Georg Kreisler, 2005, Foto: Ekko von Schwichow

Foto: Ekko von Schwichow
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»In Wien ist Judenhass weit verbreitet«
Der Künstler Georg Kreisler über seine Heimat Österreich, Israel-Erfahrungen und den Kampf gegen Windmühlen
Das Gespräch führte Philipp Engel aus Jüdische Allgemeine, 25.04.2011:

Herr Kreisler, Sie haben Zeit Ihres Lebens mit Ihrer Heimat Österreich gehadert. Haben Sie jemals daran gedacht, dem Land den Rücken zu kehren und auszuwandern?
Nicht nur einmal. Wie jeder österreichische Künstler, der etwas taugt, reibe ich mich an meinem Land. Anfang der 70er-Jahre habe ich ernst gemacht und bin nach Israel gezogen. Ich wollte herausfinden, ob ich dort leben könnte.

Und, wie war es?
Ich besuchte in der Nähe von Jerusalem eine Schule für Einwanderer und lernte Hebräisch. Nach fünf Monaten musste ich feststellen, dass Israel für mich ein fremdes Land bleiben würde. Die Sprache, das Denken, das Klima – das alles war mir nicht wirklich nah, so dass ich schlussendlich zurück nach Österreich ging.

Würden Sie Ihr Verhältnis zu Österreich als Hassliebe beschreiben?
Es ist weder von Hass noch von Liebe geprägt. Ich wohne jetzt zum zweiten Mal in meinem Leben in Salzburg. Die Stadt entspricht ganz einfach meinen persönlichen Bedürfnissen. Es ist ein sehr musischer Ort, viele meiner Freunde leben hier.

Sind die Österreicher im Allgemeinen und die Wiener im Besonderen immer noch so antisemitisch, wie Sie es häufig in Ihren Liedern besungen haben?
Ich glaube, es ist immer ein Fehler, wenn man pauschal urteilt. »Die« Tiroler sind anders als »die« Salzburger und die wiederum sind anders als »die« Kärntner. Fakt ist aber auch, dass der Judenhass in Wien heute wie damals weit verbreitet ist. Ob es heute noch solche Ausschreitungen geben könnte wie 1938 nach dem »Anschluss« vermag ich nicht zu sagen. Der Antisemitismus war den Leuten damals sehr willkommen, endlich konnte man sich ausleben, endlich hatte man einen Sündenbock für die grassierende Armut. Heute ist der gesellschaftliche Wohlstand ein ganz anderer.

Als ich kürzlich mit Marcel Reich-Ranicki über seine Erinnerungen an die Zeit im Warschauer Ghetto sprach, sagte er, dass kein Tag vergehe, an dem er nicht daran denken müsse. Ist das bei Ihnen ähnlich?
So etwas vergisst man sein ganzes Leben nicht. Ich selbst habe erleben müssen, wie Juden auf Befehl mit Wurzelbürsten die Straßen schrubbten, während Wiener Bürger das Treiben mit höhnischen Kommentaren begleiteten. Ich hatte Glück und konnte die Straßenseite wechseln und bin weggerannt. In der Schule hatte ich weniger Glück. Wie alle Juden bin ich vom Gymnasium ausgeschlossen worden. Als der Direktor uns das mitteilte, mussten wir durch ein Spalier den Schulhof verlassen, von den anderen Schülern gab’s zum Abschied Schläge auf den Kopf.

Sie haben einmal gesagt, es seien diese Ereignisse gewesen, die Sie erst zum Juden gemacht haben.
Natürlich, der Antisemitismus machte aus mir einen bewussten Juden. Meine Eltern waren vollkommen assimiliert, und auch ich bin keineswegs ein frommer Mensch. Wenn man aber in so frühen Jahren mit einem derartigen Judenhass konfrontiert wird, wird man sich seines Judentums zwangsläufig bewusst. Ich erinnere mich, wie ich als Fünfjähriger einmal auf der Straße aus irgendeinem Grund geschrien habe. Da sagte meine Mutter: »Sei nicht so laut, wir sind Juden!«

Wie hat dieses Bewusstsein Ihre Texte, Ihre Musik geprägt?
Ich habe mich mit meiner jüdischen Identität beschäftigt, indem ich etwa die Platte »Lieder eines jüdische Gesellen« und die »Nichtarische Arien« aufgenommen habe. Das hätte ich vermutlich ohne diese Erfahrungen nicht getan.

Sie sagten vorhin, dass der Antisemitismus in Österreich immer noch virulent sei. Woran machen Sie das fest?
Ich werde noch heute benachteiligt und zuweilen gar als Nestbeschmutzer bezeichnet. Hier nur ein Beispiel von vielen: Meine Frau und ich waren vor einiger Zeit zu Weihnachten in der Steiermark eingeladen. Der Gastgeber, ein Freund von mir, war noch nicht da, nur dessen Gattin und ein Pfarrer. Die beiden haben alles dafür getan, damit wir so schnell wie möglich wieder abhauen. Wir haben nichts zum Essen und zum Trinken bekommen, obwohl sie selbst ein Weihnachtsmahl zu sich nahmen. Es war sehr deutlich, dass man uns nicht haben wollte.

Ignatz Bubis sagte kurz vor seinem Tod, er habe als Präsident des Zentralrats der Juden »fast nichts erreicht«. Wie fällt Ihre Bilanz aus, wenn Sie auf Ihr Werk zurückschauen?
Im Grunde genommen nicht viel anders. Dennoch müssen Vorurteile jeder Art bekämpft werden, denn hin und wieder bewirkt man doch etwas. Noch vor wenigen Jahrzehnten habe ich in den USA Hotels gesehen, in denen am Eingang stand: »Nur für Arier!« Heute ist es ein Schwarzer, der im Weißen Haus das Sagen hat – das ist doch großartig. Ich habe mich als Künstler stets gesträubt, mit Missständen zu arrangieren. Mittlerweile bin ich zu alt, um den Kampf gegen die Windmühlen aufzunehmen, dass müssen heute die Jüngeren erledigen.

Sie werden im nächsten Jahr 90 Jahre alt. Denken Sie oft über den Tod nach?
Zwangsläufig, ja. Wenn man nicht mehr ganz so jung ist, weiß man, dass man sterben wird. Wenn man so alt ist wie ich, ist man sich dessen sicher. Ich weiß, dass ich sterben werde – vielleicht schon bald.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Nein, überhaupt nicht. Generell regt man sich im Alter nicht mehr so sehr über Dinge auf. Früher hätte ich gegen die faschistische Regierung in Ungarn angeschrieben. Heute tue ich das nicht mehr, weil es sich wohl nicht mehr lohnen würde. Als junger Mensch denkt man da zum Glück anders.

[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur,  bestellt werden]

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