Endstufe von Thor Kunkel, 2004, EichbornOpfer.
Christoph Schröder über Thor Kunkel in der Frankfurter Rundschau, 14.7.2004:

Was haben ein zutiefst in seinen Gefühlen verletzter Autor und eine Posse von Provinzformat an einer deutschen Universität miteinander gemeinsam? Erinnern wir uns: Der Schriftsteller Thor Kunkel hat einen Roman mit dem Titel Endstufe geschrieben, den Rowohlt erst hatte drucken wollen und dann wieder nicht, der schließlich im März bei Eichborn erschienen und von der Kritik fast einhellig verrissen worden war.

Das kann keinem Autor gefallen, aber nicht jeder wehrt sich auf eine derart plumpe Weise wie Kunkel, dessen Kritikerbeschimpfung in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Volltext genau jenes Maß an Wirrheit und Größenwahn offenbart, das ihm schon anhand seines Romans nachgewiesen worden war. Ein wahrer Fundus an kuriosen Zitaten ist dieser zweiseitige Essay: von "notgeilen Feuilletonisten" ist die Rede, "angegrauten Mattschwätzern" und "Schmocks", von der "Entrüstungsindustrie Deutschlands", der "Journaille", die die Bedeutung seines "Labors des Geistes" nicht erkannt habe, von der "korrumpierten Literaturkritik", die vor einem engagierten Roman versagt habe und stattdessen "irrelevantes Geschreibsel" lobe. "Bedenkenträger und Wiederkäuer blockieren seit langem eine kulturelle Evolution." Damit meint Kunkel sich selbst. Dass er ausgerechnet die rechtskonservative Zeitung Junge Freiheit zu seiner Verteidigung braucht, die ihm bescheinigt, sich "den Blick auf die wahren Verhältnisse nicht verbieten zu lassen", bedarf keines Kommentars.

Am 20. April diesen Jahres, Hitlers 115. Geburtstag, hat Thor Kunkel im Kulturzentrum der Frankfurter Universität aus Endstufe vorgelesen. Die Frankfurter Universität ist in einem historisch belasteten Gebäude, dem IG-Farben-Haus, untergebracht. Nun hat der AStA der Universität gedroht, dem Veranstalter umgehend sämtliche Zuschüsse zu streichen, sollte dieser sich nicht von seiner eigenen Veranstaltung distanzieren.

Dass das Zusammenspiel von Datum und Ort ungeschickt gewählt wurde, ist das eine. Dass eine derartige Form von Zensur Wasser auf die Kunkelsche Verschwörungstheoriemühle ist, das andere. Eine Kunkel-Zensur ist auch gar nicht erforderlich - man muss den Mann nur ausreden lassen, dann entblößt er sich von allein, schwankend zwischen weinerlicher Opferrolle und aggressivem Ab-heute-wird-zurückgeschossen-Jargon.

Wem sein Roman nicht gefalle, so schreibt er, "der sollte eben Imre Kertész lesen. Oder Die Kinder von Bullerbü". Das ist - endlich - ein guter Gedanke und, im Vergleich zu Endstufe, definitiv die bessere Wahl.

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