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| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
»In Wien ist Judenhass weit verbreitet«
Der Künstler
Georg Kreisler über seine Heimat
Österreich, Israel-Erfahrungen und den Kampf gegen Windmühlen
Das Gespräch
führte Philipp Engel
aus Jüdische
Allgemeine, 25.04.2011:
Herr Kreisler, Sie haben
Zeit Ihres Lebens mit Ihrer Heimat Österreich gehadert. Haben Sie jemals daran
gedacht, dem Land den Rücken zu kehren und auszuwandern?
Nicht nur einmal. Wie jeder österreichische Künstler, der etwas taugt, reibe ich
mich an meinem Land. Anfang der 70er-Jahre habe ich ernst gemacht und bin nach
Israel gezogen. Ich wollte herausfinden, ob ich dort leben könnte.
Und, wie war es?
Ich besuchte in der Nähe von Jerusalem eine Schule für Einwanderer und lernte
Hebräisch. Nach fünf Monaten musste ich feststellen, dass Israel für mich ein
fremdes Land bleiben würde. Die Sprache, das Denken, das Klima – das alles war
mir nicht wirklich nah, so dass ich schlussendlich zurück nach Österreich ging.
Würden Sie Ihr Verhältnis zu Österreich als
Hassliebe beschreiben?
Es ist weder von Hass noch von Liebe geprägt. Ich wohne jetzt zum zweiten Mal in
meinem Leben in Salzburg. Die Stadt entspricht ganz einfach meinen persönlichen
Bedürfnissen. Es ist ein sehr musischer Ort, viele meiner Freunde leben hier.
Sind die Österreicher im Allgemeinen und die
Wiener im Besonderen immer noch so antisemitisch, wie Sie es häufig in Ihren
Liedern besungen haben?
Ich glaube, es ist immer ein Fehler, wenn man pauschal urteilt. »Die« Tiroler
sind anders als »die« Salzburger und die wiederum sind anders als »die«
Kärntner. Fakt ist aber auch, dass der Judenhass in Wien heute wie damals weit
verbreitet ist. Ob es heute noch solche Ausschreitungen geben könnte wie 1938
nach dem »Anschluss« vermag ich nicht zu sagen. Der Antisemitismus war den
Leuten damals sehr willkommen, endlich konnte man sich ausleben, endlich hatte
man einen Sündenbock für die grassierende Armut. Heute ist der gesellschaftliche
Wohlstand ein ganz anderer.
Als ich kürzlich mit Marcel Reich-Ranicki über
seine Erinnerungen an die Zeit im Warschauer Ghetto sprach, sagte er, dass kein
Tag vergehe, an dem er nicht daran denken müsse. Ist das bei Ihnen ähnlich?
So etwas vergisst man sein ganzes Leben nicht. Ich selbst habe erleben müssen,
wie Juden auf Befehl mit Wurzelbürsten die Straßen schrubbten, während Wiener
Bürger das Treiben mit höhnischen Kommentaren begleiteten. Ich hatte Glück und
konnte die Straßenseite wechseln und bin weggerannt. In der Schule hatte ich
weniger Glück. Wie alle Juden bin ich vom Gymnasium ausgeschlossen worden. Als
der Direktor uns das mitteilte, mussten wir durch ein Spalier den Schulhof
verlassen, von den anderen Schülern gab’s zum Abschied Schläge auf den Kopf.
Sie haben einmal gesagt, es seien diese
Ereignisse gewesen, die Sie erst zum Juden gemacht haben.
Natürlich, der Antisemitismus machte aus mir einen bewussten Juden. Meine Eltern
waren vollkommen assimiliert, und auch ich bin keineswegs ein frommer Mensch.
Wenn man aber in so frühen Jahren mit einem derartigen Judenhass konfrontiert
wird, wird man sich seines Judentums zwangsläufig bewusst. Ich erinnere mich,
wie ich als Fünfjähriger einmal auf der Straße aus irgendeinem Grund geschrien
habe. Da sagte meine Mutter: »Sei nicht so laut, wir sind Juden!«
Wie hat dieses Bewusstsein Ihre Texte, Ihre
Musik geprägt?
Ich habe mich mit meiner jüdischen Identität beschäftigt, indem ich etwa die
Platte »Lieder eines jüdische Gesellen« und die »Nichtarische Arien« aufgenommen
habe. Das hätte ich vermutlich ohne diese Erfahrungen nicht getan.
Sie sagten vorhin, dass der Antisemitismus in
Österreich immer noch virulent sei. Woran machen Sie das fest?
Ich werde noch heute benachteiligt und zuweilen gar als Nestbeschmutzer
bezeichnet. Hier nur ein Beispiel von vielen: Meine Frau und ich waren vor
einiger Zeit zu Weihnachten in der Steiermark eingeladen. Der Gastgeber, ein
Freund von mir, war noch nicht da, nur dessen Gattin und ein Pfarrer. Die beiden
haben alles dafür getan, damit wir so schnell wie möglich wieder abhauen. Wir
haben nichts zum Essen und zum Trinken bekommen, obwohl sie selbst ein
Weihnachtsmahl zu sich nahmen. Es war sehr deutlich, dass man uns nicht haben
wollte.
Ignatz Bubis sagte kurz vor seinem Tod, er habe
als Präsident des Zentralrats der Juden »fast nichts erreicht«. Wie fällt Ihre
Bilanz aus, wenn Sie auf Ihr Werk zurückschauen?
Im Grunde genommen nicht viel anders. Dennoch müssen Vorurteile jeder Art
bekämpft werden, denn hin und wieder bewirkt man doch etwas. Noch vor wenigen
Jahrzehnten habe ich in den USA Hotels gesehen, in denen am Eingang stand: »Nur
für Arier!« Heute ist es ein Schwarzer, der im Weißen Haus das Sagen hat – das
ist doch großartig. Ich habe mich als Künstler stets gesträubt, mit Missständen
zu arrangieren. Mittlerweile bin ich zu alt, um den Kampf gegen die Windmühlen
aufzunehmen, dass müssen heute die Jüngeren erledigen.
Sie werden im nächsten Jahr 90 Jahre alt.
Denken Sie oft über den Tod nach?
Zwangsläufig, ja. Wenn man nicht mehr ganz so jung ist, weiß man, dass man
sterben wird. Wenn man so alt ist wie ich, ist man sich dessen sicher. Ich weiß,
dass ich sterben werde – vielleicht schon bald.
Haben Sie Angst vor dem Tod?
Nein, überhaupt nicht. Generell regt man sich im Alter nicht mehr so sehr über
Dinge auf. Früher hätte ich gegen die faschistische Regierung in Ungarn
angeschrieben. Heute tue ich das nicht mehr, weil es sich wohl nicht mehr lohnen
würde. Als junger Mensch denkt man da zum Glück anders.
[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur, bestellt werden]
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