Georg Klein, 2002, Foto: Ekko von Schwichow

Georg Klein Foto: Ekko von Schwichow
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Karriere eines Unzeitgemäßen.
Und plötzlich war er wer: Der Spätdurchstarter Georg Klein ist "Poet in Residence" an der Essener Universität und tritt in der kommenden Woche sein Amt als lehrender Dichter an.
Von Steffen Richter
in der NRZ, 30. April 2004:

Es ist ein bisschen wie im Märchen. Da schreibt einer und schreibt. Zwei Jahrzehnte lang wandern Romane und Erzählungen in die Schublade. Keiner will sie drucken. Unterdessen wird eine ganze Riege munter drauflos schwätzender Jungautoren ans literarische Firmament katapultiert. Ein Fräuleinwunder jagt das nächste. Unser Autor ist derweil Mitte vierzig. Und er würde wohl noch heute unerkannt vor sich hin werkeln, hätte sich ein junger, mutiger Verleger nicht den Teufel darum geschert, was seine Kollegen für gute Literatur halten. Im Herbst 1998 erscheint im Alexander Fest Barbar Rosa von Georg Klein, 2001, Fest-VerlagVerlag schließlich ein überraschender Debütroman. Die Kritiker reiben sich die Augen - und sind entzückt. So etwas hatten sie lange nicht auf ihren Schreibtischen. Der Schriftsteller heißt Georg Klein, sein Buch "Libidissi".

Was der 1953 in Augsburg geborene Georg Klein in den nächsten Jahren erlebt, ist eine Erfolgsgeschichte im Zeitraffer. Der folgende Erzählungsband "Anrufung des blinden Fisches" wird überschwänglich gefeiert. Fast im Vorbeigehen gewinnt Klein den Bachmann-Preis des Jahres 2000. Und zwar mit einem Ausschnitt aus dem Roman "Barbar Rosa", der ihn im Frühjahr darauf zum ungekrönten König der Leipziger Buchmesse macht. Es folgt ein zweiter Band Erzählungen mit dem traktatartigen Titel "Von den Deutschen". Nun ist für diesen Sommer endlich ein neuer Roman angekündigt: "Die Sonne scheint uns".

Was Georg Klein über Jahre den Weg zum Publikum verbarrikadierte, waren sowohl seine Themen als auch seine Sprache. "Schreiben Sie doch mal was über Ihre Kindheit oder Ihren Vater!", hat man ihm geraten. Oder: "Können Sie das nicht ein bisschen amerikanischer auch in der Sprache machen?" Klein wollte weder das eine noch das andere. Ökonomisch erzählen, das schon. Kein Gramm Fett schleppen seine Bücher mit sich herum. Und sie sind spannend. Denn Klein bedient sich meisterhaft aus dem Fundus der Genreliteratur. "Libidissi" etwa ist ein Agentenroman, "Barbar Rosa" eine Detektivgeschichte. Freilich eben nicht in klassischer Reinheit.

Propheten und Dampfbadbesitzer, Händler von Gebrauchttexten und bucklige Gräfinnen bevölkern Kleins poetisches Universum. Wundersame Drogen wie das mysteriöse Mixgetränk Suleika oder der Alkoholverstärker Sucko sorgen für Bewusstseinerweiterungen. Es geht um Gewalt, Rassismus, Kunst und die Grenzen der Aufklärung. All das erzählt Klein in einer Sprache, die funkelt. Seh-, Riech- und Geschmacksnerven sind ausgelastet. Doch nicht nur das. "Gewogenheit", "Besinnung" oder "Saumseligkeit" heißen die Kapitel in "Libidissi". Wenn "Von den Deutschen" die Rede ist, spricht er von "Riesen", "Recken" und "Wichten". Selbst ein "altertümelndes einsilbiges deutsches Grußwort" wird da umspielt. Welchen Nutzen oder Nachteil die Historie für das Leben bereithält, ist eines von Kleins Kernthemen.

Als der Erfolg sich einstellte, wurde Georg Klein schlagartig zu einem der begehrtesten Mitspieler im deutschen Literaturbetrieb. Klein ist kein scheuer Dichter. Er weiß, dass es Vermittlungsinstanzen braucht, um Literatur ins Gespräch zu bringen. Sicher, die Wahrnehmung seiner Person als "Autorfigur" ist ihm nicht gleichgültig. Virtuos spielt er auf den verschiedenen Bühnen. Dazu gehört auch, die eigenen Texte im mündlichen Vortrag zum Schillern zu bringen. Georg Klein ist einer der wenigen deutschen Schriftsteller, die aus der Dichter-mit-Wasserglas-Lesung ein Erlebnis machen. Auch deshalb ist er eine Idealbesetzung auf dem Posten des Poet in Residence an der Universität Duisburg-Essen. In öffentlichen Vorlesungen wird vom 3. bis 6.5. verhandelt, was eigentlich "Literaturerfahrung" und "Gegenwartsliteratur" ist. Und was es mit "Amerikanismus" und dem "Deutschen" auf sich hat (jeweils 16-18 Uhr im Saal der Universitätsbibliothek auf dem Essener Campus). Am 6.5. schließlich liest Georg Klein im Grillo-Theater aus seinem unveröffentlichten Roman (20 Uhr). Ein Sonnenstrahl über dem Literaturstandort Essen. (NRZ)

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