Bis an die Zähne mit
Geist bewaffnet
Ein Leben fürs
Argument: Der aufrechte Schriftsteller György
Konrad wird heute 75.
Von Jens Dirksen in der NRZ vom 2.4.2008:
Man staunt so gern über György
Konrad, weil sein Erfolg so unwahrscheinlich ist. Seine Romane sind an der
Avantgarde geschult und trotzdem lesbar, auch ohne geheimwissenschaftliche
Kenntnisse in fortgeschrittener Literaturtheorie. Noch unwahrscheinlicher aber
ist, dass einer, der nur aufrecht und beharrlich an seinen vernunftgeleiteten
Einsichten festhält, am Ende als Sieger vom Platz geht - in einer gefestigten
Diktatur wie in einer gefährdeten Demokratie.
Zum Überleben brauchte György Konrad, der heute vor 75 Jahren im ostungarischen
Berettyóújfalu als Sohn eines jüdischen Eisenhändlers zur Welt kam, zunächst
einmal unwahrscheinlich viel Glück. Die meisten seiner Verwandten und
Klassenkameraden kamen im Völkermord der Nazis um, Konrad entging nur knapp der
Deportation nach Auschwitz.
Sozialarbeiter und Stadtplaner
Nach dem Krieg studierte er Literatur, Soziologie, Psychologie und wurde -
Sozialarbeiter. Und Stadtplaner. Und sog binnen weniger Jahre mehr soziale
Wirklichkeit ein als andere Autoren in einem ganzen Leben. Der Volksaufstand von
1956 sah den angehenden Soziologen dann auf der Seite der Reformsozialisten um
Imre Nagy, wie er mit einer Maschinenpistole durch das umkämpfte Budapest
stapfte. Die Waffe, erinnerte Konrad sich später, "trug ich eher wie ein Bürger
seinen Regenschirm, der ja gebraucht werden könnte, sicher ist sicher".
Auch nach der Niederschlagung des Aufstands blieb der Dissident Konrad stur
dabei, das auszusprechen und zu schreiben, was er erkannt hatte - egal, ob es
politisch genehm war. Stets im festen Vertrauen auf die Überlegenheit des
Arguments. "Antipolitik" nannte er das später in seinem gleichnamigen Essayband.
Schikanen waren die Folge, aber keine Einschüchterung. Veröffentlichungsverbote
umging der bis an die Zähne mit Geist bewaffnete Konrad, indem er zunächst im
Untergrund und dann auch im Ausland publizierte.
Heute ist der Bürger Konrad eine Institution, die mit allen erdenklichen
Auszeichnungen aus ganz Europa dekoriert ist, vom Friedenspreis des deutschen
Buchhandels bis zum Karlspreis. Der Essayist
Karl-Markus Gauß meinte gar, er wäre "zweifellos unser aller Kandidat, wenn
es darum ginge, für die Vereinigten Staaten von Europa den geeigneten
Präsidenten zu wählen".
Von 1990 bis 1993 war Konrad Präsident des Internationalen P.E.N.-Clubs, und
vier Jahre später ereignete sich dann eine weitere Unwahrscheinlichkeit im Leben
des György Konrad: Er wurde Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der
Künste, bis 2003. Es wird schon nicht die letzte gewesen sein. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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