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| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
Vom Würschtl Lichtjahre
entfernt
Premiere im Haus der Kunst: Franz
Xaver Kroetz über "Servus Kabul" und seine neuen Werke
Das Gespräch führte Simone Dattenberger. Im Münchner
Merkur, 17.2.2006:
Ein Straubinger Wirts-Ehepaar und seine zwei erwachsenen Kinder stellt Autor Jörg Graser in "Servus Kabul" vor. Das Stück um deren Hoffnungen auf einen geldigen Öl-Scheich beziehungsweise unterwürfige islamische Frauen hat morgen im Münchner Theater im Haus der Kunst Premiere (Staatsschauspiel). Die streikenden Arbeiter haben Regisseur Franz Xaver Kroetz guten Willen signalisiert. Präsent ist er, der am 25. Februar 60 Jahre alt wird, auch als Autor. Einmal mit seinem Erzählband "Blut & Bier", zum anderen ab Sommer mit seinem neuen Stück "Drücker", das im Marstall uraufgeführt wird.
"Servus Kabul" ist ein Zusammentreffen von Komödienstadl-Klamauk und scheinbaren islamischen Verheißungen
Franz Xaver Kroetz: Das ist kracherter
Komödienstadl, wobei man dem damit Unrecht tut, und zugleich spricht der
Mohammedaner Jusuf fast schon ein Beckenbauer-Bairisch. Ich bin beim Dieter Dorn
gesessen und hab' meine drei Einakter besprochen. Da hat er gesagt: Franz, magst
net glei' was machen? Der Hube - er war angekündigt - hatte ja die Regie
abgelehnt. Für mich persönlich war's ein Glück, so schnell ein Stück
inszenieren zu können. Ich habe es mit Sympathie gelesen - diese schräge
Eindimensionalität! Den Mut, so viele Klischees aufzutürmen, hab' ich
bewundert. Deswegen machen wir's als Kasperltheater. Mir gfoit's.
Hat durch den Mohammed-Karikaturen-Streit dieses Stück eine andere
Qualität gewonnen?
Kroetz: Die Szenen, die an Abu Graib erinnern, hab' ich rausgeschmissen.
Das musst Du selber inszenieren, wenn die drinbleiben, habe ich dem Autor
gesagt. Von Haus aus habe ich das Stück "ent-religioniert". Das sind
keine Figuren wie von Fleißer oder Sperr und Bond, die aus Not einen Tabubruch,
ein Sakrileg begehen; das ist eine ganz kalte, schlau konstruierte Chose.
Deswegen werde ich die Religion nicht beleidigen. Schon vor dem
Karikaturen-Streit habe ich alles Derartige rausgestrichen. Eigentlich können
nur die Straubinger beleidigt sein: Und bei denen entschuldige ich mich hiermit.
Die westliche Religion in "Servus Kabul" ist Sex/Geld. Und die
östliche, islamische? Setzt sie "heilige" Regeln?
Kroetz: Ich seh's, wie's im Stück steht. Es gibt keine Regeln. Es gibt
kein Niederbayern. Die Figuren weisen nicht über sich hinaus. Wenn sie es
täten, würden sie für etwas stehen. Aber sie stehen für nichts - außer für
sich selbst.
Auch in Ihrem Buch raufen Jesus, Buddha und Mohammed im Traum des Erzählers
miteinander, weil er gerade furchtbar unbequem reist. Dennoch gibt's eine
menschliche, friedliche Lösung.
Kroetz: Ich saß wirklich in einem Zugabteil und neben mir ein
Buddha-Mönch: Der hat mi vielleicht zambaazt! Am Ende, nach sechs, sieben
Stunden Fahrt, hat er mir einen kleinen Buddha geschenkt. Da muss man einfach
eine Geschichte schreiben.
Aber doch mit einer feinen Weisheit.
Kroetz: Ich bin an dem Punkt angelangt, wo ich sage: Jede Religion ist besser
als der Zustand eines nihilistischen Kapitalismus, in dem wir leben. Wir sind
jetzt in der Phase des echten Nihilismus - nicht des sprachlichen von früher -
und beginnen unterzugehen.
Die arabische Welt hat meine vollste Sympathie. Es ist wunderbar, dass sie an
Allah glauben und auf den westlichen Lebensstil pfeifen, dass sie ganz andere
Vorstellungen, Utopien und Lebensentwürfe haben. Wie die Menschen bei uns
kaputt gemacht werden: nicht nur ökonomisch! Es gibt auch die mentale
Verblödung durch sturzdumme Fernsehprogramme, die sich aus dem Äther über uns
ergießen und nur der Profitmaximierung dienen. Die Kinder verbringen mehr Zeit
vor dem Fernseher als in der Schule, und wir überlassen sie Haifischen, die nur
ans Geld denken.
Die meisten Erzählungen drehen sich um den "Dichter". Sie ziehen
Ihre eigene Realität und die Fiktion sehr eng zusammen.
Kroetz: Nein, ich bin von dem "Dichter", diesem Würschtl, doch
Lichtjahre entfernt. Die Geschichten wurden 1992 geschrieben. Ich habe damals
mit meiner Frau und den beiden Töchtern eine lange Reise gemacht und mir
vorgenommen, jeden Tag eine Kurzgeschichte zu schreiben. Das hat nicht ganz
geklappt; viele sind auch schmarrig. Aber mit diesen jetzt bin ich glücklich.
Ich habe sie vielen Verlagen angeboten, keiner wollte sie. Der Rotbuch Verlag,
der dankenswerterweise meine Stücke herausgibt, hat gesagt: Herr Kroetz, ham's
noch was. "Blut & Bier" steuert nun tatsächlich auf einen
Achtungserfolg zu. Wer das Buch liest, weiß aber noch lange nicht alles über
mich . . . Viele meinen, das Kroetzische ist, wenn's wallet, siedet und zischt -
das ist aber nicht wahr.
Beim Schreiben war Ihnen doch klar, dass die Familie Kroetz-Relin immer in
der Öffentlichkeit steht?
Kroetz: Das ist 13 Jahre her. Ich weiß nicht mehr, was ich mir damals
gedacht habe. Aber "Kir Royal" war noch nahe und ich ein sehr
bekannter Mensch - vielleicht hat's damit zu tun . . .
"Kroetz hat uns einen äußerst provokanten Text geschickt, dem wir uns
stellen wollen." So hat Dieter Dorn Ihr neues Stück "Drücker"
angekündigt. Der Verlag terminiert die Uraufführung auf Juni.
Kroetz: Drei uralte Frauen, jeweils im Rollstuhl sitzend, fädeln sich ins
laufende Fernsehprogramm mit ihren Lebensgeschichten ein. Es ist die letzte
halbe Stunde, bevor sie sterben. Außerdem sind da fünf Männer, die saufen,
pinkeln, onanieren und nichts mehr schaffen. Der Text ist schon ganz schön hart
. . .
Franz Xaver Kroetz: "Blut & Bier. 15
ungewaschene Geschichten." Rotbuch Verlag, Hamburg, 155 Seiten; 16,90 Euro.
Lesung mit dem Autor, Sibylle Canonica u.a. am 22. Februar, 20 Uhr, im Münchner
Literaturhaus.
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