Ursula Krechel, 2000, Foto: Ekko von Schwichow

Ursula Krechel
Foto: Ekko von Schwichow

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Interview mit Ursula Krechel
Ein Gespräch mit Ursula Krechel von Oliver Stenzel in den Kieler Nachrichten:

- Oliver Stenzel: Frau Krechel, obwohl Sie als Schriftstellerin nie die Konfrontation mit dem eigenen Werk gescheut haben, stellt ein dreitägiges Intensiv-Seminar doch eine besondere Herausforderung dar.

- Ursula Krechel: Es ist das erste Mal, daß mein Gesamtwerk in einem Seminar eine Rolle spielt, da fühlt man sich schon etwas geadelt. Ich war daher gezwungen, mich mit älteren Texten auseinander zu setzen und sie mit neuen Augen zu lesen. Dies im Hinblick auf die Möglichkeit einer Gesamtschau zu tun war eine reizvolle Aufgabe.

- Oliver Stenzel: Die feministische Perspektive, die Sie vor allem in den siebziger Jahren schreibend verfolgt haben, ist in der Folge immer mehr einer hochgradig poetischen Blickrichtung gewichen. Hat der zunehmende Verzicht auf ideologische Kontexte die Freisetzung dieser lyrischen Impulse erst ermöglicht?

- Ursula Krechel: Das trifft in gewisser Weise zu, wenngleich gerade in dieser Runde sehr deutlich wird, wie viele Kontinuitäten sich in meinem Werk finden lassen. Was den feministischen Standpunkt betrifft, so hat sich mein Interesse an der Lage der Frau immer mehr zu einem Interesse an der Lage der Menschen ausgeweitet. überdies ist ein Thema irgendwann auch einfach ausgereizt – hier weiter fortzufahren wäre ein voluntaristisches Vorgehen.

- Oliver Stenzel: Autoren wie Elfriede Jelinek oder Marlene Streeruwitz versuchen sich an der Neuformulierung feministischer Schreibweisen...

- Ursula Krechel: Gerade diese Schriftstellerinnen haben meines Wissens niemals praktische Arbeit in der Frauenbewegung geleistet. Ich dagegen habe mich politisch für die Rechte der Frau engagiert. Irgendwann ist es Zeit zu sagen: Ich habe mein moralisches Soll erfüllt. Heute spüre ich beispielsweise in meinen Essays den vergessenen weiblichen Kulturleistungen nach – man könnte das gewissermaßen als Verlagerung ansehen.

- Oliver Stenzel: Der Titel Ihres ersten Suhrkamp-Gedichtband lautete "Technik des Erwachens". Die Überprüfung der menschlichen Wahrnehmung mit poetischen Mitteln scheint ein wesentlicher Antrieb Ihres lyrischen Schaffens zu sein.

- Ursula Krechel: Das Dichten stellt für mich ein Denken mit anderen Mitteln dar. Und der programmatische Titel "Technik des Erwachens" steht für mich im Zusammenhang mit jeder Form von Illusionsverlust, aus dem eine permanente Aufmerksamkeit resultiert. "Erwachen" bedeutet, sich dieser dauernden Wahrnehmung zu stellen.

- Oliver Stenzel: Eine Schreibhaltung, die denkbar weit von Ihrer in einem Essay geschilderten Kindheitsvorstellungen entfernt ist, "unter dem Apfelbaum" zu sitzen und "pfundweise" Bücher zu schreiben ...

- Ursula Krechel: Ich habe damals tatsächlich gedacht, ein Werk wüchse beständig und irgendwie vorhersehbar. Tatsächlich weiß man aber nicht, wie das nächste Buch werden wird. Man überrascht sich selbst mit seinen Texten, man schenkt sie sich sogar. Mit der Zeit entsteht zwischen ihnen ein luftiges Netz, das sie zum Gesamtwerk eint.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.kieler-nachrichten.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0505 LYRIKwelt © Kieler Nachrichten/Dr.Oliver Stenzel