Sarah Kirsch: Alles Spatzen und Gänseblümchen, 2007, Der HörverlagDie trotzige, zärtliche Melancholie der Sarah Kirsch
Die Dichterin der „Katzenkopfpflaster“ und der „Tiger im Regen“ ist tot: Die mit vielen Preisen ausgezeichnete , aus der DDR stammende und 1977 in den Westen emigrierte Lyrikerin Sarah Kirsch starb bereits am 5. Mai im Alter von 78 Jahren im holsteinischen Heide. Ein Nachruf.
Von Jens Dirksen aus der NRZ vom 22.5.2013:

Zärtliche Melancholie konnte niemand so wie Sarah Kirsch. Sie sprach Menschen aus den Tälern der Seele, die im Schatten der politischen Großwetterlage auskühlten, und ließ selbst dunkle Verse von der Sehnsucht nach Farbe sprechen. Sarah Kirsch malte gerne Aquarelle, aber eben nur manchmal mit dem Pinsel, meist jedoch mit Worten: Die Wirklichkeit schimmerte stets wie das Weiß des Blattes durch die Farben, die sie beherzt setzte, mit untrüglichem Gespür für Nuancen und den Schimmer, der davon zeugt, dass die Welt auch ganz anders sein könnte, menschlicher und kätzischer zugleich.

Sarah Kirsch stand für den eher seltenen Fall einer lesbaren, hörbar guten und doch verständlichen Lyrik. Aus der Art, wie sie sich im Bildervorrat von Natur und Alltag bediente, spricht ein Ich, das hin- und hergerissen ist wie wir alle: Hier der Wunsch, vom Wüten der Welt in Ruhe gelassen zu werden - dort die Sehnsucht, in derselben Welt Menschen zu finden, denen ein Ich sich zuwenden kann, ohne zum Es zu werden.

Zaubersprüche von Sarah Kirsch, 1977, LangewioescheNebenjob in der Zuckerfabrik

Zwischen Schule und Studium arbeitete die 1935 im Südharz geborene Sarah Kirsch in einer Zuckerfabrik, später wechselte sie mit dem Fach – von der Biologie zur Literatur – auch die Universität, von Halle nach Leipzig. Sie gehörte zu den DDR-Autorinnen, für die der „Bitterfelder Weg“ keine dichterische Sackgasse wurde, weil sie rechtzeitig eine Abzweigung genommen hatte vom „sozialistischen Realismus“.

Katzenkopfpflaster von Sarah Kirsch, dtv1977 aber, nach ihrem Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung aus der DDR, musste sie selbst das „kleine wärmende Land“ ihrer Jugend verlassen und zog sich ins Idyll des schleswig-holsteinischen Thielenhemme zurück. Sarah Kirsch war und blieb eine mutige Frau, zeitlebens (und besonders in dem Band „Katzenkopfpflaster“) ohne Scheu vor jener riskanten Nähe zum Klischee, die deutsche Lyriker mit Vorliebe für politisch-zynische Abgebrühtheit und Eiertänze im Wissenschaftsjargon nur allzu gern meiden, um bloß nicht in den Verdacht der Gefühligkeit zu geraten.

Klare, trotzige Bilder

Ihr Wissen, ihre Erfahrung kleidete diese Verdichterin gern in klare, trotzige Bilder, sie wagte nicht nur ein Gespräch über Bäume in Zeiten, die dafür nicht geeignet schienen, sie schrieb sogar über schlechtes Wetter:

„Aber es regnet den siebten Tag,
Da bin ich bös bis in die Wimpern
Ich fauche mir die Straße leer
und setz mich unter ehrliche Möven.“

Das Ich, das durch ihre Gedichte wandert, ist mehr und mehr ernüchtert, enttäuscht, desillusioniert – aber stets versehen mit der Selbstgewissheit, in der das Aussprechen Misere immerhin schon der erste Schritt aus ihr heraus ist. Der wissenden Dichterin Sarah Kirsch war nur zu klar, auf wessen Schultern sie steht, ungezählt sind ihre Reverenzen an Petrarca und Bettina von Arnim, an die Brüder Grimm und Goethe.

Mit mehreren Preisen geehrt

Lange bevor sie nach dem Büchnerpreis (1996) auch den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis zugesprochen bekam, verbeugte sie sich vor dieser Ahnin im Blick auf den Mikrokosmos Natur und die Galaxien der Gefühle in dem berühmt gewordenen Gedicht „Der Droste würde ich gern Wasser reichen“, das in eine geradezu zärtliche Umarmung mündet. Auch hier spricht sich wieder jene Sehnsucht aus, für sich zu sein und doch zugleich für andere da.

Im Zwinkern schließlich war Sarah Kirsch auch Heines Enkelin, die ihren Büchern Titel wie „Zeilen und Wunder“ gab. Gegen Ende ihres Lebens neigten ihre Verse zum unverhofften Verstummen, zum Abbrechen, sie wurden dunkel mitunter, blieben aber vom Erhellen durch Literatur überzeugt:

„Gedichte also sind
Sonderbare kleine
Katzen denen gerade
Die Augen aufgehen.“

Wie ihr Verlag DVA heute bekannt gab, ist Sarah Kirsch bereits am 5. Mai im Alter von 78 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit im holsteinischen Heide gestorben. Die Beisetzung soll im engsten Familienkreis stattfinden.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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