„Es war für uns fast wie ein Gehirnschlag“
Der ungarische Schriftsteller György Konrád erinnert sich an den Volksaufstand
vor 50 Jahren
Interview von Wolf
Scheller in den Nürnberger
Nachrichten vom 19.10.2006:
Mit einer Großdemonstration
in Budapest begann am 23. Oktober 1956 der Aufstand der Ungarn gegen die
kommunistischen Machthaber. Imre Nagy bildete eine neue Regierung und verkündete
den Austritt des Landes aus dem Warschauer Pakt. Einmarschierende Sowjettruppen
schlugen den Volksaufstand blutig nieder. Der ungarische Autor György Konrád
war Augenzeuge der tragischen Ereignisse vor 50 Jahren. Er wurde 1933 als Sohn jüdischer
Eltern in Debrecen geboren.
Herr Konrád, wie ist Ihre Erinnerung an den Aufstand in Budapest?
György Konrád: Diese zwölf Tage sind in meinem Gedächtnis geblieben. Ich saß
damals in der Redaktion einer politisch-literarischen Zeitschrift, die war
kritisch, auch polemisch und war erst kurz zuvor gegründet worden. Die erste Ausgabe
sollte am 23. Oktober 1956 erscheinen. Natürlich klappte das nicht. Die
Ungarn waren mit anderen Themen beschäftigt an diesem Tag. Und alles, was wir
in dieser ersten Nummer veröffentlichen wollten, war schon von der Geschichte
überholt. Ich war der Jüngste in der Redaktion und mit dem Redigieren von
irgendwelchen Gedichten beschäftigt. Das war ziemlich langweilig angesichts der
Aufgeregtheit in diesen Tagen. Ich hatte überall Freunde in der Stadt, und wir
wussten nicht, ob die Behörden unsere Demonstrationen auch genehmigen würden.
Die Studenten wollten bei diesen Demonstrationen ihr Mitgefühl, ihre Solidarität
mit den polnischen Studenten ausdrücken, die zuvor an den gewaltsamen Protesten
in Posen teilgenommen hatten. Es war eine revolutionäre Tradition, für die
Polen Sympathie zu haben.
Haben die Ungarn Polen damals als Vorbild gesehen?
Konrád: Ja und Nein. Ja, weil sich in Polen schon eine Bewegung formiert hatte,
die Chruschtschow dazu zwang, nach Warschau zu reisen. Gomulka wurde dann
Generalsekretär der polnischen KP. Es war also eine neue reformkommunistische
Bewegung auf dem Weg zur Macht. Wir Ungarn erhofften für uns dasselbe.
Andererseits: Das Volk war nicht so weise oder so politisch erfahren wie das
polnische. Hier gab es keinen Gomulka, Imre Nagy war eben ganz anders, und die
Russen wollten nicht noch einmal solch eine Ausnahme wie in Polen ermöglichen.
Ich weiß nicht, warum: Aber diesem Modell wollte man in Ungarn nicht folgen.
Man könnte vielleicht sagen: Der Aufstand in Ungarn war heroischer, aber das
Leben in Polen ist während der späten fünfziger und dann sechziger Jahren
besser geworden. Die Stimmung war gut. In Ungarn aber war es eine Vergeltung.
Was haben Sie als junger Mensch empfunden, als der Aufstand von der sowjetischen
Armee niedergeschlagen wurde?
Konrád: Ich dachte, das würde alles vorbeigehen. Ich war damals bereits ein Möchtegern-Romancier.
Ich wusste zum Beispiel, dass auch der Freiheitskampf der Ungarn im 19.
Jahrhundert gescheitert war. Den Ungarn war es auch damals nicht gelungen, ihre
Unabhängigkeit zu bekommen. Und den Habsburgern hatte damals auch der russische
Zar geholfen, der eine riesige Armee geschickt hatte. Ich dachte, es wird jetzt
schwerer, später wieder etwas leichter werden. Aber ich interessierte mich dafür,
wie diese Stadt Budapest jetzt reagieren würde . . . und
darum bin ich geblieben. Fast 200 000 Ungarn sind damals weggegangen, das
ist viel für ein kleines Volk. Es war die Elite, die aus dem Land geflohen ist.
Haben Sie es für möglich gehalten, dass das kommunistische System einmal gestürzt
werden könnte?
Konrád: Ich hoffte auf eine Lösung wie in Österreich nach 1945, also auf
einen Staatsvertrag, der den Ungarn die Neutralität und damit die Unabhängigkeit
garantierte. Ich habe nicht gedacht, dass das sowjetische Imperium
zusammenbrechen würde. Das war damals doch sehr stark.
Haben sich die Ungarn vom Westen im Stich gelassen gefühlt?
Konrád: Natürlich. Das war ein verbreitetes Gefühl, weil zum Beispiel Radio
Free Europe dumme Kommentare sendete und die Ungarn ständig aufhetzte gegen die
Regierung von Imre Nagy und seine Kompromissformeln. Und sie versprachen auch,
dass die USA helfen würden. Man hoffte auch auf die Hilfe der Uno. Wir dachten,
dass irgendein Reformkommunismus zustande kommen könnte. Die Leute wollten
Sozialismus haben und zugleich eine freie parlamentarische Demokratie.
Es gibt Historiker, die einen der Gründe für den Volksaufstand von 1956 in der
Niederlage der ungarischen Fußballnationalmannschaft 1954 in Bern sehen.
Konrád: Ich kenne diese These. Sie ist lustig, aber nicht ganz historisch begründet.
Aber Tatsache ist, dass nach dieser Niederlage viele Leute auf der Straße
waren, verschiedene Losungen riefen und auf die Fußballer und diejenigen
schimpften, die die Mannschaft so zusammengestellt hatten.
Fünfzig Jahre danach. Wie denken Sie heute über den Aufstand.
Konrád: Man kann sehr unterschiedliche Gefühle haben, man kann diese
Ereignisse auch realpolitisch betrachten. Es war eine brutale Niederlage mit
Vergeltungen, bei der 700 bis 800 Menschen hingerichtet wurden, fast alles junge
Leute. Wenn ich später bei meiner Tätigkeit als Sozialarbeiter zu Familien kam
und fragte, wo ist der Vater, dann wurde oft gesagt: Der wurde hingerichtet -
oder er ist weggegangen. Es war ein großer Schlag, fast ein Gehirnschlag.
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