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Theodor Kramer, Foto: c Zsolnay, 2001Hieb auf den Kopf, Griff ans Geschlecht.
Sinnlichkeit, Melancholie und die Poesie des Plebejischen. Zum 50. Todestag des großen Lyrikers Theodor Kramer
Besprechung von Daniela Strigl aus Der Standard, Wien vom 28.03.2008:

Zu Fronleichnam 1939 war Theodor Kramer noch in Wien. "Wenige waren es, die Stellung nahmen/unterm Himmel, um zur Stadt zu gehen", gleichwohl zog man am Straßenrand den Hut: "Manche kannten nur vom Hörensagen/noch den Umgang; doch dem baren Haar/tat es wohl, daß selbst in diesen Tagen/irgend etwas manchen heilig war."

Dieses Gedicht des unverdrossenen Patrioten hat Marlene Streeruwitz bei einer Umfrage der Zeitung Politiken 2004 als "Typisches Gedicht" für ihr Österreich genannt – ein Indiz dafür, dass Kramer, der mit seiner Emigration nach England im Sommer ’39 dem kollektiven Gedächtnis nach und nach abhanden gekommen war, es inzwischen zu späten Klassiker-Ehren gebracht hat. In den Schullesebüchern war er freilich längst beispielhaft vertreten, mit zwei Gedichten, die die schleichende Verengung des persönlichen Spielraumes der Verfolgten bis hin zur Bedrohung des Lebens in der angeschlossenen Ostmark unnachahmlich schlicht vorführen: "Wer läutet draußen an der Tür" und "Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan": "Ich fahr wie früher mit der Straßenbahn/und gehe unbehelligt durch die Gassen;/ich weiß bloß nicht, ob sie mich gehen lassen." In diesem Psychogramm der Angst spricht Kramer von sich selbst, wenn er "ich" sagt, eine weitverbreitete lyrische Sitte, für ihn jedoch ein Luxus, den er sich nur in Zeiten größter Not – er unternahm 1938 einen Selbstmordversuch – leisten zu dürfen glaubte.

Kramers Domäne war das Rollengedicht, er sprach "Für die, die ohne Stimme sind". Schon in seinem ersten Gedichtband Die Gaunerzinke (1929), der ihm den Durchbruch bescherte, schlüpfte er so perfekt in die Haut eines Taglöhners, Zimmermalers, Steinbrechers, Bäckerbuben oder Vagabunden, dass Interpreten ihm derlei Berufe biografisch andichteten. Tatsächlich wurde Kramer, 1897 in Niederhollabrunn im Weinviertel als Sohn des Gemeindearztes geboren, im Krieg verwundet, studierte vier Semester Germanistik, versuchte sich im Buchhandel und dann, erfolgreich, als freier Schriftsteller. Um 1930 war er berühmt.

Die Gaunerzinke, deren gereimte Strophen heute den Hautgout des Herkömmlichen haben, erschien den Zeitgenossen aufregend neu: Da war einer, der sich vom (eigenen) überhitzten Spätexpressionismus abwandte und "mit verstaubten Stiefeln, kotbespritzten Hosen in die gute Stube der Poesie" tappte (Carl Zuckmayer). Kramers empathischer Realismus, seine Parteinahme für die Menschen am Rand brachte eine Art "Neue Sachlichkeit" mit Seele hervor – und mit ganz eigener Bildgebung.

Kramer wollte Gedichte schreiben, "die wie ein Rasiermesser aus Solinger Stahl mit einem einzigen Schnitt die Gurgel durchschneiden. Ein Hieb auf den Kopf, ein Griff ans Geschlecht, ein Tritt in den Hintern." Er wollte das Themenfeld des Lyrischen erweitern, "die ganze Breitseite des Lebens" darstellen, was ihm spätestens mit dem Band Mit der Ziehharmonika (1936) auch gelang. Kramers anarchische Rebellen provozierten die Rechten, seine suggestiven Landschafts- und Bauerngedichte gefielen ihnen; den Austromarxisten war wiederum seine unideologisch nüchterne Weltkriegslyrik ein rotes Tuch. Nicht nur als früher Chronist der Umweltzerstörung misstraute Kramer dem Fortschritt. Als Jude ohne Religion, als Heimatdichter ohne Blut-und-Boden-Komplex, als Sozialist ohne Eignung zur Propaganda saß Kramer schon in der Ersten Republik zwischen allen Stühlen.

In England, wo er als Bibliothekar sein Leben fristete, wurde er nicht heimisch. Einen Band mit dem allzu aufrichtigen Titel Lob der Verzweiflung wollte im Nachkriegsösterreich keiner drucken. Erst 1957 kehrte Theodor Kramer als kranker Mann nach Wien zurück, wo er ein halbes Jahr später starb. Sein Erbe: 12.000 Gedichte. Eine Welt, in der der "schwarze Wein" gedeiht: Sinnlichkeit, Melancholie und die Poesie des Plebejischen.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.derstandard.at/kultur]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0308 LYRIKwelt © D.S./Der Standard

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2.)

Theodor Kramer, Foto: c Zsolnay, 2001Heimatloser Heimatdichter
Zum 50. Todestag wird des Lyrikers Theodor Kramer am Donnerstag im Literaturhaus Salzburg gedacht
Besprechung von dog aus Der Standard, Wien vom 19.06.2008:

Zeitlebens saß Theodor Kramer zwischen allen Stühlen. Da half es auch nicht, dass Großschriftsteller wie Thomas Mann, Stefan Zweig und Carl Zuckmayer die Bücher des österreichischen Lyrikers ausdrücklich empfahlen. Der Sohn eines jüdischen Gemeindearztes kam 1897 im niederösterreichischen Hollabrunn zur Welt.

Im 1. Weltkrieg wurde er schwer verwundet: Die Kriegserlebnisse sowie ausgedehnte Wanderungen in Niederösterreich und dem Burgenland spiegeln sich in seinen frühen Gedichten. Ohne romantische Züge schreibt er über die heimische Natur und gesellschaftliche Außenseiter - Proletarier, Vagabunden, Tagelöhner, Ziegelbrenner, Knechte und Huren.

Eigentlich ist Kramer ein genuiner Heimatdichter, dennoch wurde der überzeugte Sozialdemokrat von allen Seiten bekämpft. Den Christlich-Sozialen galt seine Darstellung der Unterschicht als zu fortschrittlich, die austromarxistischen Parteigenossen verunglimpften ihn als Spießer. Nach dem Einmarsch der Hitler-Truppen blieb Kramer - obwohl seine Bücher von den Nazis verboten worden waren - bis zum letztmöglichen Augenblick in Österreich. Erst im Juli 1939 emigrierte er nach England, wo er mit Schicksalsgenossen wie Hilde Spiel, Elias Canetti und Erich Fried in Kontakt stand.

1957 wurde der weithin vergessene Dichter nach Österreich zurückgeholt, wenig später, am 3. April 1958, starb er in Wien. Aus Anlass des 50. Todestages steht der heutige Abend unter dem Titel "Andre, die das Land so sehr nicht liebten ..." ganz im Zeichen Theodor Kramers: Michael Baumann, Georg Clementi und Akkordeonistin Sigrid Gerlach-Waltenberger zeichnen für eine poetisch-musikalische Hommage verantwortlich, zudem wird Brita Steinwendtners Filmporträt "... für die, die ohne Stimme sind" gezeigt. Einleitung und Moderation vom Salzburger Germanisten Karl Müller.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.derstandard.at/kultur]

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