Der
Kumpel von Goethe.
Portrait über Kurt Küther
von Marlis Haase in der NRZ,
6.7.2003:
Der Arbeiterdichter Kurt Küther ist einer der Letzten seiner Zunft und hat es in die Weiheräume der Lyrik geschafft.
"Schauen Sie mal hier", sagt er nicht ohne Stolz: "Links Küther, rechts Dürrenmatt. Oder hier stehe ich neben Mörike, Carossa und sogar Goethe". Kurt Küther hat es in den Regalen zur Weihe der Lesebücher gebracht. Für einen Bergmann, der zuletzt Steiger war, ist das in der Tat ein Anlass, seine Lebensleistung nicht nur als kleines privates Hobby abzutun. Es ist schwer, ihn überhaupt einmal zu treffen. Immerfort ist er zu Lesungen eingeladen, und dass er schon 75 Jahre alt ist, würde ihm niemand glauben, der ihn lächelnd, wach, erzählfreudig in seinem winzigen Arbeitszimmer antrifft, in einer Dritten-Stock-Wohnung in der wunderschön restaurierten Arbeiterkolonie Bottrop-Welheim.
Er ist einer der letzten seiner Zunft. Die großen Tage der Arbeiterdichter sind vorbei. "Mir sind sie alle weggestorben , ich bin wohl wirklich der letzte ", sagt er etwas betrübt und weiß auch nicht recht, warum die Zechen und Industriewerke keine dichtenden Arbeiter mehr produzieren, die es doch noch vor einer Generation im Ruhrgebiet zuhauf gab. "Die Türken dichten nicht", meint er, "und die jungen Leute, die jetzt etwa unter Tage arbeiten, können kein richtiges Deutsch mehr schreiben."
Kurt Küther wurde am 3. Februar 1929 in Stettin geboren, "und am 5. Mai vor genau 59 Jahren nahmen mich die Russen vor Rügen gefangen". Er flüchtete später auf einem Panje-Wagen. Zum Glück fand er seine Eltern wieder und voller Tatkraft gründeten die auf dem Land in Schleswig-Holstein eine Gärtnerei. Doch Kurt war diese Lebensperspektive zu eng. Als er ein Plakat las, dass der Ruhrbergbau Arbeitskräfte suchte, machte er sich just am Morgen des Heiligen Abend kurzentschlossen auf den Weg und wurde in Bottrop auf der Zeche Welheim als Hauer angenommen, wohnte im Ledigenheim. Dass er in Welheim seine Frau kennenlernte, deren Eltern aus Polen den Weg zum Ruhrbergbau gefunden hatten, ist eine der reviertypischen Liebes- und Ehegeschichten. 17 Jahre arbeitete er auf Welheim, dann fünf Jahre bei Stinnes 3/4 und dann bekam er ein Stipendium des DGB für die Dortmunder Sozialakademie, wo er sich für den Betriebsrat ausbilden lassen sollte. Ging dann wieder unter Tage, bis er den Arbeiterdichter Josef Büscher traf, der sich für ihn verwandte und dafür sorgte, dass er auf Nordstern Steiger für den Grubenausbau wurde.
Die Arbeiterdichter Büscher und Köpping nahmen ihn auch mit zu den Lesungen der Dortmunder Gruppe 61, wo Küther neben vielen anderen auch Max von der Grün traf, der begeistert ausrief: "Endlich ein Arbeiter mit Gedichten". Denn in jener Zeit hatte Küther bereits angefangen zu schreiben. Mit Erfolg.
In Gelsenkirchen gehörte er bald auch zur Literarischen Werkstatt Hugo Ernst Käufers, und es erschienen von Küther die durchaus beachteten Gedichtbände " Ein Direktor geht vorbei" und "Doppelt zählt jeder Tag - Gedichte und Prosa eines Ruhrkumpels." Vor allem Gewerkschaftszeitungen, aber auch die örtliche Tageszeitung druckte ihn, und 1984 erhielt er ein Stipendium des NRW-Kultusministeriums, das 1994 erneuert wurde, dazwischen lagen zahlreiche Autorenpreise.
Für den gebürtigen Stettiner war das Ruhrdeutsch der Kumpel zunächst eine Fremdsprache, aber ab 1990 schrieb er in dem hier heimischen Umgangston "Sonntach, dat, wat Sache is". So gelangten seine Gedichte in Schulbücher . Und da heißt es etwa:
Sonntach, Michaelismaakt, Autos krisse nich gepaakt, weil, die Stadt is proppen voll, Mann, sacht Jupp, is dat nich doll?"
Außerdem schrieb er in Revierdeutsch seine "Ruhrpottogramme", kleine, realistische Betrachtungen aus der Welt der Arbeiter.
Aber Kurt Küther, das Kriegskind, hatte auch manches nachzuholen. "Ich hab mich immer bewegt, war in Holland, Belgien, in Frankreich" (in Lille hat er sogar aus seinen Werken gelesen). Und er ist neugierig geblieben, hat in Berlin den Ort der Wannsee-Konferenz aufgesucht und den Bendler-Block, den Folterkeller der Gestapo. Immer wieder Russland, Usebekistan, Kirgisien, das waren Küthers Ziele.
Kurt Küthers großes Vorbild war immer der Arbeiterdichter Heinrich Kämpchen, der 1912 starb und dessen Grab in Bochum-Linden heute noch gepflegt wird. Und manchmal sagt Küther dann wieder melacholisch: "Mir sterben sie alle wech".
Ja, aber es sind andere da.
Jetzt kommen die Jungen und gründen eine Rockband - zu Gedichten von Kurt Küther. (NRZ)
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