|
|
| Repro: Doris Poklekowskii www.foto-poklekowski.de |
Der Dichter, dem auf
Erden nicht zu helfen war
Rechtzeitig zum 200. Todestag Heinrich von
Kleists wird die nationale Gedenkstätte in Berlin neu gestaltet
Besprechung von Roland Mischke in den Nürnberger
Nachrichten vom 6.01.2011:
2011 wird ein Kleist-Jahr: Vor 200 Jahren ist der Dichter des „Zerbrochnen Krugs“ mit seiner Gefährtin aus dem Leben geschieden. In diesem Jahr erinnern viele Inszenierungen, Ausstellungen und neue Bücher an Heinrich von Kleist (1777—1811).
Die Umstände sind erbärmlich. Zum Ort, an dem sich Heinrich
von Kleist am 21. November 1811 tötete, weist eine verkitschte Bronzetafel am
S-Bahndamm nahe der Station Berlin-Wannsee. Der Weg führt durch eine Sackgasse
mit Ruder- und Segelclubhallen, dann über einen kurzen, verwilderten Waldweg
hinab zu einem Plateau am Kleinen Wannsee. Der Gedenkstein dort stammt aus
nationalsozialistischer Zeit, auf ihm steht eine Zeile aus dem letzten Drama
„Der Prinz von Homburg“ des unglücklichen preußischen Offiziers: „Nun, o
Unsterblichkeit, bist du ganz mein.“
Daneben eine schlichte Grabtafel für Henriette Vogel, Kleists Geliebte, der er
auf ihren Willen hin mit einem Schuss die Brust zerfetzte, bevor er sich mit der
Waffe, die er sich in den Mund schob, aus dem Leben beförderte. Das ist eine
nationale Gedenkstätte, ein Wallfahrtsort für Kleist-Fans, umspült von grauem
Wasser, im Gestrüpp flattern zerfetzte bunte Plastiktüten im Wind,
zurückgelassen sind Grillreste und Hundekot.
Seit Jahren wird die Umgestaltung des Kleist-Grabs am Kleinen Wannsee angemahnt,
aber es fehlte an Geld. Nun hat die Cornelsen Kulturstiftung 500.000 Euro zur
Verfügung gestellt, es fördern auch die Kleist-Gesellschaft und die
Bundeskulturstiftung, die 2011 zum Kleist-Jahr ernannt hat.
Landschaftsarchitektonisch wird die kleine Anhöhe umgewandelt, neue
Informationstafeln informieren über die Geschichte des Ortes, sollen aber „nicht
nur die Lebens- und Todesgeschichte des Dichters und seiner Gefährtin erläutern,
sondern auch den vorhandenen Grabstein aus der NS-Zeit kommentieren“, so Berlins
Kulturstaatssekretär André Schmitz.
Die Hitlerzeit wollte Kleist ideologisch vereinnahmen, die
seinerzeit gesetzten Spalier-Pappeln um das Grab verdorrten. Dass Kleist und die
verheiratete, krebskranke und todessüchtige Henriette an diesem Platz unter
riesigen Eichen und Ahorn gestorben sind, ist durch Zeugen belegt. Nach den
Schüssen, die im nahegelegenen Gasthof „Neuer Krug“ Aufmerksamkeit erregt
hatten, waren sofort Ärzte und Untersuchungsbeamte herbeigeholt worden. Sie
fanden auch die handgeschriebenen Abschiedsbriefe.
Sicher ist, dass Kleist, wie von ihm und „Madame Vogel“ gewünscht, mit seiner
Gefährtin in zwei Särgen am Sterbeort beerdigt worden ist. Ob genau an der
Stelle vor dem heutigen Geländer, ist umstritten. Die Beerdigung hier war eine
Notlösung, Selbstmörder durften nicht in geweihte Erde.
Kleist wollte der Souverän seines Lebens sein, selbst über sein Schicksal
entscheiden. Nachdem sein Lebensplan in sich zusammengefallen war und er
verzweifelte, war die Selbsttötung die konsequente Folge. Ausschlag gegeben
haben soll, dass er nach Würzburg gegangen war, um die Vorhautverengung an
seinem Penis operativ verändern zu lassen, was nicht zufriedenstellend gelang.
Da war das Maß voll.
Er, „dem auf Erden nicht zu helfen war“, wie er befand, fühlte sich beim
freiwilligen Todeswerk „heiter“. Als Außenseiter der Literatur stand er jenseits
der Weimarer Klassik und Romantik, immer auf der Suche nach dem Glück, das sich
als trügerisch erwies. Sein umfangreiches dramatisches Werk wurde zu seinen
Lebzeiten nicht genügend anerkannt. Kleist schrieb aber auch Komödien,
Erzählungen, Lyrik und diverse Schriften.
Die Spielpläne für das Kleist-Jahr sehen viele Inszenierungen vor. Im
Maxim-Gorki-Theater in Berlin wird unter der Leitung von Armin Petras das
gesamte dramatische Werk Kleists auf die Bühne gelangen. Das Staatstheater
Nürnberg bereitet „Penthesilea“ vor, Premiere ist am 29. April.
Der Ausstellungsreigen beginnt in Kleists Geburtsstadt Frankfurt an der Oder und
in Berlin, er reicht über das ganze Jahr
Die vollständige Besprechung mit Abb. von Roland Mischke finden Sie unter Nürnberger Nachrichten
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0111 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Nürnberger Nachrichten