Heinrich von Kleist, Historisches Portrait von Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist im Alter von 23 Jahren, s/w Foto eines Gemaeldes, wohl von Peter Friedel 1801, aus Privatsammlung; Reproduktion und Copyright: foto-poklekowski

Heinrich von Kleist
Repro: Doris Poklekowskii

www.foto-poklekowski.de

Der Dichter, dem auf Erden nicht zu helfen war
Rechtzeitig zum 200. Todestag Heinrich von Kleists wird die nationale Gedenkstätte in Berlin neu gestaltet
Besprechung von Roland Mischke in den Nürnberger Nachrichten vom 6.01.2011:

2011 wird ein Kleist-Jahr: Vor 200 Jahren ist der Dichter des „Zerbrochnen Krugs“ mit seiner Gefährtin aus dem Leben geschieden. In diesem Jahr erinnern viele Inszenierungen, Ausstellungen und neue Bücher an Heinrich von Kleist (1777—1811).

Die Umstände sind erbärmlich. Zum Ort, an dem sich Heinrich von Kleist am 21. November 1811 tötete, weist eine verkitschte Bronzetafel am S-Bahndamm nahe der Station Berlin-Wannsee. Der Weg führt durch eine Sackgasse mit Ruder- und Segelclubhallen, dann über einen kurzen, verwilderten Waldweg hinab zu einem Plateau am Kleinen Wannsee. Der Gedenkstein dort stammt aus nationalsozialistischer Zeit, auf ihm steht eine Zeile aus dem letzten Drama „Der Prinz von Homburg“ des unglücklichen preußischen Offiziers: „Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein.“

Daneben eine schlichte Grabtafel für Henriette Vogel, Kleists Geliebte, der er auf ihren Willen hin mit einem Schuss die Brust zerfetzte, bevor er sich mit der Waffe, die er sich in den Mund schob, aus dem Leben beförderte. Das ist eine nationale Gedenkstätte, ein Wallfahrtsort für Kleist-Fans, umspült von grauem Wasser, im Gestrüpp flattern zerfetzte bunte Plastiktüten im Wind, zurückgelassen sind Grillreste und Hundekot.

Seit Jahren wird die Umgestaltung des Kleist-Grabs am Kleinen Wannsee angemahnt, aber es fehlte an Geld. Nun hat die Cornelsen Kulturstiftung 500.000 Euro zur Verfügung gestellt, es fördern auch die Kleist-Gesellschaft und die Bundeskulturstiftung, die 2011 zum Kleist-Jahr ernannt hat. Landschaftsarchitektonisch wird die kleine Anhöhe umgewandelt, neue Informationstafeln informieren über die Geschichte des Ortes, sollen aber „nicht nur die Lebens- und Todesgeschichte des Dichters und seiner Gefährtin erläutern, sondern auch den vorhandenen Grabstein aus der NS-Zeit kommentieren“, so Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz.

Die Hitlerzeit wollte Kleist ideologisch vereinnahmen, die seinerzeit gesetzten Spalier-Pappeln um das Grab verdorrten. Dass Kleist und die verheiratete, krebskranke und todessüchtige Henriette an diesem Platz unter riesigen Eichen und Ahorn gestorben sind, ist durch Zeugen belegt. Nach den Schüssen, die im nahegelegenen Gasthof „Neuer Krug“ Aufmerksamkeit erregt hatten, waren sofort Ärzte und Untersuchungsbeamte herbeigeholt worden. Sie fanden auch die handgeschriebenen Abschiedsbriefe.

Sicher ist, dass Kleist, wie von ihm und „Madame Vogel“ gewünscht, mit seiner Gefährtin in zwei Särgen am Sterbeort beerdigt worden ist. Ob genau an der Stelle vor dem heutigen Geländer, ist umstritten. Die Beerdigung hier war eine Notlösung, Selbstmörder durften nicht in geweihte Erde.

Kleist wollte der Souverän seines Lebens sein, selbst über sein Schicksal entscheiden. Nachdem sein Lebensplan in sich zusammengefallen war und er verzweifelte, war die Selbsttötung die konsequente Folge. Ausschlag gegeben haben soll, dass er nach Würzburg gegangen war, um die Vorhautverengung an seinem Penis operativ verändern zu lassen, was nicht zufriedenstellend gelang. Da war das Maß voll.

Er, „dem auf Erden nicht zu helfen war“, wie er befand, fühlte sich beim freiwilligen Todeswerk „heiter“. Als Außenseiter der Literatur stand er jenseits der Weimarer Klassik und Romantik, immer auf der Suche nach dem Glück, das sich als trügerisch erwies. Sein umfangreiches dramatisches Werk wurde zu seinen Lebzeiten nicht genügend anerkannt. Kleist schrieb aber auch Komödien, Erzählungen, Lyrik und diverse Schriften.

Die Spielpläne für das Kleist-Jahr sehen viele Inszenierungen vor. Im Maxim-Gorki-Theater in Berlin wird unter der Leitung von Armin Petras das gesamte dramatische Werk Kleists auf die Bühne gelangen. Das Staatstheater Nürnberg bereitet „Penthesilea“ vor, Premiere ist am 29. April.

Der Ausstellungsreigen beginnt in Kleists Geburtsstadt Frankfurt an der Oder und in Berlin, er reicht über das ganze Jahr

Die vollständige Besprechung mit Abb. von Roland Mischke finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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