als Strauß-Freund und strammer Kommunistenhasser. Er teilte da das Schicksal des in ähnlicher Weise denunzierten Walter Kempowski, nur dass Kunze trotz der ablehnenden Haltung im westdeutschen Kulturbetrieb nicht verbitterte, sondern sich mit der ihm eigenen Beharrlichkeit auf sein poetisches Schaffen konzentrierte.

lindennacht von Reiner Kunze, 2007, S.Fischer
ein tag auf dieser erde von Reiner Kunze, S. FischerAuf Wiedervereinigung gehofft

Auf eine friedliche Wiedervereinigung hatte Kunze insgeheim wohl immer gehofft, sie aber wie die meisten eigentlich nicht für möglich gehalten. «Die äußere Einheit Deutschlands führt bei mir zu innerer Zerrissenheit,« schrieb er 1992. Die DDR hatte er mit aufrechtem Rückgrat überstanden, und jetzt musste er sich als «CSU-Dichter« und «Kanzlerfreund« (Walter Jens) beschimpfen lassen, weil er Helmut Kohl bei einem Staatsbesuch in Israel begleitet hatte.

1977 wurde er mit dem Büchner-Preis geehrt: «Jahrelang hat die intellektuelle Linke mein Leben verdunkelt, doch gab es immer auch so viel Helligkeit, dass es niemals ganz dunkel wurde.« Seinen vielgelobten und vielgelesenen Gedichtbänden «Sensible Wege«, «Zimmerlautstärke«, «Auf eigene Hoffnung«, «ein tag auf dieser erde« folgte im vorigen Jahr der Band «Lindennacht«. Da fasst er schon im ersten Gedicht zusammen, was ihn zeitlebens angetrieben hat: «Meiner Kindheit liehen ihre farben/ kohle, gras und himmel / Unter dieser Trikolore trat ich an, / ein hungerflüchtiger, süchtig / nach schönem.«

Besonders Camus hat Kunze immer nahe gestanden. Nicht zuletzt war es dieses geistige Vorbild, das ihn von der westdeutschen Linken trennte. Es blieb ihm eben «nur die eigene Stirn«, wie es in einer seiner Reden heißt.

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