1.) -2.)
Romanfigur seines eigenen
Lebens
100. Geburtstag: Die Münchner
Stadtbibliothek ehrt Wolfgang
Koeppen mit einer Ausstellung
Von Stephan Schwarz aus dem Münchner
Merkur, 13.03.2006:
Zeit seines Lebens war Wolfgang Koeppen ein großer Bewunderer des venezianischen Grafikers und Architekten Giovanni Battista Piranesi. Dessen "carceri", Radierungen verschlungener, sich im Unendlichen verlierender Verließe, erinnerten ihn an die irritierende Vielschichtigkeit seines eigenen Schreibens und Lebens.
Einen jener labyrinthisch düsteren
Fantasiekerker Piranesis, als Riesenfoto torförmig aufgestellt, passiert der
Besucher mit der Rolltreppe und landet geradewegs, so will es scheinen, in
Wolfgang Koeppens Kopf. Wo das? In der Glashalle des Gasteig, wo die Münchner
Stadtbibliothek ihre große Ausstellung zum hundertsten Geburts- und zehnten
Todestag des Schriftstellers präsentiert. "Ich wurde eine
Romanfigur", sagte der Autor von "Das Treibhaus" und "Tauben
im Gras" über sich selbst, und so lautet auch das Motto der Präsentation.
Ein Satz, der Wesentliches über die Persönlichkeit Koeppens mitteilt,
insbesondere über das eigenartige Mischverhältnis von Leben und Werk. Hierin
sehen die beiden Ausstellungsleiterinnen Sabine Kinder und Ulrike Steierwald
auch ihren konzeptionellen Leitfaden: Die weitgehend unkommentierte
Gegenüberstellung von Selbstreferenz und widersprechendem Material zeigt, wie
unscharf die Trennlinie zwischen Fiktionalem und tatsächlich Erlebtem im Falle
Koeppens verläuft.
Diese Widersprüche ohne vorgegebene Wertung aufzuzeigen, ist eine der
besonderen Qualitäten der durchdachten Ausstellung. Sie erlaubt dem
unbefangenen Besucher, sich sein eigenes Bild zu machen. Heikle Aspekte werden
nicht ausgespart, die skandalösen Begleitumstände zu Koeppens letzter
Romanveröffentlichung "Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem
Erdloch" etwa, einem Buch, das er 1948 bereits lektoriert hatte, das aber
keineswegs von ihm stammte, oder die nachträgliche Stilisierung seines Lebens
während der Nazizeit. Unverzichtbare Vermittler sind dabei die sorgfältig
ausgewählten Exponate, die vom Koeppen-Archiv in seinem Geburtsort Greifswald
zur Verfügung gestellt wurden.
Jenseits der klassischen Vitrine, die nur noch als ironisches Zitat auftaucht,
werden die Gegenstände in Augenhöhe hinter Glas und vor rot lackierter
Rückwand präsentiert. Neben Büchern, handschriftlichen Notizen und anderen
eher handlichen Exponaten kann man die Schreibmaschinen des Autors sowie einige
Typoskripte bestaunen sowie audiovisuelle Installationen rund um Leben und Werk.
Bekannte Schauspieler und Sprecher wie Jens Harzer und Achim Höppner haben
daran mitgewirkt. Höhepunkte sind sicher das originale "Treibhaus"-Manuskript
samt handschriftlicher Änderungen von Koeppen und ein Nachbau seines
Arbeitszimmers im eigens dafür vorgesehenen Pavillon - natürlich mit den
Originalmöbeln, die auch auf einer vergrößert ausgestellten Fotostrecke von
Nomi Baumgärtl zu sehen sind. Originell in Szene gesetzt: ein Filmausschnitt
aus einer eher unbedeutenden UFA-Produktion der frühen Vierzigerjahre, Drehbuch
von einem gewissen Wolfgang Koeppen.
Das von Bühnenbildnerin Julia Rogge und Architekt Rainer Ilg entwickelte
künstlerische Konzept nutzt das Widrige des Raums zu seinen Gunsten, schafft
korrespondierende Bereiche, die den Lebensachsen des Wolfgang Koeppen
entsprechen: von Ost nach West, von Greifswald und Masuren, den Orten der
Kindheit, über Stationen in Berlin und im Ausland nach München, wo der
Schriftsteller bis zu seinem Tod am 15. März 1996 über fünfzig Jahre lebte.
Bis 25. Juni, täglich 8-23 Uhr, Eintritt frei.
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2.)
Schweigend zum Mythos
Wolfgang Koeppen, das große Rätsel der
Nachkriegsliteratur, wäre heute 100.
Von Jens Dirksen aus der NRZ vom 22.6.2006:
Ich bin ein gewandter Lügner, das fordert der Beruf" - Wolfgang Koeppen muss sich zuweilen wie der Bruder von Felix Krull gefühlt haben. Seit Mitte der fünfziger Jahre bis zu seinem Tod 1996 hatte er fortwährend vom nächsten Roman gesprochen - und vertröstete seinen Verleger, der ihm all die Jahre Wohnung, Gehalt und am Ende auch die Pflegekosten zahlte, ein ums andere mal. Durch den Roman, der nie erschien, ist Koeppen zu einem großen Mythos der deutschen Literatur geworden - größer, als er es durch jedes Buch hätte werden können. Drei Erfolge im Stakkato - und dann Funkstille Dabei war der Schriftsteller Koeppen schon den meisten seiner deutschen Kollegen der Nachkriegszeit überlegen. Fast im Jahrestakt erschienen drei Romane, die ihn zum ersten großen literarischen Durchleuchter der jungen Bonner Republik machten: "Tauben im Gras" (1951), "Das Treibhaus" (1953) und "Der Tod in Rom" (1954). Sie zeigten ein Land, in dem Bauten und Ruinen abgerissen, alte Mentalitäten und Machtverhältnisse aber wieder aufgebaut wurden. Die Reaktionen mancher Zeitgenossen waren die von ertappten Kindern; die Kritik, aus der konservativen Ecke zumal, geriet mitunter ins Geifern und Schäumen. Aber Marcel Reich-Ranickis Erklärung, diese Kritik habe den "Fall Wolfgang Koeppen", diese unerreichte Schreibblockade ausgelöst, ist zu simpel. Er ist der Fall eines Deutschen der Moderne.
Als er am 23. Juni vor 100 Jahren in Greifswald zur Welt kam, war Wolfgang Koeppen der Sohn eines Augenarztes. Und nach dem Gymnasium auch Schiffskoch, Kino-Platzanweiser, Schauspieler, Eis-Hersteller in St. Pauli und, ab 1931, dann Redakteur beim "Berliner Börsen-Courier". Er, der vor den Nazis nach Holland geflohen war, kehrte aus Geldmangel wieder nach Deutschland zurück, um sich als Drehbuchautor "beim Film unterzustellen". Nach dem Krieg, als andere ihr Heil in einer knappen, lakonischen Reporterprosa a la Hemingway suchten, schrieb Koeppen gekonnt die europäische Moderne fort, mit Montage- und Collagetechniken, die er bei den Lehrmeistern Döblin und Joyce gefunden hatte. Das selbstzerstörerische Prinzip der Moderne aber verlangt, dass jeder Roman radikaler, gewagter, kunstvoller geraten muss als der vorherige. Zu den Skrupeln, die ihm die deutsche Gegenwart und die Vergangenheit einjagten, wuchsen in Wolfgang Koeppen die künstlerischen. So wich er auf konventionelle Formen aus und schrieb aufmerksame, eingängige, schöne Reiseberichte. Und kümmerte sich um seine Frau, die wüst trank. Nach ihrem Tod 1984 wucherte Koeppens großbürgerliche Wohnung an der Isar in München immer weiter zu, nicht nur wegen der Zeitungsberge. In all dem Material kam dem Verzweifelten irgendwann die Idee, einen "Roman aus lauter Anfängen zusammenzusetzen". Er hatte davon so viele wie kaum ein zweiter Schriftsteller im Lande, sein Nachlass quillt über vor Plänen und Entwürfen, und auch die Titel seiner Romantrümmer sind längst bekannt: "Tasso", "Ein Maskenball", "Das Schiff", "Starnberg", "Vorkrieg", "Krieg", "Nachkrieg", "Kein Land", "In Staub mit allen Feinden Brandenburgs", "Die Scherzhaften", "All unsere Tränen"..... Ein buntes Geburtstagsfest will man Wolfgang Koeppen heute in Greifswald ausrichten. Vielleicht auch, um anzufeiern gegen das, was er sich schon als kleiner Junge auf einem Schild an die Zimmertüre hängte: "Herr Tod, Literat".
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