Zum 75.
Geburtstag
von Milan Kundera
von Wolf Scheller im Nürnberger
Nachrichten, 31.3.2004:
Denis
Diderot, Franz Kafka und
Robert Musil — das sind seine „Götter“.
Wie Milan Kundera immer wieder betont hat, ist der Roman für ihn eine rätselhafte
und paradoxe Welt der Relativität. Und er, der Autor, befragt diese Relativität
als großer Zweifler und Skeptiker nach dem Sein des Menschen. 1984 gelang dem
in Brünn gebürtigen Schriftsteller mit seinem Roman „Die unerträgliche
Leichtigkeit des Seins“ der Aufstieg in die Bestsellerlisten. Kundera wurde
damit der Einzige unter den zahlreichen nach dem Ende des „Prager Frühlings“
exilierten tschechischen Autoren, die es zu Weltruhm brachten. Heute lebt er in
Paris. Morgen feiert er seinen 75. Geburtstag.
Als die Truppen des Warschauer Paktes in der damaligen Tschechoslowakei
einfielen, wurde Kundera, der Ende der vierziger Jahre noch voller Enthusiasmus
in die Kommunistische Partei eingetreten war, aus dem Schriftstellerverband
ausgeschlossen. Er verlor seine Stellung an der Filmhochschule, die Partei
trennte sich von ihm. Damals hatte er schon ein vorwiegend jugendliches
Publikum, das seine Texte begeistert aufnahm.
Seine Themen hatte der hoch musikalische Autor, dessen Vater im mährischen Brünn
Rektor der Musikhochschule war, in dieser Zeit längst gefunden. Kundera
reflektierte aus ironischer Distanz die Situation des Individuums in der
Gesellschaft am Beispiel einer Vielzahl von Wahrheiten, die sich gegen die
intolerante Welt der Ideologien wenden, indem sie diese Welt der Lächerlichkeit
preisgaben.
Wenigen Autoren ist es gegeben, mit so großer Selbstverständlichkeit „ich“
zu sagen, wie Kundera dies in seinen Essays und Romanen tut. Dieses „Ich"
setzt sich mit der Welt auseinander, schöpft dabei aus einem reichen Fundus an
Erfahrungen. „All diese Situationen habe ich selbst kennen gelernt und erlebt,
trotzdem ist aus keiner die Person erwachsen, die ich selbst in meinem
Curriculum vitae bin“.
Dennoch: Seine Figuren sprechen für sich. Tamina in „Das Buch vom Lachen und
Vergessen“, Tomas in „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, Agnès
in „Die Unsterblichkeit“. Bei Tomas und Teresa gibt es ein „Happy-End“,
den gemeinsamen, leichten Tod auf der Landstraße. Im Gegensatz zu Teresa, die
die Dinge zu ernst nimmt, ist das Drama der Malerin Sabina, im Roman eine von
Tomas’ Liaisons, nicht das Drama des Schweren, sondern des Leichten.
1990 erschien mit „Die Unsterblichkeit“ Kunderas erster in Frankreich —
noch auf tschechisch — geschriebener Roman. Fünf Jahre später kam „Die
Langsamkeit“ auf französisch heraus. Langsames Erinnern, rasantes Vergessen
— das führt 1998 zu dem eher philosophischen Roman „Die Identität“, der
vom Verlust von Schönheit, Jugend und Begehren im Altern handelt.
Kundera wird heute in Tschechien von vielen als einer jener ehemaligen
Dissidenten wahrgenommen, die den Verbleib in der Fremde der Rückkehr in die
unwirtlichen Verhältnisse daheim vorziehen. Was heißen soll: Längst nicht
alle seiner Landsleute sind mit ihm einverstanden. Er freilich liebt, wie er
sagt, die französische Kultur, „und ich schulde ihr viel“.
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