Michael Krüger, 2012, Foto: Ekko von Schwichow

Michael Krüger
Foto: Ekko von Schwichow

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Endlich einmal länger nachdenken dürfen
Michael Krüger feiert am kommenden Montag 70. Geburtstag. Der Chef des Carl Hanser Verlages spricht im Interview über seine Zeit bei dem Münchner Verlag, die Zukunft des Buchs und des Kultur-Lebens.
Von Simone Dattenberger aus dem Münchner Merkur, 3.12.2013:

Als Lektor und seit Jahrzehnten als Chef des Münchner Carl Hanser Verlags in Bogenhausen war Michael Krüger einer der prägendsten Persönlichkeiten in den Gefilden des literarischen Geschäfts – mit einem untrüglichen Gespür für Qualität, mit einer untrüglichen Nase auch dafür, was sich verkauft. Krüger pflegte den versponnenen Lyriker mit ein paar Lesern genauso mit liebevoller Treue wie den Bestsellerautor. Der Verleger Krüger, neben dem es den Schriftsteller Krüger gibt (siehe nebenstehenden Artikel), verlässt zum Jahresende Hanser. Als Kunstnarrischer war er ebenfalls prägend: vor allem für München. Der Stadt bleibt er in dieser Funktion zum Glück erhalten – als Präsident der Akademie der Schönen Künste.

Wie läuft die Übergangsphase zu Ihrem Nachfolger Jo Lendle?

Die Endphase bedeutet, dass ich mir in einem Schnelldurchgang die Geschichte des Verlags, soweit ich sie mitverfolgt habe, deutlich machen muss, um meinen Nachfolger in die Lage zu versetzen, am 1. Januar sofort hier einzusteigen. Das ist nicht ganz einfach, weil es viele Schicksale von Autoren gibt, die man im Blick haben muss; ältere Autoren, die nicht mehr so im Rampenlicht stehen, die aber zur Geschichte des Verlags gehören.

Ein Beispiel?

Etwa Hans Bender. Zum einen müssen wir die alten Rechte sichern, zum Beispiel bei Aleksandar Tisma. Wir müssen schauen, wie sich die Historie des Verlags in der Zukunft fortsetzt. Ein Verlag ist nur so gut, wie seine Autoren gut sind. Zum anderen muss sich mein Nachfolger darum kümmern, dass wir ordentlich und ohne Blessuren in das elektronische Zeitalter kommen und die damit zusammenhängenden Probleme so lösen, dass es für die Verbreitung unserer Bücher zuträglich ist.

Sie beide haben nicht schon parallel gearbeitet?

Nein.

Wie ist Hanser im Moment für die Zeit der neuen Medien gewappnet?

Wir sind dabei, mehr und mehr unsere Titel als E-Books zugänglich zu machen. Wir sind mit allen Institutionen, die sich für die Verbreitung von elektronischen Bücher interessieren, in Verbindung. Wir machen doch einen ordentlichen Prozentsatz unseres Umsatzes mit diesen Büchern. Interessanterweise nun auch im Kinderbuchsektor. So kommt eine Menge auf uns zu, denn keiner weiß genau, wie man in den elektronischen Medien wirbt – außer, dass Bücher, die im Gespräch sind oder ins Gespräch gebracht wurden, etwa von der Presse, dann als E-Book gekauft werden. Nun kommt es jedoch darauf an, wie diese elektronischen Bibliotheken funktionieren: damit man alte Texte, die sogenannte Backlist, zur Verfügung hat.

Unser immer noch vorbildliches Buchhandelssystem, dass man jedes Buch innerhalb von 24 Stunden erhalten kann, das bleibt ja davon unberührt. Es ist das beste System in der ganzen Welt. Es ist so gut, dass ich hoffe, dass die an Papierbüchern interessierten Leser uns noch lange treu bleiben. Denn ich kann mir immer noch keine Welt vorstellen, die ohne das Papierbuch auskommt, weil dann auch das Feuilleton im Internet stattfinden müsste. Aber dafür gibt es keine wirklichen Formate.

Warum ist das so schwer?

Man denkt, dass diese irrsinnige Verbreitungsmöglichkeit dazu führt, Reize auszusenden. Offenbar ist das nicht oder nur in einem geringen Umfang der Fall, sodass man immer noch die Zeitung, das Fernsehen, den Rundfunk braucht, um überhaupt auf Bücher aufmerksam zu machen. Das gilt insbesondere für die Bücher, die nicht von vornherein ins Rampenlicht kommen. Das gilt für Bücher subtileren Charakters, die man halt im Netz, in diesem riesigen, undurchschaubaren Netz, nur schwer findet. Alle diese Probleme zusammengenommen ergeben ein großes Paket. Daher braucht es viel Überlegung, um dem Verlag eine Zukunft zu geben.

Sie machen sich doch Sorgen?

Nun ist mein Nachfolger bekanntermaßen viel jünger (schmunzelt; Lendle ist Jahrgang 1968, Anm. d. Red.) und hat dann hoffentlich mehr Zeit, sich darum zu kümmern. Denn was meine Person betrifft, so kann ich sagen, dass wir alle unsere Satelliten sicher gemacht haben, damit er da keine Probleme haben wird: also unseren Wiener Verlag Zsolnay und Deuticke, unseren Schweizer Verlag Nagel & Kimche und den Hanser Berlin Verlag plus Kinderbuch-Verlag und Hanser. Alle diese Verlage sind ja Teil des größeren Verlages, der sich mit Wissenschaft sowie populärer Wissenschaft und mit wissenschaftlichen Zeitschriften beschäftigt. Er muss in dem Gesamtkonzert eine Rolle spielen, denn es ist unsere Aufgabe, diesen Verlag so erfolgreich zu leiten, damit er sicher ist. Nur dann können wir die Autoren dazu überreden, uns ihre Bücher anzuvertrauen.

Haben Sie schon mal mit einem elektronischen Lesegerät gelesen?

Nein.  Ich weiß, wie’s geht, aber ich habe keine Zeit für solche Spielereien. Es ist doch ein großer Verlag geworden. Es kommt  darauf  an,  dass wir eine  eigene Handschrift haben  und  dass wir alle Möglichkeiten nutzen, die Bücher an den Leser zu bringen. Da sind  uns das Feuilleton und die anderen Medien außerordentlich wichtig.  Diese  Kontakte  müssen  gepflegt werden. Die Menschen, die hier im Verlag arbeiten, sind so hoch  motiviert,  dass ich keine Sorge darum habe, wie’s weitergeht.

Ihr Herz blutet schon, wie man merkt...

Ja Gott, wenn man 45 Jahre lang in so einem Ding gearbeitet hat, dann ist es schwer, mit einem Schnitt das alles zu beenden! Es gibt keinen gleitenden Übergang, bei dem man helfen oder eigene Erinnerungen einbringen kann. Es war der Wunsch des Aufsichtsrats, dass ein klarer Schnitt gemacht wird. Jetzt muss ich sehen, dass ich das in den letzten Wochen noch hinbekomme.

Hilft beim Ablösungsprozess der runde Geburtstag?

Nein. Ich muss auch sagen, ich habe bisher noch keine einzige Idee an diesen Geburtstag verschwendet. Andere Leute im Haus müssen es tun. (Lächelt.) Und tun das auch... ich hör’s durch die Tür hier.

Sie sind nicht nur am Buchwesen, sondern an allen Künsten interessiert und haben sich immer ins kulturelle Leben eingemischt. Wie stellen Sie sich generell Kultur in unserer Zukunft vor?

Das ist eine sehr wichtige Frage. Unsere Kultur ist Teil eines größeren Zusammenhangs: Europas. Wir müssen fragen, wie unsere eigenen kulturellen Institutionen funktionieren, aber auch wie wir innerhalb von Europa unsere Aufgabe und unsere Möglichkeiten sehen. Wir wissen, dass die englische Sprache in der Wissenschaft und selbst in der Literatur unendlich viele Vorteile hat: dass ein englischer Autor in Großbritannien, den USA, Kanada, Australien, Indien oder den Niederlanden viel leichter Verbreitung findet als ein deutscher Autor, der übersetzt werden muss. Deshalb bin ich so dahinter her, dass die Übersetzerprogramme ausgebaut werden. Nur wenn man da hilft, sind Engländer und Amerikaner überhaupt bereit, unsere Bücher zu prüfen. Während bei uns 50 Prozent der Bücherproduktion übersetzte Werke ausmachen, sind das dort lediglich zwei, maximal drei Prozent.

Das heißt, die englischsprachigen Leser nehmen die anderen Kulturen gar nicht mehr differenziert wahr. Das ist ja nur durch Literatur möglich.

Ja. Das ist auch ein politisches Problem, das das Goethe-Institut mit Bundes-, aber auch mit EU-Mitteln angehen muss. In Brüssel ist die kleinste Abteilung die der Kultur! Was mich immer gewundert hat, denn neben der Wirtschaft ist die Kultur das Einzige, was Europa zusammenhält. Wir müssen lernen, dass wir aus vielen Sprachen bestehen, und zwar vom Isländischen bis zum Sizilianischen.

Was eine Bereicherung ist...

Ja, davon gehen wir doch aus. Sicher, die Musik und die bildende Kunst haben es vergleichsweise leichter. Die Literatur, die Sprache, die doch das Ganze einbinden soll, hat es da sehr schwer: Aber auch das Baltikum mit seinen Sprachen, die nur zwei bis drei Millionen Menschen beherrschen, will gehört werden. Sie wollen nicht in einer anglifizierten Sprache untergehen – gerade die kleinen Länder! Sie leisten ja – das ist auffallend – einen großen Beitrag zu unserer kulturellen Selbstvergewisserung. Auf dem Balkan etwa wird viel über Europa nachgedacht. Ich will mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen – mit der Akademie der Schönen Künste, mit dem Lyrik-Kabinett, mit meiner eigenen Fantasie – dazu beitragen, damit all das eine Selbstverständlichkeit wird.

Sind das die Schwerpunkte, die Sie in der Akademie setzen werden?

Als Akademiepräsident muss ich die Idee der Akademie verfolgen. Die Idee ist, dass sich die verschiedenen Künste untereinander in ein Gespräch verwickeln. Das heißt, dass alle zusammen überlegen, warum wir diese Kultur brauchen. Wenn man den jungen Leuten zuhört, brauchen die Pop-Musik. Das ist eine sehr selektive Art, mit kulturellen Beständen umzugehen. Aber wir haben eine Akademie, in der sehr alte und sehr junge Menschen zusammen sind – also sollte es uns gelingen, und das sehe ich als meine Aufgabe an, diese verschiedenen Künste, natürlich in Beziehung zu den europäischen und anderen Kulturen, in einen Dialog zu bringen.

Das ist schwierig, weil diese Akademie praktisch kein Geld hat. Im Moment gibt es Gespräche mit dem Kunstministerium, dass wir das ein bisschen verbessern. Denn wenn es bei dieser Ausstattung bleibt, sind keine großen Sprünge möglich. Wir haben das Glück, dass wir durch die Zuwendungen der Bauer-Stiftung den Betrieb gerade so aufrecht erhalten können.

Es gibt viele Kunst-Stätten bei uns ...

Ja – es kommt jedoch darauf an, dass wir zugleich überlegen, für was und wen wir das brauchen, dass wir ästhetische Fragen diskutieren. Nur wenn wir dafür Begründungen haben, die einigermaßen plausibel sind, kann man die Gesellschaft fordern und sagen: Ihr müsst etwas zum Erhalt der Kultur tun. Aber um da aktiv zu werden und auch nach außen zu wirken, braucht es Geldmittel. Wenn sich das nicht klären lässt, würde ich den Job wieder abgeben. Im Januar will ich das weitertreiben. Ich bin für drei Jahre gewählt, da sollte ich das schaffen. Wenn nicht, höre ich halt wieder auf.

Warum ist Kultur für die Menschheit wichtig?

Ich glaube schon, dass wir einer Gesellschaft entgegengehen, für die Kultur das Selbstverständlichste war. Selbst in Kleinstädten gibt es Kunstvereine, Festivals, Theater. Jeder kann hingehen, schwärmen oder sich ärgern; jedenfalls war’s besser, als zuhause vor dem Fernseher Dosenbier zu trinken. Aber ob in Europa die Kultur etwas zusammenhält, die historische, die gegenwärtige, ob es egal ist, wenn die Menschen nur noch Kriminalromane lesen, ob sie vor dem Computer eine entsinnlichte Wahrnehmung einüben – darüber müssen wir nachdenken. Auch darüber, ob die Wahrnehmungsbereitschaft für die Welt der Töne, Farben, Formen noch vorhanden ist, ob wir das weiterentwickeln wollen – und noch erkennen, dass das was anderes ist als Werbung und Marketing. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass nur in der guten Literatur, Musik, bildenden Kunst die Einübung in eine humane Welt möglich wird. Die Kunst ist vollkommen unverzichtbar – nur: Es  ist  eine Frage, wie die Gesellschaft darauf reagiert  und wie sie das vermitteln kann. Da liegt viel Arbeit vor uns.

Sprich: Es gibt weiterhin keine Ruhezonen für Michael Krüger.

Nein. Die Hauptsache wird sein, dass ich morgens aufstehe und nicht daran denke, ob wir genügend Bücher verkauft haben, sondern daran denke: Was muss ich heute morgen schreiben? Das Schreiben kam zu kurz, und das Nachdenken kam zu kurz. Ich habe in den 45 Jahren hier nur profitiert – von den Autoren; und habe dafür mit Arbeit bezahlt. Endlich einmal länger über ein Problem nachdenken dürfen – in den letzten paar Jahren meines Lebens. Das wäre doch ein guter Abschluss.

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