Georg Kreisler, 2005, Foto: Ekko von Schwichow

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1.) - 3.)

Georg Kreisler 89-jährig gestorben
Der Humanist mit den bösen Liedern: Der Letzte aus der Goldenen Ära des Nachkriegskabaretts ist gestorben.

Besprechung
von Werner Rosenberger aus Kurier, Wien, vom 23.11.2011:

Jeder kennt ihn als Epizentrum des Schwarzen Humors. Mit bösen und makaberen Liedern wie "Gemma Tauberln vergiften im Park", "Zwei alte Tanten tanzen Tango" oder "Der guate alte Franz" feierte Georg Kreisler - am Dienstag im 90. Lebensjahr in Salzburg gestorben - seit den 1950er-Jahren Erfolge.

Aber er wollte mehr sein - und war viel mehr: Kabarettist, Sänger, Schriftsteller, Regisseur, Komponist. . . In seinem Buch "Zufällig in San Francisco" entpuppte er sich zuletzt sogar noch als veritabler Lyriker.

"Dichterkomponistchansonnierpianist". Diese Berufsbezeichnung fand Hans Weigel 1955 für Kreisler. "Ich bin ein Träumer geblieben", sagte er zuletzt im KURIER-Gespräch. "Fast alles, was ich schreibe, hat mit Humanität zu tun. Dazu gehören die Toleranz, die Rücksichtnahme und vor allem die Liebe." Aber die Unzufriedenheit mit sich selbst blieb ihm bis zuletzt.

Scharfsinnig

1938 musste er aus Wien nach Amerika fliehen und lernte dort Charlie Chaplin und Hanns Eisler kennen. Bereits 1947 machte er erste Plattenaufnahmen auf Englisch in New York. Das Unverständnis der Amerikaner für seine Kunst war letztlich ein Glück für uns, weil es Kreisler 1955 zurück nach Österreich brachte. Die Zusammenarbeit mit Gerhard Bronner, Carl Merz und Helmut Qualtinger blieb ein kurzes Zwischenspiel.

Aus dem kritischen Unterhalter wurde bald ein politischer Kabarettist, der boykottiert, zensiert und aus dem Fernsehen verbannt wurde. Er schuf mit seinen skurrilen, spöttischen Chansons eine Art singbares österreichisches Weltkulturerbe. Von Wien, der Stadt, der er lebenslang in Hassliebe verbunden war, ging er nach Deutschland, später in die Schweiz und 2007 nach Salzburg.

Als Interpret seiner Lieder wollte er seit Jahren nicht mehr auftreten: "Ich finde es nicht gut, wenn ein alter Mann wie ich auf der Bühne sitzt und am Klavier beim Singen Grimassen schneidet. Das schickt sich nicht!"

Mit Sprachwitz, Scharfsinn und Kulturkritik glänzte er bis zuletzt. Und einige seiner Aussagen waren fast prophetisch: "Der Stumpfsinn mündet wieder in die Barbarei. Der Abstand zwischen Kapitalismus und Kannibalismus wird von Tag zu Tag kürzer." Persönlich berührend war sein Besuch nach 71 Jahren in der Wohnung seiner Eltern in der Wiener Neustiftgasse 119. Das konnte er bis ins hohe Alter nicht: "Einmal bin ich vor Jahren hingegangen, läutete, aber sagte nur: ,Entschuldigung, ich habe mich in der Tür geirrt.'" Erst vor zwei Jahren war er bereit, dorthin zurückzukehren, wo man ihn 1938 vertrieben hat.

Offener Brief

Per offenem Brief verbat sich Kreisler vor seinem 75. Geburtstag Gratulationen politischer Repräsentanten Österreichs, "weil sich die Republik Österreich in den über 40 Jahren, seit ich nach Europa zurückgekehrt bin, noch nie um mich geschert hat." Um anderswo anzumerken: "Heimat bleibt eben Heimat, auch wenn man mit ihr geschlagen ist."
Seine Tochter Sandra Kreisler monierte, in 60 Jahren sei niemand "auf die Idee gekommen, dem Emigranten Kreisler ehrenhalber seine österreichische Staatsbürgerschaft zurückzugeben".

Im Exil: Die Familie musste fliehen
Rechtsanwaltssohn Georg Franz Kreisler wurde am 18. Juli 1922 in Wien geboren. Sein Vater war der jüdische Rechtsanwalt Dr. Siegfried Kreisler. Er besuchte das Gymnasium Kandlgasse und lernte Klavier, Geige und Musiktheorie. 1938 musste er mit seinen Eltern vor dem Nazi-Regime fliehen.
Er unterhielt die Truppe Über Genua kam die Familie in die USA. Kreisler wurde 1943 amerikanischer Staatsbürger und für den Zweiten Weltkrieg zur US-Armee eingezogen. In England, wo er stationiert war, unterhielt er die Soldaten mit Veranstaltungen, die er teilweise mit Marcel Prawy schrieb.
ORF ändert Program
In memoriam Georg Kreisler ändern Ö1 und ORF 2 ihre Programme. Am Samstag (26.11.) steht "Diagonal - Zur Person" (17.05 Uhr in Ö1) im Zeichen Kreislers. Michael Schrott präsentiert das Porträt "Ich war ein Ausgestoßener" aus dem Jahr 2007. Am selben Tag zeigt ORF 2 um 23.30 Uhr mit "In memoriam Georg Kreisler" einen filmischen Nachruf. "Ernste Bedenken - Lieder und Gedanken zur Zeit" von Georg Kreisler sind in "Contra" am 27.11. (22.05 Uhr, Ö1) zu hören.

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Georg Kreisler, 2005, Foto: Ekko von Schwichow

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2.)

Nichtarische Arien
Abschied von Georg Kreisler
Von Michael Wuliger aus Jüdische Allgemeine, 23.11.2011:

Seine Melodien klangen freundlich und heiter. Die Texte nicht: Das Mädchen mit den drei blauen Augen, Gehn ma Tauben vergiften im Park, Zyankali Rock'n Roll – die Lieder hielten, was die Titel versprachen.

wien Dabei war Georg Kreisler privat ein freundlicher Mensch. Seine boshaften Seiten agierte er in seinen Songs aus. Seit er in den 50er-Jahren aus dem amerikanischen Exil nach Österreich zurückgekehrt war, attackierte der Kabarettist, Komponist und Schriftsteller die heile Welt des Bürgertums. Staatsbeamte, Pantoffelhelden, Spießer aller Art nahm er ins Visier – vor allem aber seine Wiener. Wie schön wäre Wien ohne Wiener mit der unsterblichen Zeile »Statt des Antisemitismus gäb es nur ein Antiquariat«, Der Tod, das muss ein Wiener sein – Kreisler hasste die Bewohner seiner Geburtsstadt, wie es nur einer konnte, der als 16-Jähriger nach dem Anschluss 1938 erleben durfte, wie zur allgemeinen Gaudi Juden unter Schlägen und Tritten gezwungen wurden, auf Knien mit Zahnbürsten die Wiener Trottoirs zu reinigen.

Die Kreislers hatten damals Glück: Ein Onkel in den USA besorgte ihnen Visa. Seinen amerikanischen Pass behielt Kreisler auch nach der Rückkehr nach Europa. Sicher ist sicher. Der Sohn einer assimilierten bürgerlichen Familie gehörte zu der Generation europäischer Juden, die durch die Nazis gezwungen waren, sich mit ihrer Herkunft näher zu beschäftigen.

»Das Judentum ist eine Behinderung, noch dazu eine, die sich offenbar vererbt«, hat der Satiriker einmal gesagt, um aber gleich ernsthafter fortzufahren: »Andererseits finde ich es eine Bereicherung: Man wird trotzig, was die Mitmenschen betrifft, und demütig in Bezug auf fast alles andere.«

skandal Vielleicht war es dieser Trotz, der Kreisler 1963 motivierte, als Erster in Deutschland nach der Schoa wieder witzige Lieder über Juden in sein Programm aufzunehmen. Die Nichtarischen Arien stießen erwartungsgemäß auf ein geteiltes Echo. »Darf man das jetzt wieder?«, fragte erstaunt-erschrocken ein Radioreporter des WDR. Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf protestierte ebenso heftig wie erfolglos.

Dabei waren Lieder wie Onkel Joschi und Der General nett und harmlos, verglichen mit anderen Kreisler-Songs, die dem Autor und Interpreten damals gelegentliche Funk- und Fernsehverbote eintrugen. Später hätten viele Sender gutes Geld für ein Georg-Kreisler-Liveprogramm gezahlt. Doch der gab seit 2001 keine Konzerte mehr. Statt Songs schrieb Kreisler Romane und komponierte Bühnenwerke wie das tragikomische Musical Adam Schaf hat Angst, das 2006 im Hamburger Schmidt-Theater mit Tim Fischer in der Hauptrolle uraufgeführt wurde.

Seine Abschiedstournee gab der inzwischen 89-Jährige dieses Jahr. Weil er den eigenen, extrem hohen musikalischen Ansprüchen nicht mehr glaubte genügen zu können, rezitierte er dabei nur seine Texte ohne Gesang und Piano. Am Dienstag ist Georg Kreisler in Salzburg gestorben. Einen wie ihn wird es nie wieder geben.

[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur,  bestellt werden]

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Georg Kreisler, 2005, Foto: Ekko von Schwichow

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3.)

Meister der punktgenau bösen Lieder - Georg Kreisler ist gestorben
Mit Schmäh und Taubengift

Besprechung von Arnold Hohmann in der Westf. Rundschau, 24.11.2011:

Austeilen konnte der Kabarettist und Liedermacher Georg Kreisler schon immer gut. In Gelsenkirchen können sie noch heute ein Lied davon singen, wie es die Stadt 1962 getroffen hat, als Kreislers Schmäh-Chanson auf die Reviergemeinde erstmals erklang. Als rußschwarze Analphabeten mit kurzer Lebenserwartung fanden sich die Bürger da von dem gebürtigen Wiener karikiert. Kreisler kannte sich aus, seine damalige Frau Topsy Küppers war zeitweise am Gelsenkirchener Musiktheater engagiert.

Mit "bösen" Liedern voll von makabrem Humor ist Georg Kreisler bekannt geworden. "Tauben vergiften im Park" wurde gar zum geflügelten Wort, dahinter türmen sich lustvolle Attacken auf Politik und Kunstbetrieb, Meinungen und Mentalitäten. So rechnet "Wie schön wäre Wien ohne Wiener" mit einer Stadt ab, die sich nach der Flucht der jüdischen Familie Kreisler 1938 in die USA nie angemessen um eines ihrer garstigsten Kinder gekümmert hat.

Kreisler kann auf einen Lebensweg zurückblicken, der viele Bücher füllen würde, er selbst hat nur eins draus gemacht. Da ist das Gastspiel als Musiker in Hollywood, wo der junge Künstler mit Charlie Chaplin ,an "Monsieur Verdoux" arbeitet. Da ist die Zeit als US-Soldat in Europa, wo Kreisler an "Erstverhören" deutscher Kriegsgefangener teilnimmt. Görings Antwort auf Vorhaltungen ("KZ? Das war gar nicht mein Bereich") könnte aus einem dieser furchtbar punktgenauen Kreisler-Chansons stammen. In den USA jedoch hatten bissige Lieder wie "Bitte, erschießen Sie ihren Gatten" noch weniger Chancen als später in Europa, wohin Kreisler 1955 endgültig zurückkehrte.

"Ich war und blieb der skurrile Außenseiter, ein Narr", schrieb der Mann mit der großen Hornbrille in seiner Autobiografie "Letzte Lieder". Kreisler, der auch Musicals komponierte, war kein Mann für die Massen, dazu waren seine Texte zu scharf. Doch wer seine Lieder mochte, verfiel ihrem bösen Charme. Zuletzt veröffentlichte Kreisler seine Romane und Gedichte im Berliner Verbrecher Verlag, was irgendwie auch passen will zu ihm. "Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod", hat er kürzlich in einem Interview gesagt, "so ein Pessimist bin ich nicht." Am Dienstag ist dieser herrlich scharfzüngige Begleiter unseres Lebens im Alter von 89 Jahren gestorben.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in www.westfaelische-rundschau.de]

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