Thomas Kling, 2001 (Foto:©Ute Langanky)Lungenschacht wird Ich.
Zum Tod des Lyrikers und Performancekünstlers Thomas Kling, der nur 47 Jahre alt wurde.
Von Ina Hartwig in der Frankfurter Rundschau, 4.4.2005:

Halb Dada, halb in Uniform:

Das ist eine schreckliche Nachricht: Thomas Kling, der Dichter, ist im Alter von 47 Jahren gestorben. Er wurde nicht nur aus dem Leben gerissen, sondern aus einem Werk, das längst groß, aber noch lange nicht vollendet war. Das neueste Buch von Thomas Kling, Auswertung der Flugdaten (bei DuMont), hat einen Preis noch vor seiner Auslieferung bekommen, und es wurde auf den ersten Platz der SWR-Bestenliste gesetzt. In der Branche wusste man, dass Thomas Kling sterben würde. Er war an einer schweren Form von Lungenkrebs erkrankt und sprach darüber mit einer Deutlichkeit und Offenheit, die dem Gesunden enormen Respekt abforderten. Da war eine erloschene, nur mehr keuchende Stimme, die darum bat, "auch in diesen schweren Zeiten zusammenzuhalten". Dass seine Stimme, die einmal so markant, so sanft und kräftig, so sicher und poetisch gewesen war, auf dem Anrufbeantworter erschien, passt zu Thomas Kling. Die Historie der Apparate - und ihre semantischen Verschaltungen - waren ein seine Dichtung begleitendes Grundsujet.

In dem neuen Band Auswertung der Flugdaten - zusammengesetzt aus Gedichten und Essays und gewidmet seiner Frau, der Künstlerin Ute Langanky - spricht oder besser "singt" der Dichter von seiner tödlichen Krankheit. "Gesang von der Bronchoskopie" heißt der eröffnende Zyklus; darin finden sich Verse, die unbedingt gewillt zu sein scheinen, die Panik zu bändigen: "jetzt ist es. Jetzt werd ich:/zum schacht, zum lungen-/schacht wird ich." Der Angst hat Thomas Kling unter anderem mit dem Lokalkolorit des rheinischen Krankenhauses beizukommen versucht: "So war dat aber/bestemmp! Schwester!/ Häär Dokteer!//Aber so war dat -/Dat war so - so war dat -/Zu Neuss am Rhein."

In Neuss lebte der 1957 in Bingen geborene Schriftsteller seit 1994, nach Aufenthalt in Finnland. Er hatte in Düsseldorf, Wien, und Köln gewohnt. Am Niederrhein ließen sich Thomas Kling und Ute Langanky auf einer in eine Künstlerenklave verwandelten, ehemaligen Raketenstation nieder, wo es still ist, außer am frühen Morgen, wenn die Tiere schreien. Seinen ersten Gedichtband veröffentlichte Kling schon als Abiturient, 1977. Es folgten etliche weitere, darunter "erprobung herzstärkender mittel (1986), geschmacksverstärker (1989), brennstabm. gedichte (1991) Ininerar (1997), wolkenstein. mobilisierun' (mit Ute Langanky, 1997), Fernhandel (1999), Botenstoffe (2001) und Sprachspeicher (2001), letzteres eine Zusammenstellung von deutschsprachigen Gedichten vom achten bis 20. Jahrhundert. Kling wurde mit etlichen Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Else-Lasker-Schüler-Preis und dem Ernst-Jandl-Preis.

Nicht nur ein originärer Dichter war er, sondern auch ein Performance-Künstler sondergleichen, Stimme und Körper beim Vortrag einsetzend. Kling war einer jener Dichter, die nicht nur Text, sondern Klang produzierten; seine Stimmführung war nahezu Musik, hart, künstlich spröde, halb Dada, halb in Uniform. Er benutzte die Kleinschreibung, ohne dogmatisch zu wirken. Die Kriege interessierten ihn, ohne dass er sie verehrte. Literarisch müsste man ihn wohl zwischen einer radikalen Avantgarde und einer radikalen Traditionsverbundenheit ansiedeln. Kling liebte die Barockdichtung genauso wie die Scherze der Wiener Schule; das Alltagsgebrabbel genauso wie den hohen Ton. Konservativ war er nicht, aber zutiefst elitär. Eine besondere Neigung galt der Antike und dem ebenfalls in Bingen geborenen Dichter Stefan George, den er gewissermaßen modernisierte, entschlackte beziehungsweise "updatete": "George hasste (...) auch in der Sprache alles Barocke. Das formal Durchgestylte hielt ihn und seinen Kreis zusammen." Klings George war ein Gastwirtssohn, trank gern und sprach den Dialekt des Rheingaus. Er hat nicht sich George angepasst, sondern umgekehrt: George sich. Selbstbewusst war er nämlich, der Thomas Kling.

Im persönlichen Gespräch kompromisslos bis zur Schärfe, war Thomas Kling jedoch niemals kalkulierend. Er war ein Schelm, ein Spieler, ein virtuoser Sprachkünstler, ein Autodidakt und Gelehrter und einer der aufgeschlossensten Menschen unter den heutigen Dichtern. Im Kreiskrankenhaus Dormagen starb Thomas Kling am Freitag Nachmittag, seine Frau war ihm zur Seite. Als trauriger, als todtrauriger Schelm - "so war dat" - hat er sich im Gesang von der Bronchoskopie kurz vor seinem Tod selbst nachgerufen. Er wird uns fehlen.

[...diesen und weitere Artikel finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0504 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau